Volker Kutscher – Der nasse Fisch

Es war schwierig, mit mir und diesem Roman. Zu Anfang. Na sagen wir mal in den ersten zwei Dritteln. Was bei rund 540 Seiten gar nicht so wenig ist. Das letzt Drittel dann fand ich gelungen. »Der nasse Fisch« von Volker Kutscher und ich hatten also summa summarum sehr ambivalente Lesemomente miteinander.

Ambivalent ist auf seine Art auch Gereon Rath, Protagonist dieser Reihe, die im Berlin der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre angesiedelt ist und aktuell sechs Bände umfasst. In diesem ersten findet man sich im Jahr 1929 wieder. Berlin ist eine laute und volle Metropole. Die Ringvereine haben die Stadt im Untergrund im Griff, die politischen Organisationen die Straßen und dazwischen huscht die Preußische Polizei hin und her und weiß nicht so recht, wo sie ansetzen soll und will.

 

Recht und Unrecht im Weimarer Berlin

Gereon Rath sucht auch noch nach einem Ansatz. Nachdem ein Einsatz in Köln ihn Ruf und Posten gekostet hat, sitzt er dank der Beziehungen seines Vaters nun in Berlin im Präsidium am Alexanderplatz und gehört der Sitte an. Pornografie, Koks und illegale Nachtclubs, besser als nichts, aber Raths Erfüllung ist es nicht. Er will mehr, er will in die Mordkommission, will Karriere machen. Mit blindem Ehrgeiz, hinter dem nicht zuletzt ein ausgewachsener Vaterkonflikt steckt, der hier zunächst nur unterschwellig thematisiert wird, geht er dabei oft genug zu weit.

Der Fall, der im Mittelpunkt von »Der nasse Fisch« steht, ist dann auch recht breit angelegt. Es beginnt mit einer Razzia in einem Pornografie-Fotoatelier, zieht sich über die Unruhen im Blutmai bis hin zu einem toten Russen im Landwehrkanal. Von dort aus verdichtet sich dann mit verschiedensten Motiven und Konflikten die Geschichte. Hier mixt sich Volker Kutscher sein Personal aus historischen Persönlichkeiten und fiktiven Charakteren und entwickelt dabei ein beachtliches Aufgebot an Figuren. Vom Polizeipräsidenten bis zum Spitzel, vom Unterweltboss bis zum Stahlhelm-Bündler deckt der Autor so ziemich alles ab, was mit Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung im Berlin der Weimarer Zeit zu tun hatte.

Ähnlich dicht ist dann auch der Fall, den er aufbaut, was prinzipiell ein Grund zur Freude ist.

 

Der schmale Grat

Allerdings ist der Grat schmal, der Komplexität von Langatmigkeit trennt. Und mir waren die ersten zwei Drittel des Romans zu langatmig. Das lebendige Berlin, die politischen Brandherde, der Zeitgeist der Epoche, das alles konnte sich nur schwer durchsetzen gegen den zähen Aufbau einer Handlung, die einfach zu viele Randnotizen mitnahm. Und zu viele Kleinstschauplätze aufmachte.

Insbesondere die Stimmung hat darunter gelitten. Auch der Schreibstil blieb in seiner temperamentlosen Art hinter Möglichkeiten und Erwartungen zurück. Und Atmosphäre kam insgesamt erst sehr spät auf. Eben im letzten Drittel, in dem ich dann erst wirklich gebannt der Geschichte folgte.

Nicht zuletzt, weil ich für die Art der Figurzeichung des Gereon Rath mit der Zeit eine gewisse Sympathie entwickelt hatte. Fragt man sich anfangs noch, was ist bloß los mit dem Kerl, hat der eine eigene Meinung oder nicht und was will der eigentlich, so merkt man im Laufe der Handlung, dass er ein relativ durchtriebener und verschlagener Typ ist. Gesteuert von extremen Ehrgeiz trifft er relativ irrationale Entscheidungen, macht sich zu spät einen Kopf um Konsequenzen, folgt vorrangig egoistischen Motiven. Er ist kein edelmütiger Ritter, den glorreiche Ermittler sonst oft verkörpern müssen. Schaut man genau hin, stellt man fest, dass die verbissene Suche nach dem Täter in diesem Fall nicht vorrangig einem heheren Gerechtigkeitssinn geschuldet ist, sondern dem Streben nach Erfolg, nach eigenem Erfolg, nach alleinigem Erfolg, es allen zu beweisen. Rath ist dabei mehr als ein Einzelkämpfer, er ist ein Egoist. Das macht ihn als Mordermittler interessant.

