Fred Vargas – Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

Fred Vargas erster Kriminalroman um den Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg war für mich eine ungewöhnliche und interessante Überraschung. Ich kannte bisher noch keinen Roman der Autorin, für den Frankreich-Themenschwerpunkt in diesem Monat wollte ich mich aber durch bekannte Namen der französischen Kriminalliteratur lesen und da gehört Fred Vargas zweifellos dazu.

 

Angenehm eigen

Die auf Tierskelette aus dem Mittelalter spezialisierte Archäologin heißt mit Klarnamen Frédérique Audoin-Rouzeau und ist seit den frühen 90er Jahren als Schriftstellerin erfolgreich. Sie wurde seitdem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, französischen wie internationalen. Bereits 1991 erschien »Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord« im Original. Die Reihe um Kommissar Adamsberg umfasst inzwischen 11 Bände, darunter zwei Graphic-Novels und ein Erzählband. Ihr Vater war Surrealist, ihr Bruder ist Historiker, ihre Zwillingsschwester Malerin. Fred Vargas lebt heute in Paris, im Stadtteil Montparnasse nahe des Friedhofs. Soweit die zusammengetragenen Eckdaten.

Daraus ergibt sich im Ansatz vielleicht schon ein kleiner Abriss der Einflüsse und daraus dann ein Bild, das beim Lesen von diesem Kriminalroman entsteht. Entstehen kann. Denn vermutlich gibt es verschiedene Arten, wie man diesen Roman lesen, wie man ihn wahrnehmen, aufnehmen kann und will. Er ist angenehm eigen, der Roman wie sein Protagonist, und das mochte ich.

 

Bestechend, nicht hinderlich, eher lockend

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg – ruhig, behutsam, intuitiv – wird nach 20 Jahren Polizeidienst in den Pyrenäen und beachtlichen Ermittlunsgerfolgen in die Hauptstadt berufen und mit der Leitung des Kommissariats im 5. Arrondissement beauftragt. Dort erwarten ihn sodann blaue Kreidekreise. Seit vier Monaten zeichnet diese Kreise jemand nachts auf die Bürgersteige von Paris, in ihrer Mitte immer ein Gegenstand. Von der Büroklammer bis zum Brillenglas, ein Hut, ein Vogelbein, ein Schuh, ein zerplatztes Ei. Und irgendwann eine Frau mit durchtrennter Kehle.

Im selben Zeitraum macht Adamsberg auf dem Revier die Bekanntschaft der Tiefseeforscherin Mathilde Forestier. Sie ist auf der Suche nach einem blinden, gutaussehenden Mann, den sie auf der Terrasse eines Cafés kennengelernt hat. Mathilde scheint noch eigenwilliger als der Kommissar selbst.

Und daraus entsteht dann eine Geschichte, die ihren ganz eigenen Rhythmus hat. Der Eigensinn dieses Romans ist bestechend, aber nicht so unorthodox, als dass er hinderlich wäre, eher ist er lockend. Ich muss zugeben, ich hatte zwar gerade zu Beginn ein paar Schwierigkeiten, mich auf das gefühlsbetonte, sinneslastige einzulassen, aber mit der Zeit kam ich rein. Besondersgut ging das, als ich im Hintergrund Filmmusik von »Die fabelhafte Welt der Amélie« laufen ließ. Das passte ganz wunderbar. Die Art, wie Fred Vargas erzählt, wie ihre Figuren denken, das hat eine Sprachmelodie, ich weiß auch nicht, für mein Empfinden fügte sich das sehr passend mit der Stimmung besagter Klavierstücke.

 

Sehnsucht nach dem Unvorhersehbaren

Der Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg ist eine interessante Figur, sehr unaufdringlich inszeniert und gleichzeitig sehr präsent. In den Pyrenäen aufgewachsen, nach Paris berufen, löst er seine Fälle augenscheinlich nicht durch Nachdenken, sondern als stiller Beobachter. Er sucht nicht nach Ungereimtheiten, er sieht sie. Er sagt von sich selbst, dass er gar nicht anders könne, als bei jemandem zu bemerken, wenn etwas nicht stimme. Kleinigkeiten wie große Übel. Adamsberg ist in seinem Alltag von den Menschen oft gelangweilt, ermüdet, zu schnell weiß er, wie ein Gespräch verlaufen, was sein Gegenüber sagen wird. Er verflucht dieses Wissen, die Vorhersehbarkeit, sehnt sich nach Überraschung, nach dem Unvorhersehbaren. In nur wenigen Menschen findet er es.

