James Sallis – Driver

Es beginnt in einem Motel am nördlichen Stadtrand von Phoenix. Ein missglückter Raubüberfall auf einen Laden, der Fahrer des Fluchtwagens sitzt verletzt am Boden. Eine Frau ist tot, ebenso zwei weitere Männer. Schauen wir uns den Fahrer genauer an. Um den geht es hier, um Driver, mehr Name ist nicht nötig.

»Driver« ist ein Roman, ein Krimi, ein Thriller, ein Noir des amerikanischen Autors James Sallis aus dem Jahre 2005, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis in der Kategorie International 2008. James Sallis ist soetwas wie der finstere Poet unter den Kriminalschriftstellern. Er hat Sätze in seinen Romanen, die so wunderschön sind, dass man sie behutsam auf die Hand nehmen und bei Licht betrachten möchte. Und er erzählt seine Geschichten ganz klar und nüchtern, ganz tief und ruhig, ganz hart und unerbittlich.

 

Der Driver

Zurück zu dem Fahrer, der verletzt auf dem Boden eines Motelzimmers sitzt. Eigentlich ist Driver kein Verbecher, kein Killer, kein Räuber.

»Ich fahre. Das ist alles, was ich mache. Ich bin nicht dabei, wenn du das Ding planst, und auch nicht, wenn du’s den anderen verklickerst. Du sagst mir, wo es losgeht, wohin wir fahren und wo es anschließend hingeht. Du bestimmst die Uhrzeit. Ich beteilige mich an nichts, ich kenne niemanden, ich bin unbewaffnet. Ich fahre.«
 
(S. 20, »Driver«, James Sallis, Liebeskind Verlag 2007)

Und genau das tut er, er fährt, wie ein kleiner Gott, oder wie der Teufel. Driver ist Stuntfahrer in Hollywood, der Beste, und einer der begehrtesten. Weil er liefert, was die Produzenten wollen, weil er zuverlässig ist, sorgfältig arbeitet. Er hat beim Besten gelernt, bei Shannon, der eine Art Ziehvater für Driver wurde, als der mit 16 nach Los Angeles kam und auf eine Chance hoffte. Die hatte er. Irina, Benicio. Doch da ist etwas Dunkles in ihm, mit einem Fuß steht Driver immer auf der Schattenseite der Stadt.

 

Stadt der Schatten

Und diese Schatten, die Anonymität, die ihm L.A. bietet, haben für ihn etwas substanzielles. Driver bleibt lieber unerkannt, verborgen, im Schatten, wie ein Schatten. Teil dieser Stadt, aber immer ein paar Schritte außerhalb ihrer Mitte.

Als dann der besagte Überfall schiefgeht und Driver sich in dem Motelzimmer wiederfindet, eskaliert die Situation im Roman mit einer kalten Ruhe. Bernie Rose, ein Gangster aus Brooklyn, der sein Geschäft in Kalifornien aufgebaut hat, ist nun der Mann, mit dem Driver über seine Zukunft verhandeln muss.

 

Erzählkunst

James Sallis erzählt diese Geschichte in seinem ganz eigenen Rhythmus, seinem eigenen Beat und wenn man sich später den Film anschaut, »Drive«, dann findet man, obwohl eine abgewandelte Geschichte erzählt wird, eben genau diesen Rhythmus, diese Ruhe, diesen Beat, wieder. Und zwar so, als hätte der Filmemacher Nicolas Winding Refn mit seinem Herzen, seinem Atem, seinem Pulsschlag und mit jedem einzelnen Neuron gefühlt und genau verstanden, was James Sallis da erzählen will, was diesen Roman ausmacht. Ohne sich exakt an den Plot zu halten, schafft es Refn, einen derart grandiosen Geschichtenerzähler wie Sallis so getreu wiederzugeben, in seinen Motiven und Bildern und Gemüt, dass es eine perfekte Symbiose ergibt. Kaum eine Romanverfilmung ist so different und dabei so zutreffend. Es ist ein Fest.

