Ryu Murakami – Piercing

Endlich Ryu Murakami! Wollte ich schon so lange lesen, aber man kommt ja immer zu nichts. »Piercing« stand gefühlte Ewigkeiten in meinem Bücherregal, einige andere seiner Romane sind auf meiner Leseliste vorgemerkt. Der Autor und seine Geschichten interessieren mich, ganz offensichtlich.

»Piercing« kommt dazu noch mit dem Sicherheitsbackup, im Liebeskind Verlag erschienen zu sein, was, egal ob es im Einzelfall meinen Geschmack trifft oder nicht, in jedem Fall immer wertige Literatur bedeutet.

 

Das Ventil

Und so entwickelt sich dann auch »Piercing« relativ schnell zu einem Erlebnis, einem sehr eindringlichen und unter die Haut gehenden. Man verzeihe mir die platte Anspielung. Aber tatsächlich gelingt Ryu Murakami mit seinem Erzählen der Aufbau einer sehr klaustrophobischen Nähe zu der Psyche seines Protagonisten Masayuki Kawashima.

Der ist Grafiker in einer großen Werbeagentur und steht neuerdings nächtens am Bett seiner vier Monate alten Tochter und streicht ihr mit einem Eispickel über das Gesicht, um sich zu vergewissern, dass er ihr nichts antun würde. Denn Kawashima traut sich selbst nicht. Nicht sich und nicht seinen nächtlichen Panikattacken und Aussetzern, die ihm Sinne und Verstand rauben, die seine Nervenzellen zum Explodieren bringen.

Schon einmal hat er eine Frau mit einem Eispickel verletzt. Ihn ihr in den Bauch gestoßen. Damals war er 19 Jahre alt.

Heute ist Kawashima glücklich und geborgen in der Ehe mit seiner Frau Yoko. Und doch nagt wieder an ihm seine Schlaflosigkeit, die nächtliche Angst und Unruhe. Beim Windelkaufen rät ihm dann eine vertraute Stimme in seinem Kopf zu einem Ausweg. Töte jemand anderen mit dem Eispickel. Nicht deine Tochter, nicht deine Frau. Suche Dir ein Ventil.

 

Der Plan

Kawashima legt sich also einen Plan zurecht. Er geht sorgfältig seine Optionen durch und bereitet minutiös eine Tat vor, die ihn zum Mörder werden lassen wird. Doch er hat die Rechnung ohne sein Opfer gemacht und ahnt nicht, dass die Frau, die er zu töten ersucht, Chiaki, so unberechenbar und zerbrechlich ist wie er selbst.

Und dann geht es los mit dem Tanz am Rande des Wahnsinns und über ihn hinaus, in einer Nacht in Tokio. Chiaki und Kawashima, ein faszinierendes, zerstörerisches und gleichzeitig filigranes literarisches Duo.

Aus ihrem Aufeinandertreffen entwickelt die Geschichte eine Spannung, eine Kompression und eine Bedrohlichkeit und Paranoia, die Ryu Murakami so konzentriert zu Papier bringt, dass es einem wirklich an die Nieren gehen kann.

Das beginnt schon bei den Szenen der Ausarbeitung des Mordplans. Kawashima geht hier ganz sachlich und strukturiert vor, entwickelt dabei aber eine Art Manie für Details, die über die schlichte Notwendigkeit des Mordes als Ventilfunktion weit hinausgeht und den Blick auf eine pathologische Fantasterei freigibt, die man dann tendienziell schon in die Richtung unheimlicher Mörder packen würde.

Ryu Murakami formuliert hier relativ präzise, im knappen Stil und komprimiert damit noch mehr, treibt die Geschichte konstant voran. Dabei entsteht ein ziemlich cooler Rhythmus, der drängend ist und den Leser mitzieht. Ich mochte das sehr, das hat für mich sehr gut funktioniert.

 

Täter und Opfer

So gesellt sich also während der Planung des Mordes zu der eigentlich gequälten Seele Kawashima, der nur sein friedliches Familienleben vor sich selbst bewahren will, eine Note von Versessenheit und scheinbarer Vorfreude. Aus Qual entwickelt sich Erregung. Was dann auch das passende Stichwort für die Figur der Prostituierten Chiaki wäre. Zu der ich aber eigentlich gar nicht viel sagen möchte, weil ihre Geschichte erst mit ihrem Auftauchen nach dem ersten Drittel des Romans erzählt wird und ich dem nicht vorgreifen will.

