Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag

Um ehrlich zu sein, hat mich schon lange keine Lektüre mehr so ratlos zurückgelassen wie »Dein Schatten ist ein Montag« von dem südkoreanischen Autor Jung-Hyuk Kim. Und das muss ja ansich nichts Schlechtes sein, ist es hier aber blöderweise irgendwie. Und das, obwohl ich eigentlich jede Form von »irgendwie anders« sehr mag.

 

Keine Ahnung

Warum also tanze ich nicht euphorisch herum und freue mich, ob dieses irgendwie eigensinnigen und nicht so leicht beizukommenden Romans? Ich weiß es nicht. Selten wusste ich über meine Meinung zu einem Text so wenig, wie nach dieser Lektüre. Was wollte der Autor hier von mir? Warum schwankt die Qualität seiner Szenen und Dialoge so sehr? Ist das Absicht? Ist das Kunst? Soll mir das etwas sagen? Und wo ist der rote Faden und warum ist der am Ende so verdammt schön? Was habe ich vorher übersehen?

Oder ist das auf einer Meta-Ebene vielleicht ein Jux, ein Schelmenstück? Will der Autor spielen? Oder herumulken? Spotten? Über Literatur? Über den Leser? Ist das Satire? Eine Persiflage? Ich weiß es nicht. Habe keine Idee. Ich stehe im Wald. Leute, das wird eine lustige Buchbesprechung!

 

Keine Spuren

Fangen wir also am Anfang und mit dem Inhalt an. Privatdetektiv Dongchi Gu hat sich auf einen besonderen Zweig der Ermittlertätigkeit spezialisiert. Er ist ein »Deleter«, ein Löscher, ein Ausradierer. Klienten kommen zu ihm und schließen einen Vertrag darüber ab, dass im Falle ihres Ablebens Gu eine Reihe von Daten, Unterlagen oder persönlichen Gegenständen verschwinden lässt, die die Hinterbliebenen möglichst nicht zu Gesicht bekommen sollen.

Das geht von Tagebüchern, Fotos oder Briefen über Daten im Internet bis hin zu Festplatten, USB-Sticks oder Tablets. Alles, wovon der Klient meint, dass es ihn nachträglich in ein schlechtes Licht rücken könnte, und das können private Sentimentalitäten ebenso sein wie illegale Machenschaften, verpflichtet sich Gu per Vertrag unverzüglich nach ihrem Tod zu vernichten.

Und an dieser Stelle kann man einmal kurz innehalten und sich über diese Steilvorlage freuen. Denn für einen Roman könnte es keine bessere Ausgangssituation geben, um eine saftig-fiese Geschichte über menschliche Charakterdefizite, über Heuchelei, Scheinheiligkeit, Unaufrichtigkeit und Egozentrik zu schreiben. Ist hier aber nicht passiert. Und wenn doch, dann habe ich es nicht mitbekommen. Höchstens Sub-Subtext. Aber das ist schon relativ viel Subtext. Dabei mag ich Subtext.

 

Kein Tablet

Zurück zum Inhalt. Gu also soll sich um die nicht vorzeigbaren Spuren bewegter Leben kümmern, sobald ein Klient abtritt. Und das tut zu Beginn des Romans auch einer und zwar Donghun Bae, der mit Gu einen Deleting-Vertrag abgeschlossen hatte und sein Tablet vernichtet wissen wollte. Damit ist Gu in seiner Funktion als Deleter nun also am Zug und muss das Tablet des Verstorbenen finden und zerstören. Das Tablet aber ist verschwunden. Und Donghun Bae eventuell ermordet worden, was die Polizei auf den Plan ruft.

Und dann wird also unter Einmischung verschiedenster Parteien ein Tanz um dieses Tablet veranstaltet, nebenbei Tennis gespielt und Pornos gedreht, ein Stadtviertel gentrifiziert, eine Festplatte gesucht, eine Kampfkunstgruppe zweckentfremdet und ein Firmenchef erpresst.

 

Kein Pardon

Das alles von einem Personal, das irgendwo zwischen Überzeichnung und Kauzigkeit angesiedelt ein Gewusel an Figuren ergibt, das ich zum Teil als zugegeben eher nervig denn unterhaltend oder gar subtext-ig empfand. Nicht durchgängig! Da wäre in erster Instanz Privatdetektiv Gu, der in seiner eher kühl-distanzierten und sarkastischen Art für meinen Geschmack viel mehr Raum hätte einnehmen können und der einige schöne Momente hat, auch nachdenkliche, über seinen Job und das Wesen der Dinge. Immerhin ist er ein Deleter mit einer großen Schwäche. Er hebt viele Dinge auf, die er für seine Klienten eigentlich hätte vernichten sollen. (Was für ein interessanter Aspekt!) Aber für einen Protagonisten hält sich der Autor bei ihm eigentlich eher zurück und verwendet stattdessen viele Zeilen für viele Nebenfiguren, die wesentlich weniger Gehalt mitbringen.