Aber kurz noch einmal zurück zum Roman, bevor ich noch näher auf den Film eingehe. James Sallis variiert bei seinem Erzählen immer wieder die Chronologie der Ereignisse, er wechselt sehr fließend in der Zeit, ist mal vor, mal nach den Ereignissen in dem Motelzimmer, schiebt später noch etwas ein, reicht Szenen nach, setzt so seine Geschichte zusammen. Das ist nicht der einfachste Weg für den Leser, zeugt aber von Sallis Erzählkunst und bietet der Handlung und seinem Protagonisten das passende Format, die richtige Bühne. Sallis Stil hebt jede Kriminalhandlung auf eine eigene Ebene.

 

Farbenpracht

Und scheinbar gelingt dies Regisseur Nicolas Winding Refn auch mit seinem Film. »Drive« kam 2011 in die amerikanischen Kinos und ist eine wahre Schönheit geworden. Der Look, der Refns Leinwandumsetzung ausmacht, ist schlicht apart. Seine Farben, seine Kameraeinstellungen, das bringt eine Atmosphäre, da ist die Anonymität der Großstadt, die dunkelblauen Nächte, erhellt von roten und orangen Lichtern, alles in kräftigen, satten Farben, pulsierend. Dann im Gegensatz dazu die Tagaufnahmen, sandig, grau, leblos, nur dann und wann von Wärme durchzogen, wenn es erforderlich ist. Das macht so einen Spaß beim Zuschauen, alles ist stimmig und durchdacht und sieht einfach nur smart aus.

Dazu die Musik, elektronisch, minimalistisch, spährisch. Das gibt dem ganzen Film so einen leicht technoiden Touch, gerade bei den Nachtaufnahmen, und das, obwohl die Story im Kern so alt ist wie die Menschheit. Das ist eine geniale Mixtur. Verantwortlich für den Soundtrack war Cliff Martinez, der – Achtung, unnützes Wissen! – in den 80ern kurze Zeit Schlagzeuger bei den Red Hot Chili Peppers war und mit dem Nicolas Winding Refn auch in seinen beiden folgenden Filmen, »Only God Forgives« (Krasser Film, sehr sehenswert, wenn man ein bisschen was aushalten kann.) und »The Neon Demon« (Noch krasser, wobei, eher virtuoser, die Bilder sind der Wahnsinn, bizarr und schön.) zusammenarbeitete.

 

Das Cast

Schauspielerisch ist »Drive« bis in die letzte Ecke großartig besetzt. Da sind zum Beispiel Albert Brooks (»Out Of Sight«, »Ein ungleiches Paar«) und Ron Perlman (»Hellboy«, »Sons Of Anarchy«) als Mafia-Gangster, wobei besonders Albert Brooks‘ Darstellung von Bernie Rose passgenau sitzt und richtig gut funktioniert.

Dann eine Christina Hendricks (»Mad Men«, »God’s Pocket«) in einer eher kleineren Nebenrolle als Komplizin bei dem Raubüberfall. Oder eben ein Bryan Cranston, der zu dieser Zeit schon als Walter White in der TV-Serie »Breaking Bad« die Rolle seines Lebens spielte und hier als Drivers Mentor Shannon auftritt. Es sind gar nicht mal die großen Gesten, die diese Rollen ausmachen, aber in sich ist dieses Ensemble sehr stimmig.

Die beiden Hauptdarsteller, Carey Mulligan als alleinerziehende Mutter Irene und Ryan Gosling als der Driver, sind dann noch einmal das stille Highlight in dem Cast. Beide Rollen kommen mit wenig Text aus, was ich unfassbar faszinierend fand. Bei beiden Figuren spielt sich unglaublich viel im Inneren ab und das spürt man zu jeder Zeit. Großartig schön anzusehen.

 

Stille Wasser sind tief

Überhaupt ist dieser Film von einer tiefen Ruhe geprägt, die sich nur in den abrupten Gewaltszenen, die schonungslos und unvermittelt über den Zuschauer hereinbrechen, unterbricht. Die kommen tatsächlich scheinbar aus dem Nichts, entwickeln eine unbändige Brutaliät, dadurch eine verstörende Intensität, sind aber so fantastisch punktgenau inszeniert, dass sie nichts mit sinnloser Actionszenerie zu tun haben, sondern kurz und effektiv dem Film eine notwendige Facette verleihen, die für das Figurenverständnis elementar ist.

