In ihrer Kolumne »Miss Marples Krimitipps« schreibt die Buchhändlerin Cornelia Hüppe einmal im Monat ihre aktuellen Krimi-Empfehlungen nieder, erzählt, welche Autoren sie begeistert, welche Geschichten sie fasziniert haben.
Dieses Mal mit dabei: Richard Lange, Caryl Férey und Viveca Sten.
Die Beitragsreihe »Backlist« widmet sich Büchern, die nicht zu den aktuellen Neuerscheinungen gehören, sondern schon ein – mal längeres, mal kürzeres – Weilchen im Programm eines Verlages bestehen. Thematisch zusammengefasst stelle ich an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen interessante Titel vor. … mehr erfahren
Diesen Kriminalroman fand ich so großartig, dass ich gar nicht weiß, wohin mit all meiner Freude. Bücher, die so richtig begeistern, sind immer etwas besonderes und »Happy birthday, Türke!« mit Worten gerecht zu werden, ist gar nicht so einfach. Wenn ein Roman es mir so richtig angetan hat, neige ich außerdem zur Glorifizierung. Aber wenn eine Geschichte, in meinen Augen, so verflixt genial erzählt wird, so rund, so zufriedenstellend in allen für mich relevanten Punkten, ja was bleibt mir da mehr, als euphorisch zu sein.
Privatdetektiv – like a pro
Besonders, da ich von Hause aus eine Schwäche für diese Art von Detektivromanen habe. Der hartgesottene Privatdetektiv, der sein Whiskeyglas nicht nur in einem Zug leert, sondern es auch zerkaut, hinunterschluckt, aufsteht, loszieht und seinen verdammten Fall klärt. Für diese Art von Figurenzeichnung sollte man ein wenig Begeisterungsfähigkeit mitbringen, um Freude an den Geschichten um den Frankfurter Privatdetektiv Kayankaya zu haben.
Kemal Kayankaya, 26, Privatdetektiv in Frankfurt am Main, versteht wunderbar hessisch, aber kein Wort türkisch. Da fühlen sich schon die ersten auf den Schlips getreten, türkische wie hessische Mitbürger. In Ankara geboren, ist er nach dem Tod seiner Eltern in Frankfurt am Main aufgewachsen, ein hessischer Bub durch und durch, auch wenn seine Mitmenschen in ihm nur den Türken sehen. Es gibt viele Szenen, die das Thema aufgreifen und erstaunlich wenige Menschen in diesem Buch, die ohne Schranken denken können. Bedenkt man, dass »Happy birthday, Türke« in den frühen 1980er Jahren geschrieben wurde, fällt auf, dass … ja, was eigentlich? Dass auch in den 80er Jahren Alltagsrassismus überall anzutreffen war? Dass Menschen damals auch nicht klüger waren, nicht toleranter? Aber es gibt wie immer beide Seiten, die netten und die garstigen, auch im Buch. Damals und heute.
Fliegende Fäuste
Und das Buch will da auch gar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger mahnen, zumindest kam es mir so nicht vor. Es bildet einfach die Realität ab, gerade was die sozialkritischen Themen angeht. Die Story selbst ist fiktiv und dabei ein absolut stimmiger Kriminalfall. Und es geht ordentlich zur Sache, ganz so, wie ich es mir bei einem Privatdetektiv-Krimi vorstelle. Es wird gepflegt ausgeteilt und eingesteckt, im Milieu ermittelt, man trifft sich in dunklen Gassen und in noch dunkleren Kneipen. Fäuste fliegen, ebenso die dicken Sprüche, und das alles mit einer klitzekleinen Prise Humor, einer Art Nonchalance.
Ganz der toughe Typ, der Kayankaya, trotz zerschlagener Nase. Zugeschwollenes Auge, Tritte in die Nieren, ach was, das macht doch nichts. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ein Privatdetektiv auch nicht. Diese Attitüde macht für mich den Charme solcher Geschichten aus.
Das hat Charme
Charme hat auch die Art, wie Jakob Arjouni die Geschichte erzählt. Sehr konzentriert und doch mit ein paar Anekdoten hier und da kommt ein perfektes Lesetempo zustande, auf gerade einmal 170 Seiten entsteht eine Geschichte, die man auf 400 Seiten auch nicht besser hätte erzählen können. Es ist einfach alles drin, alles dran. Ein Privatdetektivkrimi, hard-boiled wie man es aus den USA kennt, aber dabei doch ganz verwurzelt in dem, was die damals noch deutsch-deutsche Geschichte prägte. Ein Kriminalroman mit einem starken Zeitgeist.
Jakob Arjouni hat neben zahlreichen anderen Romanen insgesamt 5 Bände der Kemal Kayankaya-Reihe geschrieben, der letzte Band „Bruder Kemal“ erschien 2012. Der Autor verstarb 2013 und hinterlässt mit seinem Werk einen der wichtigsten Wegsteine der jüngeren, deutschsprachigen Kriminalliteratur.
Fazit: Ein wunderbares Stück Kriminalliteratur. Der Privatdetektiv Kemal Kayankaya ist mit seinen 26 Jahren noch nicht ganz so abgefuckt wie manch andere Ermittler in diesem Genre, hat aber trotzdem die nötige Tiefe und die richtige Einstellung, um als Figur zu funktionieren und zu begeistern. Ein Krimi, den man lesen sollte, wenn man sich ein umfangreiches Bild von der jüngeren, deutschsprachigen (Kriminal-)Literatur machen möchte.
In ihrer Kolumne »Miss Marples Krimitipps« schreibt die Buchhändlerin Cornelia Hüppe einmal im Monat ihre aktuellen Krimi-Empfehlungen nieder, erzählt, welche Autoren sie begeistert, welche Geschichten sie fasziniert haben.
Dieses Mal mit dabei: Giancarlo de Cataldo & Carlo Bonini, Adrian McKinty und Judith Arendt.
Zinzi December hat ein Faultier. Ein putziges Ding, ab und an schnauft es verächtlich, wenn Zinzi etwas macht, das es nicht gutheißt. Ansonsten hängt es meist träge herum und tut, was Faultiere eben so tun, was in der Summe nicht viel ist. Und wenn Zinzi die Wohnung verlässt, hängt sich das Faultier wie ein Rucksack auf ihren Rücken und begleitet sie. Dieses Faultier geht überall mit ihr hin. Es ist immer dabei. Immer. Für immer. Denn Zinzi hat ihren Bruder erschossen und gehört seitdem zu den Getierten.
Die Beitragsreihe »Backlist« widmet sich Büchern, die nicht zu den aktuellen Neuerscheinungen gehören, sondern schon ein – mal längeres, mal kürzeres – Weilchen im Programm eines Verlages bestehen. Thematisch zusammengefasst stelle ich an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen interessante Titel vor. … mehr erfahren