Arimasa Osawa – Giftaffe

Wer in unserem Spezial zur ostasiatischen Kriminalliteratur bisher einen schönen Hardboiled-Polizeithriller vermisst hat, voilà, hier ist er: »Giftaffe« von Arimasa Osawa. In der Hauptrolle Oberkommissar Samejima, der Hai von Shinjuku.

 

Und der Haifisch, der hat Zähne

Hai übrigens deshalb, weil Samejima ein sturer Hund ist, der recht verbissen an seinen Zielobjekten (den Unterweltgrößen) dran bleibt, bis er sie zur Strecke (hinter Gitter) gebracht hat. »Er wurde gefürchtet, weil er nicht eher ruhte, bis seine scharfen Zähne die sich frei und sicher wähnenden Syndikatsbosse erwischt hatten.«

Und das ist in Shinjuku, Heimat von Tokios berühmt-berüchtigtem Rotlichtviertel und zahlreicher Angehöriger der Yakuza, der japanischen Mafia, gar nicht mal so selbstverständlich. Gibt es doch zwischen Polizeibeamten und Mitgliedern des Organisierten Verbrechens immer wieder inoffizielle Absprachen und Deals, sich gegenseitig das Leben nicht so schwer zu machen.

Doch von einer Koexistenz mit den Yakuza hält Samejima nichts. Und damit hat er sich in der Vergangenheit scheinbar bei seinen Vorgesetzten in größerem Unfang unbeliebt gemacht. Und ich weiß da auch nichts genaues. Man munkelt in diesem zweiten Band nur. Mehr erfährt man vermutlich im ersten Band der Reihe, aber dazu später im Text ein paar Worte. Kurzum, sein Dienst im Revier von Shinjuku ist karrieretechnisch eine Einbahnstraße. Denn, wie ein Kollege Samejimas so treffend sagte:»Dabei weiß jeder, was du kannst, auch im Präsidium. Aber keine Abteilung will, dass du bei ihnen kannst, was du kannst.«

 

Wer suchet, der findet

Ja, das ist ein Jammer. Samejima aber macht sich daraus nicht allzu viel, stattdessen seinen Job und ermittelt in Shinjuka gegen Drogendealer und illegale Spielbetriebe. Dann, fast zufällig, fällt ihm bei der Observierung einer taiwanesischen Spielhölle ein Mann auf, den er zwar nicht kennt, bei dem sein Instinkt allerdings klingelt wie eine Kirchenglocke mittags um 12. Und Tatsache. Der Kerl ist ein Cop aus Taiwan, der in nicht-offizieller Funktion und aus eher privatem Interesse in Tokio einem hochprofessionellen Auftragskiller auf der Spur ist. Dieser wiederum sucht in Tokio nach einem untergetauchten taiwanesischen Mafiaboss, mit dem er noch ein Hühnchen zu rupfen hat.

Und das wird eine blutige Suche. Die Menschen sterben wie die Fliegen. Und in einem irgendwie schon derb-coolen, wenn auch leicht überdimensionierten Finale (aber das kann man schon mal machen, ich habe es dem Roman abgekauft) findet dann eine Geschichte ihren Abschluss, die ich alles in allem wirklich gern gelesen habe und deren hart-ehrliche Attitüde ich sehr mochte.

Nur hier und da, gerade in Sachen Plotentwicklung, gab es gerade zu Beginn (am Anfang braucht der Roman ein wenig, bis er seine Ausgangslage geklärt hat) noch etwas Luft nach oben. Die zu schnuppern ich allerdings kaum das Vergnügen haben werde. Die Reihe wurde nach diesem zweiten Band bisher leider nicht weiter ins Deutsche übertragen und meine Japanischkenntnisse sind de facto nicht vorhanden.

 

Eingestellt

Deshalb auch kurz zur editorischen Einnordung. »Giftaffe«, im Original aus dem Jahr 1991, liegt mir in der Taschenbuchausgabe vom Pendragon Verlag aus dem Jahr 2014 vor. Der Roman erschien aber erstmals in deutscher Übersetzung von Katja Busson bereits 2007 im Cass Verlag. Dort lief er unter dem Titel »Der Hai von Shinjuku – Rache auf Chinesisch«. Dem voran geht der erste Band um Kommissar Samejima, »Der Hai von Shinjuku – Sodom und Gomorrha«, ebenfalls im Cass Verlag, 2005.

