Adrian McKinty – Der sichere Tod

Selten war ich mit mir selbst derart uneins darüber, wie ich einen Roman denn nun einschätze, wie es hier bei »Der sichere Tod« von Adrian McKinty der Fall ist. Was gar nicht mal unbedingt gegen den Roman sprechen muss, aber eben auch nicht zwingend für ihn.

»Der sichere Tod« ist der Auftakt zu McKintys »Dead-Trilogie«, bei der Michael Forsythe im Mittelpunkt steht, ein Ire aus Belfast, der mit 19 Jahren nach New York City kommt und dort eine extrem harte Schule durchläuft, bevor es ihn in den Folgebänden in weitere »Abenteuer« verschlägt.

 

Der Junge aus Irland

Adrian McKinty ist kriminalliterarischen Aficionados vor allem durch seine berühmte Sean-Duffy-Reihe ein Begriff, der katholische Bulle liefert im Nordirland der 1980er Jahre Stoff für hervorragende Polizeiromane. Die Dead-Trilogie entstand noch vor den Sean-Duffy-Romanen zwischen 2003 und 2007 und liegt komplett bei Suhrkamp vor.

McKinty konzentriert sich hier in dem ersten Band seines Dead-Trios auf die Welt des Organisierten Verbrechens in den frühen 1990er Jahren in New York City. Er zeigt einen Ausschnitt aus der Stadt, in der zu dieser Zeit rund 2000 Morde pro Jahr das Bild prägen, und lässt seinen Protagonisten Michael Forsythe in die Bronx, nach Harlem ziehen und zwischen Iren, Dominikanern und Puerto-Ricanern seinen Platz in einem Leben voller Gewalt finden.

Gewalt, der er eigentlich entkommen wollte. Aufgewachsen im Nordirland der 70er und 80er Jahre, war Michael in Belfast schon als 14-Jähriger Mitglied einer Gang im Norden der Stadt. Als er mit 16 Jahren die Nase voll hat, versucht er sich in der Armee, doch dort ist ihm nur eine kurze Karriere beschieden. Es folgen Arbeitslosigkeit und Gelegenheitsjobs. Einer davon kostet ihn schließlich den Anspruch auf staatliche Unterstützung und so wählt er den Weg nach Amerika, wie schon so vielen Iren vor ihm. Doch Michael gehört nicht zu den großen Träumern, das ist kein optimistischer Aufbruch in ein neues, sondern ein widerwilliger Abgang aus einem vertrackten Leben.

 

Can’t help falling in love with you

Hinein in ein weiteres vertracktes Leben. Über Verwandte kommt er an einen Job in New York. Ein Mr. White braucht dort Maurer. Was Mr. White aber wirklich braucht, sind Schläger.

Terence »Darkey« White führt in der Bronx die Geschäfte der irischen Mafia. Gewerkschaften und Schutzgelderpressung, zwei Hauptbetätigungsfelder jener Zeit. Als Geldeintreiber und Mann fürs Grobe verdingt sich Michael, hofft, sein Flugticket damit abzubezahlen und vielleicht irgendwann ein normales Leben zu führen. Die passende Frau dafür, meint er schon gefunden zu haben. Bridget, die Freundin vom Boss. Sie treffen sich heimlich und Michael ist so heftig verliebt wie er dumm und naiv ist, zu glauben, das würde niemand bemerken. Und Gangster und Frauen, puah, das kennt man, das endet selten gut.

Ab da ist der Rest quasi Geschichte. Wenn, ja wenn nicht Adrian McKinty den Mittelteil des Romans in eine der verdammt nochmal genialsten Episoden aus Qual, Elend, Angst, Schmerz und Wahn verwandelt hätte, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Dieser Mittelteil, der rockt so dermaßen, dass er die eigentlich sehr dünne Story um so viele Dezibel übertönt, dass danach erstmal ganz lange ein Klingeln in den Ohren bleibt und man erst im letzten Drittel wieder aufmerkt und sich denkt, hey, einen Moment mal, das ist doch jetzt nicht alles, oder?

Wir sind für diese besagten Szenen in Mexiko und ich bleibe bewusst vage, weil man über die Umstände und Zusammenhänge vorab eigentlich nur zu viel sagen kann. Dort in Mexiko geht Michael durch die Hölle. Und das beschreibt Adrian McKinty mit einer Intensität, die einem rechts und links wahrlich eine runter haut und in Bildern, die leinwandwürdig sind. Egal ob harter Beton, Staub, Dreck, körperlicher Zerfall, Stacheldraht, Urwald, schmerzbedingtes Delirium oder einfach nur der Blick an eine Gefängniszellendecke, man ist so sehr dabei, dass man sich wegwünscht.