Und erklärt gleichzeitig seinen immer wieder recht unbeholfenen Umgang mit Charlotte Ritter, einer jungen Frau, die sich von ihrer Anstellung als Stenotypistin bei der Kriminalpolizei hocharbeiten will und wird, dessen ist man sich nach wenigen Auftritten sicher.

 

Mit dem Wissen von heute

Interessant war der Roman auch thematisch. Zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hat sich die Weimarer Republik zwar etabliert, kämpft aber mit den vielen politischen Splittergruppen beständig um ihre Stabilität, die sich schon kurze Zeit später mit der Weltwirtschaftskrise konfrontiert sehen wird.

Da der Roman im Frühjahr 1929 spielt, bleibt ihm dies zunächst noch erspart. In weiser Voraussicht liegt aber auch hier schon ein Augenmerk auf dem Erstarken der Nationalsozialisten und der Blindheit der Menschen gegen Signale, die Leser und Autor mit dem Wissen von heute anders beurteilen, anders werten.

 

Fazit: Mir bleibt am Ende von »Der nasse Fisch« also die Erkenntnis, dass der Roman thematisch zwar reizvoll war und gegen Ende mit seiner Figurenführung (und seinem Showdown) gefiel, ich aber dennoch die ersten zwei Drittel mit einem gewissen Verdruss verbracht habe, weil mir Atmosphäre fehlte, weil mir zum Beispiel auch die Sprache viel zu wenig Profil hatte, weil der Berliner Dialekt ungelenk verwendet wurde, weil die aufgeblähte Handlung und die vielen Kleinstschauplätze dem Roman viel Energie raubten.


In Zahlen: Stil: 3/5 | Idee: 3/5 | Umsetzung: 3/5 | Figuren: 3/5 | Plot-Entwicklung: 1/5 | Tempo: 2/5 | Tiefe: 3/5 | Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 3/5

 


© Verlag KiWi
Volker Kutscher – Der nasse Fisch

August 2008 bei KiWi

Taschenbuch | 560 Seiten | 9,99 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Gereon Rath #1

Schauplatz: Berlin im Jahr 1929

 

 

 

 

 

Weitere Besprechungen zu »Der nasse Fisch« u.a. bei:

Kaliber.17: »Um den Fall aufzuklären, überschreitet er immer wieder Grenzen, arbeitet oft am Rande der Legalität, unter anderem auch mit Berliner Unterweltgrößen zusammen.«

Bleisatz: »Selten gibt es Krimis, die mich vollauf begeistern und wo selbst kritisierte Details am Ende im Nebel verschwinden – und sich in Wohlgefallen auflösen. Mit dem nassen Fisch hatte ich mal wieder so einen Krimi in der Hand.«

2 Kommentare zu “Volker Kutscher – Der nasse Fisch

  • 26. Dezember 2017 at 18:19
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    Weißt du, dass mir JETZT gerade aufgefallen ist, dass ich dieses Buch schon ziemlich oft mit dem zweiten Reiter verwechselt hab? 😛
    Hab die beiden Bücher recht zeitnah nacheinander gelesen und fand “Der zweite Reiter” eindeutig besser und authentisch wirkender.
    Geh hier also voll mit dir mit!

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    • 26. Dezember 2017 at 21:52
      Permalink

      Dann freue ich mich gleich noch ein bisschen mehr, dass ich mir den zweiten Reiter vor Weihnachten noch geholt habe. Ich habe ihn zwar jetzt über die freien Tage nicht lesen können, aber der Urlaub sollte Gelegenheit dazu bieten. 😀

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