Ross Macdonald – Schwarzgeld

Geld allein macht nicht glücklich, seine Abwesenheit bereitet bisweilen aber auch Probleme. Und so dreht sich in Ross Macdonalds »Schwarzgeld« letztlich alles um Reichtum und Armut, monetärer und gesellschaftlicher Natur. Denn Geld verdirbt nun einmal den Charakter und nirgendwo scheint dies deutlicher spürbar als im mondänen Montevista im sonnigen Kalifornien. Gut, dass der absolut unbestechliche Privatdetektiv Lew Archer da ist, so einen Mann braucht es, wenn mehr Schein als Sein die Menschen dirigiert.

 

Ein Kind seiner Zeit

Ross Macdonalds Reihe um den Privatdetektiv Lew Archer erschien zwischen 1949 und 1976, der hier vorliegende Band »Schwarzgeld« ist aus dem Jahre 1966. Wohingegen sich Autoren der Gegenwart bemühen, rückblickend und damit oftmals idealisierend oder überzeichnend ein vergangenes Jahrzehnt lebendig werden zu lassen, hat Ross Macdonald die Zeit auf seiner Seite. Er ist ein Kind seiner Zeit, der Roman ein Abbild.

 

Ein Blick hinter die Fassade

Und ja, so ist »Schwarzgeld« ein besonders authentischer Roman, der das Gefühl der 60er-Jahre gleich einem alten Spielfilm transportiert. Dazu passt umso mehr das Setting: Kalifornien, ein Villenviertel, nicht weit von Los Angeles und Hollywood, ein Tennisclub nur für ausgewählte Mitglieder, man liegt am Pool, man redet nicht über Geld, man hat es. Oder auch nicht. Aber auch darüber redet man nicht. Überhaupt redet man nicht gern in Montevista, nicht mit Außenstehenden. Als Privatdetektiv Lew Archer von dem jungen wie reichen Peter engagiert wird, herausfinden, wer der undurchsichtige Francis Martel ist, mit dem seine Verlobte Ginny durchbrennen will, braucht es Archers ganze Unbestechlich- und Beharrlichkeit, um hinter die makellose Fassade dieser Menschen zu blicken. Eine Fassade, um deren Aufrechterhaltung die beteiligten Personen so sehr bemüht sind, dass man ihnen diese Anstrengung in jedem falschen Lächeln anzusehen meint.

 

Keine Nabelschau

Ich habe eine Schwäche für die Figurenzeichnung des Privatdetektives Lew Archer. Der Mann ist ein sehr angenehmer Ich-Erzähler, der auf Nabelschau und Weltschmerz verzichtet. Er langweilt mich nicht mit müßigem Nachsinnen über sich und das Leben und wirkt dabei dennoch durchdacht und hintergründig. Lew Archer scheut keine direkte Konfrontation, so sie denn der Wahrheitsfindung dient und tritt dabei immer stringent auf, ist eine Autoritätsperson, unnahbar und selten emotional. Vor meinem geistigen Auge sehe ich beim Lesen immer Don Draper, die Hauptfigur aus der TV-Serie »Mad Men«. Nur das Lew Archer weniger trinkt. Und die Frauengeschichten vermutlich eher zwischen seinen Romanauftritten erledigt.

 

Und doch …

Alles in allem dominiert in »Schwarzgeld« der Zeitgeist, die 60er Jahre in Kalifornien zwischen den Vorstellungen der konservativen älteren Generation und den Ideen und Idealen der jüngeren Generation. Ich persönlich scheitere nur trotz des Charmes, den der Schreibstil auf mich ausübt, bei Ross Macdonald jedes Mal am Erzähltempo. Obwohl Macdonald nicht unnötig viel erzählt und eigentlich immer konsequent seinem Plot folgt, fehlt mir ein jedes Mal der Ausbruch aus seinem eigentlich doch recht biederen Gewand.

 

Fazit: Sprache, Protagonist und Zeitgeist sind die Gründe, die mich immer wieder gern zu einem Kriminalroman von Ross Macdonald greifen lassen. Sie sind aus einer anderen Zeit, darin liegt gleichzeitig ihr Charme und ihre Krux.

Bewertung: 3,8 Punkte = 4 Sterne

Stil: 4/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 3/5 | Tempo: 3/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | = 3,78

 

 

 


© Diogenes Verlag
Ross Macdonald – Schwarzgeld

Originalausgabe »Black Money« (1965)

übersetzt aus dem Amerikanischen von Karsten Singelmann

September 2016 im Diogenes Verlag (Neuübersetzung)

Paperback | 368 Seiten | 16,00 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Privatdetektiv Lew Archer #13

Schauplatz: USA / Kalifornien

 

 

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