Jetzt kann ich natürlich noch so laut jammern, wie ärgerlich es ist, dass die Reihe nicht weitergeführt wurde. In Japan umfasst sie neun Bände, der Autor Arimasa Osawa zählt dort zu den meistgelesenen Krimiautoren. Auch ist der erste Band inzwischen bei uns vergriffen. Aber ich bin ja selbst viel zu spät zu der Party und habe im entscheidungsrelevanten Zeitraum die Titel vom Cass Verlag weder bemerkt noch erworben. Somit also auch nichts dazu beigetragen, dass sich in den Verkaufszahlen ein Interesse der Leserschaft wiederspiegelt, insofern das der Grund für das Einstellen der deutschen Übersetzungen war. Damit also ein Fall von »Selbst Schuld!« und »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Oder die Dynamik des Buchmarktes.

Aber hätte, hätte, Fahrradkette (ja, ich spare heute nicht mit weisen Redewendungen). Trotz dieser »Umstände« lohnt die Lektüre dieses Romans! Alleine schon, weil man a) hier einen spannenden und spürbar fundierten Eindruck von der Struktur und den Verbindungen und Gegenständen der Organisierten Kriminalität im (süd-)ostasiatischen Raum bekommt. Weil b) mit »Giftaffe« ein Krimi aus Japan vorliegt, der nicht ruhig, bedächtig oder verschachtelt-vage ist. Sondern c) ganz gepflegt nach dem Vorbild amerikanischer Hardboiled-Tradition erzählt wird. Und sich dabei d) doch eine Eigenständigkeit bewahrt wird und nicht nur bloße Klischees bedient werden.

 

»Könnte ein bisschen rough werden …«,

sagt der Kommissar Samejima an einer Stelle zu seinem taiwanesischen Kollegen. Und das trifft in seiner Formulierung die Tonalität des Romans schon ziemlich genau. »Giftaffe« ist kein überkandidelter oder aufgemotzter Hochglanz-Thriller, was ich sehr mochte. Und ist dabei aber eben doch ordentlich brutal und nicht gerade zimperlich mit seinem Personal. Er ist stilistisch eher bodenständig und konkret, das passt aber hier zur Natur der Figuren und der Handlung. Sprachlich zwar unaufregend, aber stimmig. So sehr ich markante Stilisten feiere, so sehr war es hier völlig in Ordnung, dass es sprachlich mal nichts zum Feiern gab.

Und das lag eben auch, und darauf muss ich jetzt nochmal kurz zurückkommen, an diesen Einblicken in die Strukturen und Verbindungen des Organisierten Verbrechens in Japan und seinen Nachbarländern. Ich bin da auch leichte Beute, weil mich Organisierte Kriminalität literarisch immer wieder fasziniert. Und in »Giftaffe« stehen das Bandenwesen und die mafiösen Strukturen definitiv im Fokus. Ihre Beziehungen, ihre Konflikte. Man erfährt einiges und, wie im Nachwort deutlich wird, auch gut recherchiertes über die Verbindungen und die Dynamik des Organisierten Verbrechens. Wer schmuggelt was wohin. Drogen, Waffen, Menschen. Japan, Taiwan, China, Hongkong, Korea, Thailand.

Speziell in Shinjuku erzählt der Autor aber auch anhand einzelner Figuren oder Szenen von der taiwanesischen Community in Tokio, von chinesischen Kriegswaisen in Japan, von Rassismus und Zuhälterei, Nachtclubs und Hostessen. Da wird eine ganze Bandbreite an Themen eingebunden, die zwar um den Kommissar Samejima, die Yakuza oder auch den Auftragskiller kreisen, sich aber insgesamt zu einer sehr schön runden Geschichten verbinden und damit gerade am Ende das Gefühl hinterlassen, dass man hier eigentlich eine verdammt gute Adresse für japanische Kriminalliteratur angefahren hat.