»Ich flehe manchmal, die Leute mögen mich doch mal überraschen, wenn ich anfange, von Anfang an das Ende zu erkennen. Ich habe in meinem Leben sozusagen nur Anfänge gekannt, immer verrückt vor Hoffnung, ich könnte mich irren.« (Zitat aus »Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord«, Fred Vargas, S. 23, Aufbau Verlag, 28. Auflage 2014)

Ja, irgendwie ist dieser Roman auf eine Art schrullig, aber nicht auf humoristische, auch wenn es diesen feinen, zurückhaltenden Humor in den Dialogen gibt. Er ist schrullig, aber auf eine melancholische Art, leicht verträumt, leicht tragend, gewitzt. Ich denke, für diesen Roman muss man in der richtigen Stimmung sein, nicht in Eile, nicht getrieben, nicht auf der Suche nach Schnelligkeit oder Knappheit.

 

Fazit: »Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord« ist ein angenehm unaufgrdinglich ungewöhnlicher Kriminalroman. Eine leichte Schwermut liegt in seinen Figuren, in seinem Erzählen. Er ist auf eine sehr minimalistische Art exzentrisch. Das und der am Ende sehr gewandte Plot des Kriminalfalls haben mich schlussendlich für Fred Vargas eingenommen.

 

In Zahlen: Stil: 4/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5 | Plot-Entwicklung: 3/5 | Tempo: 3/5 | Tiefe: 3/5 | Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 3/5

 


© Aufbau Verlag
Fred Vargas – Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

Originalausgabe »L’Homme aux cercles bleus« (1996)

übersetzt aus dem Französischen von Tobias Scheffel

1999 bei Aufbau Taschenbuch

Taschenbuch | 239 Seiten | 9,99 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Kommissar Adamsberg #1

Schauplatz: Paris

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts »Ein Monat mit … französischer Spannungsliteratur«.

 

Weitere Besprechungen zu »Es geht noch ein Zug …« u.a. bei:

Still reading: »… selbst wenn man nicht wüßte, aus welchem Land es kommt, kann man das nach zwei Seiten sicher sagen: französisch.«

Krimi-Couch: »Doch nicht nur ihre Dialoge, auch ihre Ideen lassen sich am besten mit dem Begriff skurril bezeichnen.«

 

5 Kommentare zu “Fred Vargas – Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

  • 9. Oktober 2017 at 15:08
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    Der erste und bis heute der einzige Roman von Fred Vargas, den ich gelesen habe, was allerdings nicht daran lag, dass er mich nicht gefallen hat. Im Gegenteil: Fand ihn sprachlich äußerst ansprechend, wie du schon sagst, schwermütig und auch etwas poetisch. Vargas hat so ihren ganz eigenen Stil, ihre ganze eigene Atmosphäre, die mich irgendwie hat vergessen lassen, dass es sich da um eine klassische Kriminalgeschichte gehandelt hat. Irgendwie hab ich sie danach aus den Augen verloren. Die Nachfolger warten aber im Regal. Müsste nur mal die Zeit finden …

    Ach, und eine sehr schöne, ausführliche Rezension. Gibt das Buch so wieder, wie ich es auch empfunden habe.

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    • 9. Oktober 2017 at 16:18
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      Vielen Dank, ich fand es recht kniffelig, meine Eindrücke zu diesem Roman in Worte zu packen, daher freut es mich umso mehr, wenn es inhaltlich auch deiner Auffassung entspricht! 🙂 Gehe da auch bei dir absolut mit, sprachlich ist das wirklich ansprechend und eine ganz eigene Variation von Kriminalliteratur.

      Ich habe vorsorglich auch schon Band 2 und 3 hier, und würde eigentlich auch gerne zeitnah weiterlesen, aber du sagst es, die Zeit. Und immer ist einem auch nicht nach diesem speziellen Ton oder es fehlt an der nötigen Muße. Aber zumindest möchte ich, wenn nicht mehr im Rahmen dieses Schwerpunkts so doch wenigstens vor Ende des Jahres noch den zweiten Band einplanen. 🙂

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  • Pingback: Ein Monat mit … französischer Spannungsliteratur

  • 10. Oktober 2017 at 22:11
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    Ich habe lange Zeit vor Fred Vargas wegen der schrägen Protagonisten zurückgeschreckt. Dann habe ich „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ gelesen, aus der anderen Reihe. Ja, wirklich schräg, aber auch wirklich gut. Aber von Adamsberg habe ich noch nichts gelesen.

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    • 11. Oktober 2017 at 16:19
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      Mich ziehen schräge Figuren ja eigentlich immer erst recht an. 😉 Aber ich mag es üblicherweise auch gerne mit etwas mehr Wumms und nicht so verträumt, und trotzdem konnte mich Fred Vargas letztlich für sich einnehmen. Ich glaube, das liegt bei ihr auch einfach an der Sprache. Wenn man dafür etwas übrig hat, kann man sich dem eigenwilligen Charme kaum entziehen. 🙂

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