Lauren Beukes – Zoo City

Urban Fantasy Thriller Zoo City Lauren Beukes Rowohlt Veerlag

Zinzi December hat ein Faultier. Ein putziges Ding, ab und an schnauft es verächtlich, wenn Zinzi etwas macht, das es nicht gutheißt. Ansonsten hängt es meist träge herum und tut, was Faultiere eben so tun, was in der Summe nicht viel ist. Und wenn Zinzi die Wohnung verlässt, hängt sich das Faultier wie ein Rucksack auf ihren Rücken und begleitet sie. Dieses Faultier geht überall mit ihr hin. Es ist immer dabei. Immer. Für immer. Denn Zinzi hat ihren Bruder erschossen und gehört seitdem zu den Getierten.

 

Die Getierten

Die Welt, in der Zinzi December lebt und die der unseren eigentlich sehr ähnelt, sich seit den 80er Jahren nur in eine etwas andere Richtung entwickelt hat als wir es erlebten, hat eine neue Randgruppe bekommen: Die Getierten, auch »Zoos« genannt, sind Menschen, die sich eines Verbrechens schuldig gemacht haben. Und wer Schuld auf sich lädt, der wird mit einem Tier und einer magischen Fähigkeit gezeichnet.

Woher das kommt, weiß man gar nicht so genau, es wird viel darüber spekuliert, eine richtige Antwort gibt es nicht. Man munkelt hier und da, Virus, Experimente, Gene, göttliche Fügung, aber mit Sicherheit kann man nur sagen, dass dieses Phänomen einfach irgendwann da war.

 

Ausgrenzung

Zinzi December also, früher einmal Journalistin, ist nun so eine Art übersinnliche Spürnase. Und eine Geächtete. Mit ihrem Faultier ist sie gebrandmarkt, lebt in »Zoo City«, einem Viertel von Johannesburg, in dem alle »Zoos« leben, ausgegrenzt von der Gesellschaft. Denn schließlich sind das alles Verbrecher.  Doch so einfach ist es natürlich nicht, ist es nie.

»Zoo City« gleicht einem Ghetto. Heruntergekommen und in ärmlichen Verhältnissen hausen hier die Menschen, die in der Gesellschaft keinen Platz mehr haben. Aber immerhin »leben« sie hier, in China werden Zoos getötet. Einen richtigen Job bekommt man mit einem Tier nur selten. Zinzis kann immerhin ihre magische Fähigkeit zu Geld machen und spürt für Kunden verlorene Dinge auf. Als es dann aber darum geht, ein verschwundenes Mädchen aufzuspüren, gerät auch sie an ihre Grenzen.

 

Lob und Kritik

Der gesamte Roman glänzte vor allem mit seinem Ton, seiner Atmosphäre, seiner Stimmung und seinem Noir-Einschlag. Düster, hoffnungslos. Und im Kontrast dazu auch ein bisschen pulpig, ein bisschen flippig. Herausragend auch das komplette Figurenensemble, das empfand ich als perfekt inszeniert, die einzelnen Charaktere haben alle wunderbar in dieses Setting gepasst und auch die Handlung ist angenehm komplex. Diese Mischung aus Zukunft und Verfall, Urban Fantasy und Hardboiled, Noir und auch ein bisschen Pulp, das hat einen schönen Eindruck hinterlassen, ein umwerfender Mix. Und die Idee ist schlicht großartig und brilliert in ihrer ganzen Art.

Ich wäre mit diesem Buch ansich restlos glücklich gewesen, wären da nicht so viele ungeklärte Dinge übrig geblieben, die ich in diesem Fall nicht als angenehm anregende offene Fragen am Ende sehen konnte, sondern als fehlende Puzzleteile in der Geschichte wahrnahm. Die Idee bietet so viel Raum und ich hätte mir gewünscht, dass der mehr gefüllt wird. So hätte ich erwartet, dass es eine wirklich raffinierte, schlüssige Erklärung dafür gibt, warum und woher denn nun diese Tiere kommen. Da ist ja vom Pinguin bis zum Krokodil alles dabei.

