Jeong Yu-jeong – Sieben Jahre Nacht

Ich weiß eigentlich gar nicht, wo ich anfangen soll und wo wieder aufhören. Anfangen vielleicht damit, dass es rückblickend betrachtet eine große Dummheit von mir war, diesen Roman so lange nicht zu lesen. »Sieben Jahre Nacht« von der koreanischen Autorin Jeong Yu-jeong habe ich eine ganze Weile vor mir hergeschoben. Nicht nur während der Vorbereitungen zu diesem Spezial, auch schon davor.

 

Do as I say, not as I do

Ich weiß nicht, ob es der Umfang war oder der völlig falsche Eindruck, der Roman könne vielleicht eher langwierig oder schleppend sein, der mich vom Lesen abhielt. Alles ganz schöner Unfug, wie ich sehr bald merken sollte.

Denn »Sieben Jahre Nacht« hat das Vermögen, eine durchweg spannende und dabei vielschichtige Geschichte zu erzählen, die mit einer sehr intensiven Figurenzeichnung glänzt, die einen extrem atmosphärischen Schauplatz bietet und die in ihrem Aufbau richtig interessant funktioniert. Man könnte es auch damit zusammenfassen, dass ich »Sieben Jahre Nacht« einfach ganz ganz schwer großartig fand.

 

Ein Monster

Inhaltlich beginnt diese Geschichte damit, dass wir an der Seite des inzwischen 18-jährigen Choi Sowon in einem kleinen Küstendorf am gefühlten Ende der Welt erleben, was passiert, wenn Presse und Medien die Identität eines Kindes schonungslos offenlegen, das in einen Mehrfachmord katastrophalen Ausmaßes verwickelt war. Denn Choi Sowon lebt mit dem Stigma, der breiten Öffentlichkeit als der Sohn des »Stauseemonsters« bekannt zu sein. Sein Vater, Choi Hyunsu, früherer Angestellter am Seryong-Staudamm, sitzt als verurteilter Mörder im Gefängnis und wartet auf die Vollstreckung des Todesurteils. Ein Mädchen, deren Vater und die eigene Ehefrau sollen auf sein Konto gehen, außerdem die Flutung einer ganzen Siedlung mit weiteren Todesopfern.

Sowon, gebrandmarkt als Sohn eines Mörders, wurde seit der Tat vor sieben Jahren nur herumgereicht. Er konnte in keiner Schule lange bleiben, denn immer war es nur eine Frage der Zeit, bis sein neues Umfeld erfuhr, wer er war. Als dann sogar seine Verwandten heimlich umziehen, um ihn loszuwerden, bleibt ihm nur der ehemalige Arbeitskollege seines Vaters, Onkel Sunghwan als letzte Bezugsperson. Sunghwan nimmt Sowon bei sich auf, wird zum väterlichen Freund und kümmert sich um den Jungen. In einem kleinen Küstendorf am Rande der Welt scheinen sie in aller Abgeschiedenheit dann endlich ein Zuhause gefunden zu haben. Bis ein Tauchunfall mit zwei Toten, bei dem Sunghwan und Sowon Erste Hilfe leisten, die Aufmerksamkeit erneut auf den Sohn des Stauseemonsters zieht.

 

Ein Manuskript

Soweit die Rahmenhandlung. Und Rahmenhandlung ist auch ein gutes Stichwort. Denn »Sieben Jahre Nacht« hat quasi eine innere und äußere Romanhandlung, die hier ganz clever miteinander arbeiten und beide auch sehr gleichwertig in Umfang und Präsenz sind. Da ist einmal die Geschichte des 18-jährigen Sowon und wie er mit der Last, der Sohn eines Mörders zu sein, erwachsen werden muss. Und da ist einmal die Geschichte der Ereignisse vor sieben Jahren, als sein Vater die Tat begang. Diese vergangenen Tage rund um den Vorfall, die werden rückblickend in Form eines Manuskripts, das Sowon zugespielt wird, rekonstruiert.

