Wallace Stroby – Kalter Schuss ins Herz

Kriminalroman Kalter Schuss ins Herz Wallace Stroby Pendragon Verlag

»Show, don’t tell!« ist ein häufig zitierter Ratschlag für die schreibende Zunft. »Zeigen, nicht erklären!« verrät damit vielleicht DEN völlig ungeheimen Geheimtipp auf dem Weg zum wirklich guten Kriminalroman. Im Nachwort von »Kalter Schuss ins Herz« findet sich ein Interview, das Übersetzer Alf Mayer mit dem Autor Wallace Stroby geführt hat und in dem sie auf eben diesen Schreibratschlag zu sprechen kommen. »Elmore Leonard’s 10 Rules of Writing« werden da zitiert, Elmore Leonard (1925-2013), ein Mann, der es wissen musste, gilt er doch als einer der größten US-amerikanischen (Kriminal-)Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Und was der Altmeister so rät, das funktioniert auch in der Umsetzung sehr gut. Neben eben besagtem »Show, don’t tell!« empfiehlt er unter anderem gelebte Askese bei der Nutzung von Adverbien, Prologen und Wetterbeschreibungen zum Romaneinstieg. Wer kennt ihn nicht, den Romananfang à la »In einer klirrend kalten Novembernacht machte sich John auf den Weg, der Wind schnitt ihm eisig ins Gesicht und er zog seinen Mantel enger um sich.« Ja, nein, bei Stroby klingt da so: »Kalt wie Sau, heute Nacht.« (aus „Kalter Schuss ins Herz“ von Wallace Stroby, S. 269, Pendragon Verlag).

 

Schöner Minimalismus

Minimalismus heißt aber nicht, auf schöne Formulierungen verzichten zu müssen: »Aus der Werkstatt blutete Licht auf die Straße …« (aus »Kalter Schuss ins Herz« von Wallace Stroby, S. 208, Pendragon Verlag). Schön sowas. Und alles da bei Wallace Stroby, der in bester Hardboiled-Manier einen Kriminalroman erzählt, dem man den Einfluss der bekannten Namen dieses Genres durchaus anmerkt, Donald E. Westlake, Garry Disher, George v. Higgins, Jim Thompson und Elmore Leonard. Nicht als Kopie, sondern als Fortführung dieser Tradition. Zu dieser Erkenntnis kommen aber auch Autor und Übersetzer im bereits erwähnten Interview im Nachwort des Buches, und die beiden haben deutlich mehr Ahnung vom Genre als ich. Also erzähle ich lieber noch ein bisschen von der Story.

 

She’s a lady.

Mit Crissa Stone wird in »Kalter Schuss ins Herz« eine Serienfigur eingeführt, die so eigentlich noch gefehlt hat in dem Ensemble der Hardboiled-Protagonisten. Stöckelbeschuhte Rechtsmedizinerinnen und toughe Kommissarinnen gibt es in den populären Thrillern ja zuhauf, viel zu häufig überlagern dabei aber Rollenthematiken die eigentlichen Charaktere. Crissa Stone bricht aus diesem Gefüge aus, schon allein weil ihre Position als Berufsverbrecherin ein ganz anderes Umfeld bietet. Dabei wird Crissa aber weder als verruchte Killerbraut in Szene gesetzt noch übertrieben tough oder gar als Mannsweib dargestellt. Crissa Stone behält ihre Weiblichkeit und kommt als überzeugende Profi-Diebin ohne jegliche Allüren oder Attitüden aus, die man so einer Rolle andichten könnte. Weniger ist eben meist mehr. Wallace Stroby gönnt seiner Protagonistin aber auch ein paar Sentimentalitäten, nichts Kitschiges, aber Züge, die der sonst sehr bodenständigen, geklärten Crissa Stone noch mehr Tiefe geben.

 

Ein Coup

Die Handlung selbst birgt in ihrem Ablauf tatsächlich wenig Neues, ist aber so gut erzählt, dass das kein großer Kritikpunkt wird. Die Geschichte kennt man im Prinzip: Es wird, wie unter Berufsverbrechern üblich, ein Coup geplant, es gibt einen Mittelsmann, es gibt die Komplizen, mal mehr und mal weniger loyal, es wird Beute gemacht und aufgeteilt und im schlimmsten Fall ist hinterher entweder die Mafia oder der Bestohlene so sauer, dass er einen Killer auf die Meisterdiebe ansetzt. Was jetzt hier so locker-flockig klingt, wird in »Kalter Schuss ins Herz« sehr straff und hart erzählt, während des gesamten Romans steht völlig außer Frage, dass es sich hier nicht um neckische Ganovenspielchen handelt, sondern dass sich die Figuren in einer Welt bewegen, in der keiner nach dir sucht, wenn du verschwindest.