Und da ist auch mit Gus altem Freund und ehemaligen Kollegen Inspektor Kim eine mehr als gelungene Figur im Roman, ein echter Knaller eigentlich! Dank seines losen Mundwerks und seiner resoluten Art für eine Reihe schmissiger Dialoge verantwortlich, ist gerade die Dynamik zwischen den beiden, zwischen Gu und Kim, von einer Schlagfertigkeit aber auch von einer tiefen Verbundenheit geprägt, die der Geschichte gerade zum Ende hin noch einmal ein feine Dramatik und eine Emotionalität mitgibt, die überrascht und die ich als sehr einnehmend empfand.

 

Die Nachbarschaft

Beim restlichen Figurenensemble hält sich meine Begeisterung dann allerdings zurück. Unter anderem bekommt es der Leser hier mit sämtlichen Nachbarn des Privatdetektivs zu tun. Der hat sein Büro (in dem er auch wohnt) nämlich im Crocodile-Building, einem Gebäude, das erstens einen fürchterlichen Gestank irgendwo zwischen Fäulnis und Verwesung ausatmet und zweitens in einem Viertel Seouls steht, das von der Gentrifizierung betroffen ist. Den metaphorischen Zusammenhang durchaus würdigend, empfand ich die Figuren, die dieses Gebäude bewohnen dann aber doch eher als eine zu gewollte und anstrengende Aneinanderreihung von Stereotypen.

Da sind zum Beispiel ein Eisenwarenhändler aus dem Erdgeschoss und ein Kampfsportlehrer aus dem ersten Stock, die die liebenswürdig-grummeligen Streithähne geben. Dann ein Koch im Untergeschoss und eine Drehbuchautorin in der dritten Etage, die für aussichtslose Verliebtheiten herhalten. Und noch eine junge, dynamische Aushilfe aus dem Internetcafé im zweiten Stock, die der Autor für ein paar Kleinigkeiten im Plot brauchte.

Hat mich jetzt ehrlich gesagt nicht so richtig überzeugt. Auch, weil es dem Autor nicht gelingt, über dieses leicht schrullige Nachbarschaftsgewusel hinaus irgendwie Substanz in die Figuren zu bringen. Das gilt auch für die Figuren der »dunklen Seite der Macht« und für diverse weitere Nebenfiguren. Manche haben zwar ihre Momente, aber insgesamt tat ich mich mit der Figurenaufstellung eher schwer.

Ich hatte zwar durchaus das Gefühl, dass hier ganz bewusst auf humoristische Situationen, eben diese Überzeichnung und ein bisschen Zynismus gesetzt wird, und das gelingt stellenweise auch ganz gut, aber viele Szenen und ganze Figuren erweisen sich im Laufe der Handlung als völlig überflüssig oder rein funktionaler Natur. Was natürlich zur Folge hat, dass sie unglaublich platziert wirken und das ist mir irgendwie sauer aufgetsoßen, das fand ich sehr unelegant gelöst und da hat mich der Roman dann im Mittelteil auch letztlich komplett verloren.

 

Das Ende

Und ich habe da auch irgendwie keinen roten Faden gesehen, keine Idee, keine Vision, ich empfand auch die Qualität der Szenen und Dialoge als arg unstet. Mancherorts fühlte ich mich wie in einer schlecht gescripteten Soap, an anderen Stellen war da plötzlich eine ganz andere Tonalität. Das wirkte so, ich weiß auch nicht wie, eben nicht wie brillantes Larifari, sondern wie larifariges Larifari. Ich sage ja, ich stehe im Wald, ich habe keine richtige Idee, wie ich den Ton des Romans einschätzen soll und was der bei mir bewirken sollte.

Und ich weiß, dass vieles, was ich hier als Kritik anbringe, mich in anderen Romanen nicht stören oder ich gar loben würden. Kein roter Faden? Super Sache! Überrasch mich! Kauzige Figuren? Ich liebe es! Szenen, die man nicht bräuchte? Ja klar, aber sie waren trotzdem cool! Aber in »Dein Schatten ist ein Montag« fehlten mir all diese Gefühle, der Groove, ich bin da irgendwie einfach nicht richtig eingetaucht und konnte mich über sehr wenig freuen.