 

So sehr dabei

Dieser Mittelteil ist schlicht der Renner. Unglaublich beeindruckend, auch was da teilweise sprachlich passiert, da wird es abstrakt und poetisch und die Sätze lösen sich fast von der Handlung los und machen da ihr eigenes Ding. Bis man dann irgendwann wieder auf dem harten Boden der Realität aufschlägt.

Und für mich teilt sich dieser Roman dann auch qualitativ in drei Teile auf. Der erste Teil ist interessant, durchweg. Man hat Michael, den 19-jährigen Iren, der in Harlem für die irische Mafia arbeitet, wir haben das Jahr 1992 und ein Porträt von der Bronx zu dieser Zeit, von der Bandenkriminalität und dem Organisierten Verbrechen. Man spürt auch ein wenig in die irisch-amerikanischen Verbindungen hinein, der Nordirlandkonflikt spielt seine Rolle.

Adrian McKinty lässt Michael als Ich-Erzähler übrigens nicht aus der Sicht eines 19-Jährigen, sondern rückblickend erzählen. Mit der Distanz der Zeit und dem Wissen um Geschehenes und dessen Folgen. Das nimmt der Perspektive potenzielle Einschränkungen. Michael tritt so deutlich reflektierter auf, kann gleichzeitig kommende Ereignisse androhen und so mit der Spannung in Vorleistung gehen. Ein Effekt, der schnell plump, wohl dosiert aber durchaus dienlich sein kann.

Dann kommt der zweite Teil, der Mexiko-Part. Für mich wie gesagt eine denkwürdige Passage, die den Wortwert von »fesselnd« und »packend« wieder deutlich anwachsen lässt.

Und dann kommt aber der letzte Teil, der mir keine wirkliche Ruhe lässt. Der das Motiv enthüllt und Vermutungen bestätigt und Hoffnungen enttäuscht und man möchte fragen, all der Aufwand wirklich dafür? Auch hier würden erst mindestens fünf Fragezeichen meine Ratlosigkeit und mein Infragestellen würdig ausdrücken. Ich meine, klar, Liebe versetzt Berge und offenbar auch Gangster in Rage, aber komm schon, mehr ist da wirklich nicht? Ein Junggangster fängt etwas mit der Freundin eines Altgangsters an und dann passiert soetwas? Das klingt nicht nur wie eine miese Clickbait-Überschrift, das wäre auch eine. Man möchte zum Weinen kurz in den Keller gehen.

 

Unerbittliche Rache

Der letzte Teil hat dann aber noch mehr zu bieten. Ein unerbittlicher Racheakt komplettiert die Geschichte, der vor Willensstärke, Präzision und Unbeirrbarkeit nur so vibriert. Das hat schon auch etwas hypnotisierendes. Michael Forsythe wird zu einem stummen Berserker und bittet zur Abrechnung und das mit einer Beharrlichkeit wider aller Wahrscheinlichkeiten, die man ihm nachfühlt.

Aber dennoch. Nach diesem Höhenflug an bester Fiktion im Mittelteil ist das Grundmotiv der Story wie ein Fallschirm, der sich nicht öffnet. Dem gegenüber steht zwar immer noch das interessante Portrait der frühen 1990er in der Bronx, der Bandenkriminalität, dieser urbane Mikrokosmos, den Adrian McKinty da beschreibt und ergründet. McKinty lebte nach seinem Studium selbst sechs Jahre in New York und arbeitete in Harlem unter anderem als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer und Buchhändler und dieses Gespür für die Atmosphäre der Stadt fühlte sich für mich dann auch sehr echt und selbsterfahren an.

So, also lange Rede, kurzer Sinn, »Der sichere Tod« ist ein in hohem Maße ereignisreicher Gangsterthriller, der auf der Habenseite sein Setting hat, 1992, New York City, die Bronx und das Organisierte Verbrechen und eine denkwürdige Episode in Mexiko. Dagegen spricht die wirklich hauchdünne Grundgeschichte, die sich hinter all dem verbirgt und das kann der Roman zwar stellenweise sehr eindrucksvoll, aber eben nicht komplett nachhaltig überspielen.

 


© Suhrkamp Verlag
Adrian McKinty – Der sichere Tod

Originalausgabe »Dead I Well May Be« (2003)

übersetzt von Kirsten Riesselmann

März 2010 im Suhrkamp Verlag

Taschenbuch | 464 Seiten | 9,99 EUR

Genre: Kriminalroman/Thriller/Hardboiled

Reihe: Michael Forsythe #1

Schauplatz: New York City

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Irische und nordirische Kriminalliteratur« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

Die Dead-Trilogie im Überblick:

1
2
3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Titelfoto in diesem Beitrag: © Christina Benedikt

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