Und das macht den Aufbau des Plots ein bisschen besonders. Und ich bin sonst ehrlich gesagt kein allzu großer Fan dieses Roman-im-Roman-Prinzips. Aber hier setzt es die Autorin mit Sinn und Nutzen für die Handlung ein. Es ist mehr als nur eine nette Idee oder erzählerische Spielerei. Im Gegenteil, es legitimiert sich durch die Handlung selbst und bereichert den Roman um einen zusätzlichen Aspekt. Jeong Yu-jeong zeigt auf eine ziemlich kluge Art, wie nah dran man eben sein kann, wenn man sich einer Wahrheit als Außenstehender nähert. Und so ist das Manuskript, das den Leser gemeinsam mit Sowon über die Zusammenhänge der Tat vor sieben Jahren aufzuklären ersucht, gleichzeitig eine spannende Erzählkomponente, aber eben auch ein bisschen Subtext über Fiktion und Realität und über die Wahrheit.

 

Zwei Väter

Das alles verdichtet sich dann nochmal in der eingangs schon angepriesenen, wirklich starken Figurenzeichnung. Im Prinzip sind es vier Hauptfiguren, vier Säulen, die die Handlung tragen. Da wäre eben Choi Sowon, der Sohn des Täters. Dann Choi Hyunsu, sein Vater, der Täter, das »Stauseemonster«. Dann Onkel Sunghwan, Arbeitskollege des Vaters und väterlicher Freund von Sowon. Und Yi Youngjae, der Vater des getöteten Mädchens. Um diese vier Männer, die vor allem auch immer Väter beziehungsweise Söhne sind, entspinnt sich dann die Kerngeschichte des Romans, die in einer folgenschweren Verstrickung von Ereignissen am Ende eine ungeheure Zerstörung hervorruft.

Yi Yungjae ist dabei vielleicht eine der herausstechendsten Figuren, weil er in seiner Darstellung ungemein widerlich und überzeugend gelungen ist. Er bewegt den Leser auf einer Ebene, die sehr viel mit Abscheu und Widerwillen zu tun hat. Ist er als Vater des getöteten Mädchens auf den ersten Blick vielleicht die Figur, die erwartungsgemäßg das größte Mitgefühl verdient hätte, so sieht man hier schnell, wie die Autorin arbeitet.

Dann die zweite Vaterfigur, Choi Hyunsu, das »Stauseemonster«. Ein ehemaliger Baseballspieler, der zum Alkoholiker wurde. Der zunehmend seine Agressionen nicht mehr kontrollieren kann, der in seiner Ehe eingesperrt ist. Den aber eine unbändige Liebe an seinen Sohn bindet. Beschrieben als eine physisch sehr kräftige und großgewachsene Erscheinung, prägt ihn emotional ein eher kindliches und schlichtes Gemüt.

Interessant dabei übrigens auch, wie sich die Autorin ihren Figuren immer wieder über deren Kindheiten nähert. Das geschieht hier bei den meisten Charakteren. Auch zum Beispiel bei den beiden Ehefrauen der Väter. Dadurch entstehen noch einmal deutlich mehr Schattierungen in der Charakterzeichnung, und man revidiert manche Urteile. Andere sieht man bestätigt. Damit verliert sich eine bloße Darstellung in schwarz und weiß, auch wenn sich am Ende bei mir Sympathien und starke Abneigungen für die jeweiligen Figuren sehr klar verteilten.

 

Ein Staudamm

Abschließend noch kurz ein paar Worte zum Schauplatz des Romans, vornehmlich zu dem der inneren Romanhandlung, der die Geschehnisse rund um die Tat am Stausee darstellt. Dieses Setting rund um den Seryong-Stausee, die Staudammanlage mit ihren massiven Betonwänden eingebettet in einen Landschaftspark zwischen zwei Bergen. Dazu viel Wald, viel Regen, sehr viel Nebel über dem Stausee und in den umliegenden Wäldern. Viele Szenen spielen bei Nacht, diffuses Licht gestreut durch den Nebel.

Das ist schon eine starke Nummer. Da entsteht eine düstere Atmosphäre, man riecht und hört den feuchten Waldboden, man sieht den regennassen Asphalt der Wege. Und man spürt vor allem die Abgeschiedenheit der Siedlung am Staudamm, in der die Angestellten untergebracht sind. Das ist schon alles relativ isoliert von der Zivilisation. Durch die Sicherheitsvorkehrungen am Staudamm auch auf eine Art eingekapselt und abgeschottet. Ein eigenes, kleines, separates Reich. Dieser Schauplatz ist in so hohem Maße perfekt für einen Thriller und Jeong Yu-jeong inszeniert hier einige großartig schauerliche Momente und prägt mit dieser Kulisse den Roman noch einmal zusätzlich.