Mir war es letztlich zu ätherisch, so ein Phänomen als gegeben hinzunehmen. Ich bin da der faktische Typ, ich will das dann ganz genau wissen. Und das Wieso, Weshalb und Warum wird für meinen Geschmack hier nur unzureichend erklärt. Wäre dies ein Reihenauftakt, könnte ich mich noch damit anfreunden, dass die fehlenden Erklärungen in späteren Bänden folgen, aber da das Buch im Original bereits 2010 erschienen ist und ich bei der Recherche keine Anzeichen für eine Fortsetzung entdecken konnte, muss ich davon ausgehen, dass das hier alles war und das finde ich schade. Wer sich allerdings nicht so sehr an Fakten klammert wie ich, kann diesen Kritikpunkt getrost übergehen.

 

Fazit: Ich bin hin- und hergerissen. Eigentlich fand ich das Buch großartig. Die Idee ist fantastisch, die Atmosphäre und die Stimmung schön düster und ein wenig abgefuckt und doch auch flippig, irgendwo zwischen Zukunft und Verfall. Die Figuren, geradezu perfekt in ihre Welt eingefügt, haben mich begeistert, ebenso diese spezielle Form der Gesellschaftskritik. Und die Kombination aus urbaner Fantasy mit einem Kriminalfall, was will ich eigentlich mehr? Vielleicht ein bisschen mehr Fakten, ein bisschen mehr greifbare Erklärungen, ein bisschen mehr die Themen auch aufgreifen, die man aufwirft.

Bewertung: 3.6 Punkte = 4 Sterne

Stil: 4/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 3/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 2/5 | Tempo: 3/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 3/5 | = 3.6/5.0

 


© Rowohlt Polaris
Lauren Beukes – Zoo City

Originalausgabe »Zoo City« (2010)

übersetzt aus dem Englischen von Judith Reker

Dezember 2014 bei Rowohlt Polaris

Paperback | 368 Seiten | 14,99 EUR

Genre: Urban Fantasy, Noir, Thriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Johannesburg/Südafrika

 

 


Weitere Romane der Autorin in deutscher Übersetzung:

»Broken Monsters«

»Moxyland«

»Shining Girls«

 

 

5 Kommentare zu “Lauren Beukes – Zoo City

  • 29. März 2015 at 14:58
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    Klingt trotz der genannten Negativpunkten spannend und lesenswert. Ab auf die Wunschliste damit 🙂

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  • 29. März 2015 at 19:09
    Permalink

    Ja, unbedingt!!! Trotz der Kritikpunkte eine wirklich tolle Geschichte, die ich auf keinen Fall missen möchte und bei der sich das Lesen gelohnt hat! 🙂

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  • 31. März 2015 at 20:41
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    Klingt nach einer echt guten Geschichte! Hab das Buch mal auf meine Wunschliste gepackt! 🙂
    Und eine wirklich tolle Rezi! Macht richtig Lust das Buch selbst zu lesen!

    Liebe Grüße

    Reply
  • 31. März 2015 at 21:28
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    Das freut mich, danke! Und ich hatte gehofft, dass die Kritikpunkte von mir auch eher neugierig machen als abschreckend, die Geschichte selbst lohnt sich in jedem Fall, finde ich. Ende Mai kommt auch noch ein Buch von Lauren Beukes auf den deutschen Markt, "Broken Monsters" heißt das, das werde ich mir vermutlich auch zulegen. Bei "Shining Girls" hält mich ja so ein bisschen die Zeitreise-Thematik davon ab, es zu lesen. Habe da inzwischen gemerkt, dass ich da so meine Logikprobleme mit habe und wenn die Autorin wie hier bei "Zoo City" eher sparsam mit Erklärungen umgeht, weiß ich schon, dass mich das dann vermutlich nicht zufrieden stellen wird. ^^

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