Kriminell Gelesenes im März 20.17

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Gast-Kolumne »Kriminell Gelesenes« stellt der Autor Martin Krist regelmäßig zum Monatsende hier seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Dieses Mal mit dabei: Ulf Torreck, Oliver Harris und Steve Hamilton.


cover das fest der finsternis ulf torreck heyne verlag
© Heyne Verlag

Ulf Torreck – Fest der Finsternis

Das Jahr 1805. Fünf Jahre, seit Inspektor Marais sich am Ziel all seiner Träume wähnte. Frisch vermählt mit einer attraktiven und wohlhabenden Frau. Berühmt als Meisterpolizist in Paris. Glänzende Zukunftsaussichten. Da intrigiert ihn Polizeiminister Fouché weg ins Hinterland.

Dort kämpft Marais gegen die Pest, gegen die Verzweiflung über den Tod von Frau und Sohn, gegen seine Selbstmordgedanken. Bis ihn Erzfeind Fouché zurückbeordert, weil in der Hauptstadt ein Mörder reihenweise verarmte Mädchen zerstückelt. Marais sucht Rat beim vermeintlichen Experten für derlei Grausamkeiten, dem Marquis de Sade. »Der Mensch ist ein schönes, böses Tier«, weiß dieser ihm zu berichten. Doch es dauert, bis die beiden ungleichen Ermittler – hier der gottesfürchtige Moralist, dort der blasphemische Freigeist – ihrem wahren Gegner auf die Schliche kommen.

Selten war ein Buchtitel treffender: »Fest der Finsternis« ist ein düsteres Event, ein literarisches, ein kriminelles, ein historisches. Auf jeder Seite schlägt einem die Atmosphäre des postrevolutionären, einerseits faszinierend-dekanten, andererseits finster-verkommenen Paris’ entgegen. Aus jeder Zeile spricht die Freude, die Autor Ulf Torreck empfand beim Erschaffen seiner opulenten Geschichte, seiner Figuren und ihrer Intrigen.

Ein beeindrucker Roman. Mein Highlight im März.

Ulf Torreck – Fest der Finsternis | Heyne | Euro 14,99

 

 

© Blessing

Oliver Harris – London Stalker

Desillusioniert, heruntergekommen, zu guter Letzt vom Dienst suspendiert – und das alles zurecht, denn Detective Nick Belsey ist ein Unsympath par exellence. Jetzt haust er in einem verlassenen Polizeirevier, und erst die Bitte einer älteren Dame lockt ihn wieder ans Tageslicht. Ihr Sohn Mark ist verschwunden.

Eine Spur führt Belsey zu dem Super-Starlet Amber Knight. Offenbar hat Mark sie gestalkt. Bevor sich Belsey versieht, ist er als Securitymann für Amber engagiert. In seiner unübertrefflich tolpatschigen Art macht er aber nicht nur alles schlimmer, er deckt auch noch eine haarsträubende Verschwörung auf.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Nach dem misslungenen, zu gewollten, zu schwerfälligen »London Underground« knüpft Autor Oliver Harris mit dem dritten Belsey-Fall zweifellos an sein Debüt »London Killing« an: amüsant, spannend, flott, sodass sich 367 Seiten wie im Flug verblättern. Erst wenn man das Ende erreicht hat und sich ein, zwei Gedanken über die Story erlaubt, begreift man, wie haarsträubend sie eigentlich ist – voller Logiklöcher und deshalb völlig unrealistisch.
Das trübt dann leider doch das zuvor empfundene Lesevergnügen.

Oliver Harris – London Stalker | Blessing | Euro 19,99

 

 

cover das zweite leben des nick mason steve hamilton droemer knaur
© Droemer

Steve Hamilton – Das zweite Leben des Nick Mason

Nicht nachdenken sollte man auch in diesem Fall: Nick Mason, lebenslang verurteilter Gangster, bekommt im Knast die Chance seines Lebens. Darius Cole, ebenfalls verknackter Pate von Chicago, bietet ihm die sofortige Entlassung an, wenn Nick draußen fortan als sein Auftragskiller tätig ist.

Wie Nick in Freiheit – die, wie sich schon bald herausstellt, keine ist – mit seinem neuen Job hadert, wie sich sein im Grunde integerer Charakter zunehmend verändert und er trotzdem um einen letzten Rest Anstand kämpft, wird von Steve Hamilton packend erzählt. Das macht seinen Thriller durchaus lesenswert.

Warum allerdings ein Gangsterboss wie Cole überhaupt im Knast sitzen und einen Mann wie Mason beschäftigen muss, obwohl er das gesamte System Chicagos beherrscht, ergibt keinen Sinn. Und damit steht und fällt »Das zweite Leben des Nick Mason«.

Steve Hamilton – Das zweite Leben des Nick Mason | Droemer | Euro 14,99

 

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

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