 

bewertung wortgestalt buchblog 5 sterne

Fazit: Crissa Stone ist eine Protagonistin, die mir gerade noch gefehlt hat! Und das meine ich in diesem Fall ganz ohne Ironie. So eine wie Crissa Stone fehlte wirklich noch im Ensemble der Hardboiled-Romanhelden. Und das nicht allein, weil sie eine weibliche Hauptfigur ist, sondern weil der Autor Wallace Stroby sie zu zeichnen weiß, schlicht und aufrichtig. Dazu erzählt Stroby in bester Tradition der großen Genre-Meister straff und zielgerichtet. Keine heiße Luft, dafür ein kalter Schuss, direkt in mein hardboiled Leserherz.

Bewertung: 4,6 Punkte = 5 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 5/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 5/5 | Ø 4,6 Punkte

 

 


© Pendragon Verlag
Wallace Stroby – Kalter Schuss ins Herz

Originalausgabe »Cold Shot To The Heart« (2011)

aus dem Amerikanischen übersetzt von Alf Mayer

August 2015 im Pendragon Verlag

Klappenbroschur | 352 Seiten | 15,99 EUR

Genre: Hardboiled

Reihe: Crissa Stone #1

Schauplatz: USA

 

 

 

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei:

Analog-Lesen – »Schnell, direkt, noir – perfekt.«

Crimenoir – »Die nächsten Stone-Bücher müssen einfach übersetzt werden. Alles andere wäre ein Verbrechen.«

Die dunklen Felle – »Mehr schwärmen kann ich fast nicht …«

*Textzeile aus dem Song »She’s A Lady« von Tom Jones, 1971.

17 Kommentare zu “Wallace Stroby – Kalter Schuss ins Herz

  • 29. September 2015 at 0:09
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    Ich bin von deinen Besprechungen immer wieder angetan, weißt du das? 😉 Die sind in meinen Augen schon reif fürs Feuilleton …! (Diese hier ganz besonders.) Gedenkst du, einmal etwas in die Richtung zu machen? Woher holst du dir deine (Rezensions)inspirationen? (Ich weiß, ich bin ein wenig zu neugierig.^^)

    Schöne Formulierungen fallen mir persönlich auch immer gleich auf und werden von mir positiv hervorgehoben. Aber auch die direkte, unverblümte Art zu reden, wie eben z. B.: „Kalt wie Sau, heute Nacht.“ kann bei mir punkten und macht mir Lust auf das Buch, und deine Beschreibungen von Crissa Stone machen sowieso zusätzlich neugierig.

    Jedenfalls danke, dass du eine Rezension zu "Kalter Schuss ins Herz" geschrieben hast. Du kannst Vincent Kliesch empfehlen – da bin ich ganz bei dir. Und du kannst auch "Still" von Drvenkar empfehlen – auch da bin ich absolut deiner Meinung. Ich weiß, dass ich deinem Urteil vertrauen kann und deshalb merke ich mir dieses Buch mit einem Ausrufezeichen auf meiner WuLi vor!

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  • 29. September 2015 at 11:46
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    Ich dacht erst ich bin in der falschen rezi *hüst*
    Aber dann kam der Bogen zum Buch 😛
    Also neugierig hast mich schon gemacht. Streichen werd ich das Buch somit vorerst nicht von meiner Liste 😀

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  • 29. September 2015 at 11:50
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    Bevor wir jetzt wieder über Pipi in den Augen reden müssen, packe ich deine Worte mal schön in mein kleines Säckchen, schnüre es fest zu und kuschel damit später ein bisschen! 😉 Danke! ♥

    Bin bei dieser Rezension fast ein bisschen wahnsinnig geworden. Hatte mir während des Lesens wie immer schön meine Notizen gemacht (daher auch die "Inspiration", nach der Du gefragt hast, mir schießen meist beim Lesen plötzlich ein, zwei Dinge durch den Kopf, die ich mir notiere, manchmal ist es auch nur ein Wort, da bleib ich kleben, manchmal erhängt man sich daran auch *lach*) und als ich mit dem Roman durch war und das Nachwort und das Interview gelesen hatte, konnte ich alles wieder streichen, weil die gleichen Dinge, die ich mir beim Lesen notiert hatte, dort schon standen. Super. War zwar schön, dass ich offenbar das Buch halbwegs richtig eingeschätzt hatte, aber davon konnte ich mir ja nun auch nix kaufen! 😀 😀 Daher danke, dass dir der Text gefällt, das ist so schön, weil mich der Text so gewurmt hat, jetzt mag ich ihn wieder ein kleines bisschen mehr! 😉

    Irgendwann mal "offiziell" für Zeitungen oder Magazine zu schreiben, wäre schon ein Traum, klar, da müsste ich lügen, wenn ich das nicht gern machen würde. 😀 Aber nur über Bücher!! 😉 Aber ich habe das Gefühl, dass ich erst noch gaaanz viele Krimis/Thriller lesen muss, um da besser und fundierter darüber schreiben zu können und denke bisher, dass meine Texte nicht die Relevanz haben, um irgendwo "im größeren Rahmen" nützlich zu sein. Und hier auf dem Blog habe sowieso viiiiel coolere Leser als woanders! 😀