 

Plotänderungen

Ansonsten ist »Drive«, wie schon eingangs kurz angedeutet, relativ frei, was die Bindung an die Romanvorlage angeht. Verantwortlich für die Adaption war Drehbuchautor Hossein Amini, der auch bei dem kürzlich vorgestellten Film »Verräter wie wir« nach dem Roman von John le Carré das Textbuch verfasste.

Es gibt einiges am Plot, das geändert, angepasst oder auch komplett umgestellt wurde. Aber das ist durchweg sinnig und wenn man die Struktur von Sallis‘ Roman betrachtet, für eine Verfilmung bis zu einem gewissen Grad notwendig. In jedem Fall schaden die Änderungen dem Film zu keinem Zeitpunkt. So hat der Driver im Roman beispielsweise eine Vergangenheit, eine Kindheit, einen Background, der Film spart das komplett aus, büßt aber dadurch nichts ein.

Denn die Idee des Romans, der ja in erster Linie um seine Hauptfigur kreist, die trifft der Film zu 100 Prozent. Man hat hier im Prinzip zwei Erlebnisse. Einmal das Lesen des Romans, dann das Schauen des Films, bekommt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten in der Handlung, dafür aber die absolute Kongruenz was die Botschaft, das Feeling, ja ganz pathetisch gesprochen, den Geist der Geschichte angeht und das ist perfekt. Besser kann es einer Romanverfilmung nicht ergehen.

 

Fazit: »Driver« ist einer meiner Lieblinge unter den Kriminalromanen der vergangenen Jahre, der Film »Drive« einer meiner Favoriten überhaupt. Die Stärken beider Stücke liegen in ihrer Umsetzung und in ihrem Stil, jedes für sich betrachtet ist ein Highlight seiner Gattung.

Bewertung: 4.7 Punkte = 5 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 5/5 | Lesespaß: 5/5 | = 4.7/5.0

 


© Liebeskind Verlag
James Sallis – Driver

Originalausgabe »Drive« (2005)

übersetzt aus dem Englischen von Jürgen Bürger

August 2007 im Liebeskind Verlag

Hardcover | 160 Seiten | 16,90 EUR

Genre: Noir, Kriminalroman, Thriller

Reihe: Driver #1

Schauplatz: Los Angeles, Phoenix

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »VERFILMT« mit den Kollegen von Kaliber.17.

6 Kommentare zu “James Sallis – Driver

  • 26. Juni 2017 at 14:16
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    Hier war ich sehr auf deine Besprechung gespannt und sie liest sich toll. Ich habe nämlich weder das Buch gelesen noch den Film gesehen und stelle fest, dass ich das schleunigst nachholen muss. 😉

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    • 26. Juni 2017 at 16:41
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      Das freut mich aus gleich mehreren Gründen, danke! Da ich FIlm und Buch ja große Begeisterung entgegen bringe, und sowohl James Sallis als auch Winding Refn Künstler sind, bei denen ich einfach nur gespannt bin, was die noch so hervorbringen werden, gibt es nichts schöneres, als diese Freude zu teilen oder andere neugierig zu machen! 😀

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  • Pingback: Das Blog-Spezial »VERFILMT« mit Kaliber.17

  • 6. Juli 2017 at 13:35
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    Da ich hier beides kenne (und auch the neon demon ! wuhu!) kann ich dir nur zustimmen! Es sind zwei Werke die für sich stehen, aber an den wichtigsten Stellen kreuzen. Das ist so eine Situation, wo ich gerne das Buch lesen wollte um mehr Hintergrundinfos zubekommen und nun hab ich voll Bock einen reread und rewatch zu machen XD

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    • 8. Juli 2017 at 22:40
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      Das lohnt sich hier auch immer wieder, habe das Buch nun dreimal gelesen, den Film noch öfter geschaut, und es wird nicht langweilig. Cool, „The Neon Demon“, ich treffe nicht allzu oft Leute, die Refn-Filme kennen. 🙂 Wie fandest du ihn?

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      • 22. Juli 2017 at 1:53
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        beim ersten Mal schockierend – da ich manche Momente nicht vorhergesehn hab und bei einigen Stellen, wo ich übles erahnt hab, nix passiert ist. Beim zweiten Mal – erst letzte Woche – konnt man dann eher genießen 😀

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