Allerdings ist ihre Rolle letztlich genauso dominant wie die Kawashimas, sodass man zumindest betonen möchte, was für eine interessante Position ihre Figur in diesem Spiel einnimmt. Die Figurenkonstellation in »Piercing« ist damit in jedem Fall eine Besonderheit, eine Stärke und eine Facette, die die Dynamik des Romans ganz wesentlich steuert.

Gerade in Bezug auf das Täter-Opfer-Gefüge. Und es ist nicht nur ein bloßes Umkehren der Verhältnisse, so einfach gestrickt ist Ryu Murakamis Roman nicht. Vielmehr rückt der kaleidoskopartige Blick in die Psychen von Chiaki und Kawashima den Blickwinkel auf das Geschehen in immer wieder neue Perspektiven, verschiebt Macht und Absichten.

 

Das ungute Gefühl

Dramaturgisch macht dieser Roman auch einfach wahnsinnig viel richtig. Ich hatte während der Lektüre sehr bald das stetige und beklemmende Gefühl, dass diese Nacht einfach nicht gut enden kann. Dass keinesfalls beide diese Nacht überleben könnten. Ich wusste nur zu keinem Zeitpunkt, wen es treffen würde.

Auch geradezu genial ist hier der sehr wirkungsvolle Einsatz von inneren Monologen und dem tatsächlich Gesagten zwischen den beiden Figuren.

Den Großteil der Handlung von »Piercing« verdichtet Ryu Murakami also tatsächlich in einer Nacht, erst in einem Hotelzimmer, später dann in dem Einzimmerapartment Chiakis. Und es ist fast eine Art schicksalhafte Begegnung, die von unglaublich viel erlittenem Kummer und erduldetem Schmerz erzählt und die am Ende vielleicht sogar eine Rettung sein kann. Zumindest für diesen Moment.

 

Stilsicher

Der zeitliche Rahmen, gepaart mit Ryu Murakamis komprimiertem Erzählen und dem Verzicht auf eine emotionale, gefühlsbetonte Sprache, lässt »Piercing« stilistisch dann einen eher gefassten, asketischen Ton anschlagen, der dadurch aber umso stärker ins Mark dringt. Die Atmosphäre ist geschwängert von so viel Verzweiflung, ist so stark durch die Figuren und ihr inneres Chaos geprägt, dass die klare Sprache des Autors der perfekte Nährboden für diese Szenerie ist.

Und je länger ich über »Piercing« nachdenke, umso klarer komme ich zu dem Fazit, dass so für mich ein guter Psychothriller funktioniert. Dass ich »Piercing« als Psychothriller absolut großartig umgesetzt und extrem gelungen inszeniert finde. Und das hat nichts mit den vorhersehbaren Modellpsychothrillern zu tun, die den Markt fluten, das hier ist anders. Kunstvoller, verwobener, literarischer, tiefer, ehrlicher, nackter, weniger konstruiert.

Ryu Murakami nutzt das Format des Psychothrillers auf einem Niveau, dass die Möglichkeiten und das Potential dieses Subgenres hervorragend ausschöpft, dass zeigt, was möglich ist und wie man auf dieser Ebene spannende und beklemmende und durchaus auch emotional fordernde und den Leser vielleicht auch unangenehm bedrängende Geschichten erzählen kann.

Denn »Piercing« ist kein Ponyhof. Es ist auch kein furchtbar sinnlos brutaler Roman, aber er tut schon weh. Er ist blutig, er ist gewaltsam, er erzählt von schwerem Kindesmissbrauch, von psychischen Angstzuständen, von Sex, von Hilflosigkeit. Dass man das alles erträgt, liegt an dem Stil des Autors und an seiner elektrisierenden Figurenkonstellation, an Chiaki und Kawashima, die eigentlich kämpfen, um ihre Leben zu leben, die ihnen genommen wurden von denen, die sie ihnen gaben.