 


© Pendragon Verlag
Arimasa Osawa – Giftaffe

Originalausgabe »Shinjuku Zame 2 – Doku Zaru« (1991)

Deutsche Erstausgabe »Der Hai von Shinjuku – Rache auf Chinesisch« 2007 im Cass Verlag

aus dem Japanischen von Katja Busson

Juli 2014 im Pendragon Verlag

Taschenbuch | 445 Seiten | 13,99 EUR

Genre: Krimi, Thriller, hardboiled

Reihe: Der Hai von Shinjuku #2

Schauplatz: Tokio

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Kriminalliteratur aus Ostasien« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

Weitere Besprechungen zu »Giftaffe« u.a. bei:

Bleisatz: »Im Lauf der Zeit nimmt das Buch enorm an Tempo auf und bietet vier Charaktere, mit denen man fiebert und deren Schicksal nicht mehr gleichgültig bleibt«

11 Kommentare zu “Arimasa Osawa – Giftaffe

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  • 25. September 2019 at 13:29
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    Na klasse – schon mit dem ersten Satz hast Du mich eingefangen. Hardboiled und Japan – für mich bisher ja eher etwas, das es nicht gibt. War ja klar, dass ich mir das gleich holen muss, wenn Du so schwärmst und “Triggerwörter” einbaust.
    Schade, dass die Serie eingestellt wurde – ich für meinen Teil hab jetzt die Portale abgesucht und den ersten und zweiten Teil aus dem Cass Verlag ergattern können.
    Hat auch sein gutes, dass unser Spezial bald vorbei ist – denn wann soll ich denn bitteschön die Bücher alle nachholen, die Du jetzt gelesen hast???

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    • 25. September 2019 at 15:31
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      Christinas letzten Satz kann ich mal eins zu eins so übernehmen.

      Obiges Buch muss ich aber wenigstens schon mal nicht kaufen. Das steht schon im Regal und wollte auch bereits längst gelesen werden. 😉

      Einmal mehr eine schöne Rezension! Und ich lass jetzt schon mal die Hose runter: Wenn ich das je lese und rezensiere, werde ich mir das “Der Haifisch, der hat Zähne” als Überschrift klauen. 😀

      LG
      Stefan

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      • 25. September 2019 at 16:51
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        @Stefan: Ganz lieben Dank, freut mich sehr! 😀 Und da ich mich beim Haifisch ja auch nur bedient habe, nur zu! Ein Hoch auf versteckte Anspielungen, hehe! 😀

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    • 25. September 2019 at 16:48
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      @Christina: Ich versuche auch aktuell noch an den ersten Band zu kommen, muss ja quasi. 😀 Vielleicht haben wir ja auch Glück und die Reihe wird irgendwann nochmal wiederbelebt, japanische Krimis sind ja aktuell doch ganz gut auf dem Markt vertreten und bieten somit eine stärkere Ausgangssituation? In jedem Fall fände ich es bereichernd, wenn die Reihe unser Bild hier von der japanischen Kriminalliteratur noch etwas erweitern, ergänzen würde.

      Ich habe bei den Titeln, die ich von deinen Büchern noch nicht kannte, auch gut zugelangt! 😀 Ich schätze mal, das hat Nachwirkungen!

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      • 2. Oktober 2019 at 18:20
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        Ich wollte noch kurz anmerken, dass die beiden “Haie” jetzt bei mir angekommen sind und der erste Teil ist tatsächlich nicht mehr in einem so tollen Zustand, wenn auch annehmbar. Überrascht hat mich, dass es als Mängelexemplar gestempelt ist – das stand so gar nicht in der Beschreibung. Aber die Buchrücken sehen gut aus und machen sich somit auch im Buchregal wunderbar. 😉

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        • 2. Oktober 2019 at 18:31
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          Aaaahh, wie wunderbar! Dann hast Du die beiden Hartcoverausgaben? Geben bestimmt ein schniekes Pärchen im Regal ab! 😀 Ich suche auch noch nach dem ersten.

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  • 25. September 2019 at 19:23
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    Hardboiled aus Japan. Straight und nicht vage-verschachtelt. Das klingt gut. Behalte ich im Auge.

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    • 25. September 2019 at 19:27
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      Musste beim Lesen auch an Dich denken! 😉 Doch, ich denke, das dürfte dir zusagen. 🙂

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