    Ich freue mich tierisch, wenn ich Dir das Buch näher bringen kann, ich wäre absolut neugierig, wie es Dir gefällt und was Du zu der Genre-Richtung sagst und ob Dir das liegt. Könnte mir schon gut vorstellen, dass Du der Figur Crissa Stone auch einiges abgewinnen kannst! 🙂

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  • 29. September 2015 at 11:52
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    Ich weiß, das gehört jetzt eigtl nicht hier rein, aber: Hab grad "eeny meeny" beendet und auf goodreads zeigte er deine Kritik oben mit an.
    War echt positiv überrascht von dem Buch!
    Kurz, schmerzlos und dennoch tiefgehend mit einigen Überraschungen!
    Da bin ich ma auf "Pop goes the weasel" gespannt 😀

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  • 29. September 2015 at 11:53
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    Manchmal muss ich ein bisschen weiter ausholen! 😉 Mit Anlauf und so, weißt schon! 😀

    Auch bei Dir wäre ich neugierig, was Du dazu sagst, weiß nicht, ob das so dein Ding ist, aber ich kann es mir schon gut vorstellen! 🙂

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  • 29. September 2015 at 11:55
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    @Eene Meene: Ja, oder? War doch ein feiner Thriller, ich mochte ihn auch!! Schade, dass sich Rowohlt mit dem zweiten Band so viel Zeit lässt, hatte neulich in einer Buchhandlung auch schon das "weasel" in der Hand! 😉 In England gibt es inzwischen vier Bände, der fünfte erscheint im Frühjahr 2016 und unsereins wartet hier brav… 😀

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  • 29. September 2015 at 11:58
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    *hüst*
    Mach du nur einen Bogen!
    Je nach Buch mach ich das auch 😛

    @Weasel
    Ich werde den 2ten Band wohl nach der FBM spätestens anfangen. Bin einfach zuneugierig, wie sich das weiterentwickelt! Und hoffentlich kommt dann bald auch die dt. Version raus…gerade wenn schon so viele Fortsetzungsbände im Original existieren -.-

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  • 29. September 2015 at 19:15
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    Während dem Lesen Notizen gemacht, habe ich mir (aber vor längerer Zeit) nur bei Leserunden. Bei meinen jetzigen gelesenen Büchern notiere ich mir nie oder nur gaaaaaaanz selten mal ein paar Worte, die mir während dem Lesen in den Sinn kommen. Obwohl mir ja sogar ganz oft Sachen einfallen, die es sich lohnen würde, aufzuschreiben. Aber ich tu es dann ja doch nie. Ich sollte mir das jetzt echt wieder angewöhnen, denn dann sitze ich bestimmt nicht mehr so lange an meinen Rezensionen bzw. fühle mich nicht mehr so lange ahnungslos vor meinem weißen Blatt, wenn ich da schon ein paar Notizen drauf habe, mit denen ich was anfangen kann. 😉
    Aber danke für deinen Tipp – manchmal sind es auch nur ganz einfache Dinge, die enorm weiterhelfen können. 🙂

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  • 29. September 2015 at 20:17
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    Ja gerne! 🙂 Und manchmal hilft es wirklich, wenn ich mir den Gedanken gleich beim Lesen notiere, daraus entspinnt sich dann manchmal die ganze Besprechung. Was nicht heißt, dass ich nicht auch ewig vor so einer Rezension sitzen würde! ;D

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  • 29. Oktober 2015 at 15:45
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    Dass Crissa Stone mit so viel Selbstverständlichkeit eine Frau ist, hat mir auch besonders gut gefallen. Bei Frauenfiguren von männlichen Autoren bin ich meist skeptisch – und bei Krimi-Autoren ganz besonders – aber das hier hat Wallace Stroby gut gemacht.

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  • 29. Oktober 2015 at 17:25
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    Ja, ganz genau, diese Selbstverständlichkeit trifft man zu selten an, selbst weibliche Autorinnen lassen ihre Figuren allzu oft sich selbst erklären, dabei braucht es doch gar keine Rechtfertigung für eine Frau in einer bestimmten Position.

    Danke für deinen Kommentar! 🙂

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  • 13. Oktober 2016 at 16:55
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    “Askese bei der Nutzung von Adverbien, Prologen und Wetterbeschreibungen zum Romaneinstieg.” Nein, Askese nicht nur zum Romaneinstieg, sondern – immer!

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    • 13. Oktober 2016 at 17:18
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      Im Text bezog sich “Romaneinstieg” nur auf die Wetterbeschreibung, der Rest galt nicht nur für den Einstieg, sondern generell.

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