Wohl aber über das Ende, das in seiner Art nochmal etwas in den Roman hieinbringt, wovon ich gerne schon vorher mehr gelesen hätte. Für mich fühlte es sich fast ein wenig so an, als wäre es das Ende eines anderen Romans. Zumindest ist die Grundstimmung eine andere, eine viel konstantere, als hätte sich der Autor plötzlich entschieden, was er eigentlich von seinem Roman will. Und dann wusste ich auch plötzlich, was der Roman von mir will. Und dann hat er auch etwas mit mir gemacht. Aber eben erst da und nicht früher und das war schon a bissl schad. Aber auch kein Weltuntergang. Das nächste gute Buch kommt bestimmt.

 

Und ein Postskriptum: Da der Roman bei Christina schon im April besprochen wurde und das deutlich positiver als bei mir heute und auch Bettina vom Blog »Bleisatz« wohlwollende Worte für den Roman fand, ebenso wie Philipp auf seinem Blog »Krimilese«, habe ich diese als Ergänzung am Ende dieses Beitrags verlinkt und weise ganz ausdrücklich darauf hin.

 


© Cass Verlag
Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag

Original: »Dangshinui geurimjaneun weolyoil« (2014)

aus dem Koreanischen von Paula Weber

März 2019 im Cass Verlag

Klappenbroschur | 287 Seiten | 20,00 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Seoul/Südkorea

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Kriminalliteratur aus Ostasien« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

 

Weitere Besprechungen zu »Dein Schatten ist ein Montag« u.a. bei:

Die dunklen Felle: »Die herausragenden und kuriosen Figuren machen diesen koreanischen Krimi mit einer eher gewöhnlichen Krimihandlung zu einem Highlight.«

Bleisatz: »Aus dem Setting entwickelt Jung-hyuk Kim ein gutes Puzzle- und Verwirrspiel, bei dem lange nicht klar ist, wer hinter wem her ist und wie einzelne Leute miteinander zu tun haben.«

Krimilese: »Ein Krimi aus einer anderen Welt, eine so noch nie gelesene Geschichte und deshalb einmalig und lesenswert.«

9 Kommentare zu “Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag

  • Pingback: Das Blog-Spezial »Kriminalliteratur aus Ostasien« gemeinsam mit »Die dunklen Felle«

  • 29. September 2019 at 14:38
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    Ein sehr gelungene Rezension, die genau herüberbringt, wie gerne Du den Roman gemocht hättest, aber eben – aus besagten Punkten – nicht so sehr mochtest. Immerhin konnte Dich das Ende noch mitreissen. Nun ja… vielleicht braucht der Autor ja auch einfach noch ein wenig – wenn ich mich recht erinnere, ist es ja sein Erstling. 🙂

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    • 29. September 2019 at 16:25
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      Danke sehr, da bin ich froh, das zu lesen! 😀 Es war wieder einer dieser Texte, bei denen man mehr löscht als schreibt.

      Hm, ich muss sagen, ich würde durchaus auch noch zu einem weiteren Roman des Autors greifen, wenn da noch was kommen sollte. Allein schon um für mich zu klären, was denn hier nun Sache ist und ob es vom Stil her eben einfach nicht mein Ding ist. Man muss ja neugierig bleiben! 😀

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      • 2. Oktober 2019 at 18:17
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        Das finde ich super von Dir – ich weiß nicht, ob ich nochmal zu einem weiteren Titel des/der Autor/in greifen würde, wenn mir der erste nicht zusagt.
        Aber mal sehen, ob es einen weiteren Titel geben wird… ich hoffe, der Autor geht nicht unter wie Der Hai von Shinjuku…

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        • 2. Oktober 2019 at 18:36
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          Danke! Hab da als ganz junge Leserin mal eine gute Erfahrung mit gemacht, weil ich ein Buch von Nicci French gelesen hatte und es eigentlich furchtbar fand, aber irgendwie dachte, das musst du erstmal gegenprüfen und dann habe ich einen zweiten Roman von ihr gelesen, und danach noch mindestens 5 oder mehr. 🙂 Da war ich 15, glaube ich. Insofern kann man jetzt über Nicci French als Beispiel und mein jugendliches Urteilsvermögen schon streiten, aber es geht ja ums Prinzip. 😀

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    • 29. September 2019 at 16:22
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      Das freut mich sehr! Ich kann in diesem Fall auch gut damit leben, wenn ich mit meiner Ratlosigkeit alleine bin. Sehr sogar, schließlich ist es viel schöner, wenn ein Roman den Lesern gefällt. 🙂

      Ich habe deine Besprechung auch noch hier mit verlinkt!

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