Thomas Nommensen – Wintertod

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♫ »Über blassgelben Feldern – schüchtern und scheu,
liegt ein taufrischer Morgen – neblig und neu.
Und die frühesten Vögel
hauen den Morgenappell …« ♫ *


Petrus, Frau Holle und Herr Nommensen

Thomas Nommensen ist soetwas wie der Petrus unter den Krimiautoren. Und auch wenn mir solch klerikale Vergleiche eigentlich nicht liegen, bin ich kulturell dann doch so weit geprägt, dass ich bei Wetter erst an Frau Holle und dann an Petrus denken muss, und auch an Jörg Kachelmann. Aber das würde jetzt in die falsche Richtung führen. Also bleiben wir bei dem älteren Heiligen und der älteren Dame. Petrus hat den Schlüssel zur Himmelspforte, Frau Holle große Kissen und die Goldmarie, und Thomas Nommensen, der hat seinen Stift. Und damit kann er Wetter machen.

 

Die Sache mit der Atmosphäre

In seinem Debüt »Ein dunkler Sommer«, das 2014 erschien, hatte der Autor mich schon einmal damit fasziniert, wie er mit Worten eine Wetterlage so authentisch zu Papier bringen konnte, dass ich meinte, jedes Lüftchen spüren zu können. (Lest mehr dazu in meiner Besprechung zu »Ein dunkler Sommer«.) Zwei Jahre später liegt nun mit »Wintertod« sein zweiter Kriminalroman vor und man sieht schon am Titel, das mit dem Wetter und den Jahreszeiten, das scheint hier der “unique selling point” zu sein.

Und es ist wirklich das, was einen Nommensen-Krimi für mich ausmacht. Die Atmosphäre aus dem Wetter zu ziehen und in seine Geschichte zu verfrachten, das kann Thomas Nommensen bestechend gut. Und das erlebt man auch in »Wintertod« wieder.

 

Kommissar Larsen

Ebenso wie man dem Kommissar Arne Larsen wiederbegegnet. Von Schleswig-Holstein (dort spielt auch sein erster Fall, »Ein dunkler Sommer«) hat er sich nach Berlin versetzen lassen, ein Neuanfang soll es sein. Das gibt Nommensen-Erstlesern nebenbei die sehr flexible Möglichkeit, »Wintertod« und »Ein dunkler Sommer« in beliebiger Reihenfolge zu lesen. Die Fälle stehen jeweils für sich. Zudem erleichtert es Lesern des ersten Romans nach langer Wartezeit den Wiedereinstieg. Alle glücklich also.

Bis auf Kommissar Larsen, der keinen allzu herzlichen Einstand beim Berliner LKA feiert. Seine neue Kollegin Mayla Aslan ist nicht unfreundlich, aber distanziert, die restlichen Kollegen unverbindlich. Larsen findet nur schwer Zugang zu seinem neuen Umfeld. Dem Autor gelingt es, Larsens Position als Neuling und Außenseiter sowohl innerhalb des Ermittlerpersonals als auch im Privaten deutlich spürbar zu definieren. Das fand ich interessant, da es mir half, meine selbst sehr ambivalente Haltung gegenüber Larsen zu ergründen. So richtig warm wurde ich mit ihm nämlich auch nicht. Er war mir irgendwie zu glatt, zu nett, was eine sehr subjektive Wahrnehmung seines Charakters ist, aber auch in der Figurenzeichnung war er mir zu homogen. Trotzdem macht er seinen Job als Kommissar sehr gut, Larsen ist einer von den Guten. Er hat ein gutes Herz, ein gutes Gespür und ermittelt gründlich und hartnäckig und tatsächlich sehr selbstlos.

 

Ein Friedhof, ein Schulhof und dazwischen die Kindheit

Der Fall in »Wintertod« baut sich dabei aus vielen interessanten Elementen auf. Es beginnt mit einem kleinen, stillgelegten Friedhof und einem Leichenfund, der zum Ausgangspunkt wird für die Ermittlungen und damit für die folgenden Ereignisse im Roman. Dazu gibt es in einem zweiten Erzählstrang einen Schwenk ins Schulmilieu, eine junge Lehrerin kehrt nach einer längeren Auszeit wieder in den Schulalltag zurück. Hier schwingt in den einzelnen Szenen eine allgegenwärtige Bedrohung mit und der Fokus liegt neben der Situation der jungen Lehrerin auch auf einem Geschwisterpaar, das durch sein Verhalten Aufmerksamkeit erregt.

Den Feinschliff macht dann ein dritter Handlungsstrang aus, der in der Vergangenheit spielt, Ende der 1970er Jahre in der berühmten Waldsiedlung bei Wandlitz in der ehemaligen DDR. Berühmt wie berüchtigt deshalb, weil in dieser Wohnsiedlung gut gesichert und abgeschirmt von außen die hohen Tiere des Politbüros mit ihren Familien lebten. Sehr zwielichtig und undurchschaubar sind die Fragmente, die davon im Roman auftauchen, je mehr Zeit jedoch in Richtung Gegenwart verstreicht, desto deutlicher formt sich dort ein Bild von der Geschichte einer Familie.

 

Der Wettermacher

Sehr spannend inszeniert wird das alles durch die häufigen Wechsel zwischen diesen drei Stoffen rund um die Kernthemen Familie, Kindheit und Erziehung. Und eben durch die eingangs erwähnte Kunst des Autors, über Wind und Wetter zu gebieten. Wenn Thomas Nommensen, wie hier in »Wintertod«, beginnt, von Schnee und Kälte zu erzählen, dann beginnt es im Kopf zu schneien. Wenn er von nasskalten und grauen Novembertagen in Berlin erzählt, dann hört man beim Lesen das Zischen von Autoreifen über regennasse Hauptstraßen und sieht, wie sich die bunten Ampellichter in der frühen Dämmerung im feuchten Dunst brechen. It’s a kind of magic.

Aber völlig frei von Kitsch. Es ist einfach nur so irre authentisch. Egal ob der erste Schnee in der Stadt, der immer alles plötzlich so ruhig und gedämpft macht oder später in einer anderen Szene der Frost in einem Wald, knackende Äste, ein zugefrorener See. Thomas Nommensen schafft es jedes Mal, mich damit fortzureißen und das macht beim Lesen so viel Spaß. Man ist raus und weg.

 

Bewertung-4-Sterne

Fazit: Ein Krimiautor, der Wetter macht. Und spannende Themen aufgreift. Immer wieder ein Vergnügen.

 

Bewertung: 4,1 Punkte = 4 Sterne

Stil: 4/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 3/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | Ø 4,11 Punkte

 

 


© Rowohlt Verlag
Thomas Nommensen – Wintertod

Originalausgabe | September 2016 im Rowohlt Verlag

Taschenbuch | 432 Seiten | 9,99 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Arne Larsen #x2

Schauplatz: Berlin

 

 

 

 

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei:

Book Experiences – »… durch die Witterungsverhältnisse, die er gekonnt einfließen lässt und zu einem wesentlichen Bestandteil der Handlung macht.«

Kaliber.17 – »Thomas Nommensen erzählt mit gutem Gespür für realistische Figuren und interessante Schauplätze eine erschütternde Geschichte.«

 

 

*Textzeile aus dem Song »B96« von Silbermond, 2015.

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