Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

Anne Capestan ist nach einem Schusswaffeneinsatz im Dienst vorläufig suspendiert. Eine nicht ganz zweifelsfreie Situation, ein nicht ganz zweifelsfreies Verhalten und die Pariser Kommissarin kann selbst durch ihren Mentor, Directeur Buron, nicht mehr beschützt werden. Sie landet auf dem Abstellgleis. Doch was zunächst wie ausrangiert wirkt, ist wie immer nur eine Frage der Perspektive. Und der Einstellung. Spaß ist, was ihr daraus macht. Oder so ähnlich.

 

Klappe zu, Affe tot

Und so wird zu Beginn von »Kommando Abstellgleis« nach einem mehrmonatigen Untersuchungsverfahren über Anne Capestans Zukunft bei der Pariser Kriminalpolizei entschieden. Es wird Umstrukturierungsmaßnahmen geben. Ein »besonderes Programm«. Die Schaffung einer neuen Abteilung unter Anne Capestans Leitung, die Directeur Buron aber direkt unterstellt sein wird und in der alle »unorthodoxen Beamten« zusammengefasst werden. So die offzielle Verlautbarung.

Was mit zwei zugedrückten Augen wie eine neue Gerechtigkeitsliga klingen könnte, ist nichts weiter als eine großangelegte Säuberungsaktion. Es sollen Statistiken aufgehübscht und unbeliebte Kollegen in der Behörde beiseite geräumt werden. Im Klartext sind das all die Kriminalbeamten, die entweder alkohol- oder spielsüchtig sind, depressiv, langsam oder arbeitsscheu, die Unglück bringen, Gesetze nicht so genau nehmen, Gesetze zu genau nehmen. Eben alle, die in irgendeiner Form für Unbequemlichkeiten sorgen, aber nicht gefeuert werden können.

Diese werden nun also gemeinsam mit Anne Capestan strafversetzt. Weggelobt, aussortiert und in einer renovierungsbedürftigen Altbauwohnung samt altersschwacher Ausrüstung untergebracht. Ein vermeintlich unkoordinierbarer Sauhaufen, der sich, natürlich, im Laufe des Romans auf die eine oder andere Art zu profilieren weiß. Und der, natürlich, gar kein so arger Sauhaufen ist. Die vorgeblichen Verlierertypen sind Menschen, die fehlbar sind, dadurch nahbar und auch tragisch und denen der Leser rasch Sympathien entgegenbringen kann. Da geht der Plan der Autorin Sophie Hénaff auf, sich dieses Strickmuster bei ihren Charakteren zu Nutze zu machen.

 

Die Truppe der Ungewollten

Und das wirkt bis auf wenige Ausnahmen, bei denen die Autorin in der Figurenzeichnung dann doch über das Ziel hinausschießt. Etwa bei der Kriminalbeamtin Eva Rosière. Die hat ihre Erfahrungen im Dienst höchst erfolgreich erst in einer Reihe von Kriminalromanen, dann in einer TV-Serie zu Geld gemacht und neben Hund, goldenen Hausschuhen und Kronleuchtern eben doch für ein bisschen zu viel Chichi im Roman sorgt. Auch der Beamte aus der Cybercrime-Abteilung, Dax, der nicht mehr das hellste Licht im Hafen, aber stets eifrig bemüht ist, funktioniert weniger originell als vielleicht angedacht.

Dafür stellen der ernsthafte und unglückliche Torrez, der korrekte und strenge Lebreton, der dem Wein zugetanene und geschwätzige Capitaine Merlot (nein, kein Scherz), die spielsüchtige Lieutenant Évrard und der unverbindliche und gründliche Capitaine Orsini nebst der eigentlichen Hauptfigur Anne Capestan, zielstrebig und pflichtschuldig, ein sehr stimmiges Ensemble, aus deren Mischung unterschiedlichster Ermittlertypen eine schöne Dynamik ensteht.

Damit die dann aber auch alle mehr zu tun haben als nur Däumchen zu drehen, werden der neuen Abteilung, Stichwort Statistiken aufpolieren, sämtliche ungelösten Fälle aller Dienststellen übertragen. Kistenweise Akten mit Vorgängen, die schon lange kalt sind, warten nun darauf, von Capestan und ihrer Truppe durchgesehen und neu aufgerollt zu werden. Und selbstverständlich ziehen zunächst die Mordakten das Interesse der Ermittler auf sich. Wie gesagt, Spaß ist, was ihr daraus macht.

 

Fazit: Sophie Hénaff erzählt von dieser Truppe der Ungewollten gleichzeitig leichtfüßig und durchdacht. Dadurch bekommt der Roman eine sehr angenehme Stimmung, die ich besonders als Abwechslung zwischen härteren Krimistoffen als sehr lesbar empfand.

 

In Zahlen: Stil: 3/5 | Idee: 3/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 3/5 | Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 3/5 | Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5

 


© Carl’s Books
Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

Originalausgabe »Poulets Grillés« (2015)

übersetzt aus dem Französischen von Katrin Segerer

März 2017 bei Carl’s Books

Klappenbroschur | 352 Seiten | 14,99 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Kommando Abstellgleis ermittelt #1

Schauplatz: Paris

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts »Ein Monat mit … französischer Spannungsliteratur«.

 

Weitere Besprechungen zu »Kommando Abstellgleis« u.a. bei:

Hammett Krimibuchhandlung: »Jedenfalls schön, dass wir frankophilen Krimifans nicht nur NOIR sehen (vom Polar Verlag u.a.) und nicht nur Urlaubsregionenkrimis von falschen Franzosen vorgesetzt bekommen.«

 

3 Kommentare zu “Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

  • 12. Oktober 2017 at 21:33
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    Witzig ist, dass ich genau so eine Konstellation gerade in einem deutschen Krimi gelesen habe: „Ertränkt, erhängt, erschossen – Taskforce Hamm“. Ein komischer und gleichzeitig tragisch-melancholischer Krimi.

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    • 12. Oktober 2017 at 22:24
      Permalink

      Ich habe mal kurz gegoogelt, bei Grafit erschienen, richtig? Stimmt, der Klappentext lässt auf eine sehr ähnliche Idee bei der Figurenkonstellation schließen. Dein Fazit klingt wohlwollend oder täuscht das?

      Reply

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