 

Ein Fazit

Also, Fazit, »Sieben Jahre Nacht« hat mich unverkennbar sehr schwer begeistert, mich, ganz klassisch formuliert, gefesselt, die 518 Seiten merkt man zu keinem Zeitpunkt. Wann immer man denkt, jetzt wäre vielleicht der Punkt erreicht, an dem man genug über eine Szene oder eine Figur weiß, kommt ein Schnitt und die Autorin wechselt zum nächsten Kapitel, zur nächsten Figur.

Und neben den drei für mich herausragenden Stärken der Atmosphäre des Schauplatzes, der intensiven Charakterzeichnung und des gut genutzten Handlungsaufbaus, sind es vor allem auch viele kleine, emotional berührende Momente, die »Sieben Jahre Nacht« ausmachen, besonders dann, wenn es um Fürsorge geht, wenn es um uneigennützige Liebe geht, um die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn und wie er ihm in Erinnerung bleiben wird. Fein komponierte Szenen, die den Thriller zu einem dieser Romane machen, bei denen es mir am Ende immer fast schwerfällt, die Figuren gehenzulassen.

Ich bin mit wirklich großer Empathie an »Sieben Jahre Nacht« hängengeblieben.

 

 


© Unionsverlag
Jeong Yu-jeong – Sieben Jahre Nacht

Originalausgabe »ChilNyeonUi Bam« (2011)

aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel

Juli 2016 im Unionsverlag

Taschenbuch | 528 Seiten | 16,95 EUR

Genre: Thriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Südkorea

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Kriminalliteratur aus Ostasien« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

 

Weitere Romane von Jeong Yu-jeong in deutscher Übersetzung:

Der gute Sohn

7 Kommentare zu “Jeong Yu-jeong – Sieben Jahre Nacht

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  • 21. September 2019 at 18:51
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    Weißt Du, das ist jetzt echt fies. Ich beginne, mich Stefans Meinung anzuschließen, dass unsere Speziale nicht gut sind. Zumindest nicht für unsere SUBs, Wunschlisten und Leselisten. 🙂
    Jetzt muss ich doch unbedingt bald “Sieben Jahre Nacht” lesen, obwohl ich ja eigentlich schon wieder an meinem nächsten Spezial lesen sollte, und dann ist da ja noch meine Challenge und ein paar Rezensionsexemplare… argh!
    Aber noch fünf Tage, dann hab ich Urlaub. Und dann, ja bestimmt, dann lese ich alle Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte. In diesen zwei Wochen. Ich bin mir sicher… hach.

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    • 25. September 2019 at 8:21
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      Ja, das stimmt, allein die Recherchen in den letzten Wochen haben meine Leseliste ordentlich verlängert, und letzte Woche in der Krimibuchhandlung wurde auch eine recht umfangreiche Bestellung abgholt. Auweia! 😀 Aber hey, was soll’s, es gibt kaum etwas besseres, als das Gefühl, dass es noch ganz viel zu lesen gibt! 😀

      Urlaub klingt fantastisch für einen dickeren Roman wie “Sieben Jahre Nacht”! 😉

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      • 25. September 2019 at 13:33
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        Ja, zu allem Überfluss war ich letzten Freitag auch in der Buchhandlung!
        5 Bücher hab ich rausgetragen – und weil es die beiden, die ich gesucht habe, nicht gab, hab ich dann nochmal 5 später bestellt. Damn it. Mein armes Konto.
        Ahh… aber die Schätzchen im Regal zu haben, einfach unbezahlbar!

        Für den Urlaub liegt ein Wälzer bereit – allerdings ein anderer. Ich hab zu Weihnachten den dritten Teil von Justin Cronin geschenkt bekommen – Spiegelstadt. Ich hab Die Zwölf zu Hause, noch ungelesen. Und Der Übergang, immerhin hab ich den schon gelesen. Ich weiß zwar noch, worum es grob ging, aber wollte das gerne nochmal lesen, bevor ich die beiden anderen lese.. und das Buch hat eine vierstellige Seitenzahl!
        Aber vielleicht geht ja noch ein Wälzer.. hm…. 🙂

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        • 25. September 2019 at 16:54
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          Ok, das ist ein gutes Programm! 😀 Aber verstehe, bevor man da den Anschluss verliert, ist Trilogien natürlich schon irgendwie der Vorzug zu geben! 😉

          Oh ja, Kontostand ächzt langsam, same here! 😀

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