 

 


© Liebeskind Verlag
Ryu Murakami – Piercing

Originalausgabe »Piercing« (1994)

aus dem Japanischen von Sabine Mangold

Februar 2009 im Liebeskind Verlag

Gebunden mit Schutzumschlag | 176 Seiten | 16,90 EUR

Genre: Psychothriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Tokio, 1990er Jahre

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Kriminalliteratur aus Ostasien« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

Noch ein kurzer Nachtrag für alle Film-Interessierten: Es existiert tatsächlich eine relativ frische Verfilmung dieses Romans unter gleichnamigen Titel, »Piercing«. Regie führte Nicolas Pesce, in den Hauptrollen Christopher Abbott (»The Sinner«) und Mia Wasikowska (»Alice im Wunderland«). Der Trailer sieht nicht uninteressant aus, für meinen Filmgeschmack aber eventuell einen Tick zu viel Horror/Mystery. Wer weiß, vielleicht mal reingucken.

11 Kommentare zu “Ryu Murakami – Piercing

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  • 17. September 2019 at 12:59
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    Ich hab es gerade schon beim Teilen der Rezension geschrieben, aber ich kann mich nur wiederholen: ein Buch welches mich so gar nicht angesprochen hat, aber nach Deiner Rezension definitiv in mein Regal wandern muss. Was für eine tolle Rezi! Ganz lieben Dank fürs Aussuchen, Lesen, Vorstellen!

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    • 17. September 2019 at 13:16
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      Dankeschön, das höre ich enorm gern und nichts ist cooler, als jemand auf einen Roman neugierig machen zu können! 😀 Sieh mich tanzen! 😀

      Gerade dieser hier lohnt, finde ich, sehr, auch weil ich die Entwicklung der Psychothriller in den letzten Jahr(zehnt)en doch eher schwierig fand. Aber gut, »Piercing« ist auch von 1994. 😀

      So oder so, spannendes Puzzleteil in unserem Ostasien-Spezial, ich bin sehr happy, dass ich den Roman dadurch endlich gelesen habe. Und habe mir auch schon den nächsten Murakami organisiert, auch einen älteren aus den 90ern.

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  • 17. September 2019 at 21:03
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    Sehr gelungene Rezension. Ich muss sagen, dass mich dieses Buch durch deine Rezi bisher aus eurem Spezial am meisten anspricht.

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    • 18. September 2019 at 13:16
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      Vielen, vielen Dank, Gunnar! Oh das freut mich, wenn Dir das Buch zusagt! Ich meine ich bin da ja auch spät zur Party, der Roman stand ewig ungelesen in meinem Regal und ist, soweit ich das überblicken konnte, aktuell nur noch antiquarisch erhältlich. Insofern ist die Empfehlung jetzt nicht gerade up-to-date, aber sie kommt tatsächlich von Herzen. 🙂

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  • 20. September 2019 at 19:07
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    <3
    Mein Liebling!
    Wie schön, dass er dir auch gefällt :3

    (und deswegen will ich den Film gar nicht gucken, werde ihn nicht mögen, der Trailer sagt mir schon nicht zu und scheint zu weit weg vom Buch zu sein …)

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    • 21. September 2019 at 14:36
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      Ich freue mich schon auf den nächsten Roman von ihm, ich glaube, an den Stil könnte ich mich gewöhnen. 🙂

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  • 27. September 2019 at 21:27
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    Hallo,

    von dem Autor und aus dem Verlag wollte ich auch schon lange mal was lesen… Zumindest ein paar eBooks von Liebeskind warten schon auf dem Reader.

    Das mit dem Eispickel ist ja schon einer sehr starkes, beunruhigendes Bild… (Irgendwie klingelt es da, ich habe doch letztens auch ein Buch gelesen, wo der Vater ausgetestet hat, ob er seinen Kindern was antun würde? Was war das noch?! “Durch die Nacht” vielleicht?)

    Das Buch klingt sehr ungewöhnlich und reizt mich daher auch besonders. Das muss mal auf die Leseliste!

    LG,
    Mikka

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    • 28. September 2019 at 15:22
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      Hello again!

      Erstmal vielen Dank für deine Kommentare!

      Mhm, ja, Liebeskind ist immer eine lohnende Adresse, da steht auch einiges in meinem Regal und ich freue mich immer auf die neuen Programme und Titel, die der Verlag am Start hat. 🙂

      Und bei “Piercing”: Definitiv eines der interessantes “Pärchen” in der Kriminalliteratur, das mir in den letzten Jahren untergekommen ist. 🙂

      Liebe Grüße!

      Reply

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