Dennis Lehane – Ein letzter Drink

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♫ »Just call me angel of the morning, angel.
Just touch my cheek before you leave me, baby.
Just call me angel of the morning, angel
Then slowly turn away from me.« ♫ *

 

Wiedersehen macht Freude

Als ich »Ein letzter Drink«, Dennis Lehanes Debüt aus dem Jahre 1994, zum ersten Mal las, war ich 14 oder 15. Das muss so kurz nach der Jahrtausendwende gewesen sein, also vor gut 15 Jahren. Damals hieß das Buch noch »Streng geheim« und war im Ullstein Verlag erschienen. Ich habe mir das Buch nach der Schule aus der örtlichen Stadtteilbibliothek ausgeliehen und war den restlichen Nachmittag nicht mehr ansprechbar. Hausaufgaben? Who cares!

Mit der Neuauflage, die in diesem August vom Diogenes Verlag herausgebracht wurde, verhielt es sich nicht anders. Dank meines nicht allzu guten Gedächtnisses was Krimiplots betrifft und einiger super spannender Dinge, die mich als 14-/15-Jährige neben dem Lesen noch so beschäftigten, hatte ich keine Ahnung mehr, worum es in diesem Roman ging, als ich ihn am vergangenen Wochenende zur Hand nahm. Nur dieses Gefühl war noch da, dieses Gefühl, dass dieses Buch verdammt großartig war. Das hatte die Jahre überdauert.

 

Der Patrick und die Angie

Komisch eigentlich, dass ich mich kaum an den Protagonisten Patrick Kenzie erinnern konnte. Ich nehme mal stark an, dass mein 15-jähriges Ich ein wenig verknallt in ihn gewesen sein müsste, wenn es denn dazu geneigt hätte, sich in Romanfiguren zu vergucken. Was nicht der Fall war. Aber Kenzie ist schon ein dufter Typ. Genau die Sorte Privatdetektiv, die man sich so vorstellt. Wobei dieser Patrick hier ist noch nicht so abgewrackt. Er hat etliche Dellen, aber er ist noch kein welthassender Zyniker. Und er hat den coolsten Sidekick, Schrägstrich Partnerin, Schrägstrich Kollegin, Schrägstrich verheiratete-beste-in-die-er-auf-eine-sehr-süße-und-sehr-unkitschige-Art-verliebt-ist-Freundin seit Batman mit Robin unterwegs ist, Angela Gennaro.

An Angie erinnere ich mich auch noch. Das war eine Frauenfigur, die mich damals sehr beschäftigt hat. Einerseits klug, selbstbewusst, physisch wie psychisch schlagfertig und mutig. Andererseits seit vielen Jahren mit einem Mann verheiratet, der trinkt und sie dann verprügelt. Sie könnte gehen. Sie könnte sich wehren. Körperlich wäre sie zu beidem in der Lage. Angies Mann Phil, Patrick und Angie selbst sind zusammen aufgewachsen, sie kennen sich seit Kindertagen. Phil und Angie, eine Jugendliebe. Dazu Patrick. Stoff für ganz eigene Geschichten, die Dennis Lehane hier gut austariert als Nebenhandlung mit in den Krimiplot einbaut.

 

Ein Knüller

Und diese ganze Krimihandlung selbst ist der Knüller. Da passt von hinten bis vorne alles zusammen. Für mein Empfinden. »Ein letzer Drink« ist ziemlich perfekt komponiert, es gibt sprachliche Schönheiten, es gibt clevere Szenen, einen coolen Streetlook fürs Kopfkino, bei dem man ahnen kann, warum Dennis Lehane an etlichen „The Wire“-Folgen mitgeschrieben hat und überhaupt entsteht durch Lehanes szenisches Erzählen eine großartige Dynamik zwischen Figuren, Dialogen und Schauplätzen.

Eigentlich würde ich das gerne direkt schon so als Schlusswort stehen lassen. Aber ich habe noch gar nichts über den Fall selbst erzählt. Vielleicht muss ich das in diesem Fall auch gar nicht, der Plot ist spitze, da gibt es kein vertun, der funktioniert, das kann man lesen, Punkt. Nein, Ausrufezeichen!

 

Das Büro im Kirchturm

Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dem Buch nicht gerecht zu werden, wenn ich nichts zur Handlung selbst sage. Die will ich nicht unter den Tisch fallen lassen, denn die ist ja eben so fantastisch durchchoreografiert. Also kurz auch ein paar Worte dazu.

Die Ausgangssituation ist ganz klassisch, eine Privatdetektei bekommt einen Auftrag. In diesem Fall sind das die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angie Gennaro, die gemeinsam in Boston ein Büro in dem alten Kirchturm der St.-Bartholomew-Gemeinde unterhalten. Der Auftrag kommt von einem hohen Tier aus der Politik, dem von seiner Reinigungsfachkraft brisante Unterlagen entwendet wurden. Dabei handelt es sich um Fotos, die ihn weit mehr kosten könnten als seine politische Karriere wert ist. Der Senator will die Angelegenheit diskret regeln, Kenzie und Gennaro sollen die Frau finden. Nun kann man sich den einen Teil schon denken, der andere Teil wird einen aber vielleicht überraschen.

 

Film auf Papier

Dennis Lehane baut aus dieser Startkonstellation eine Geschichte, die sich im äußeren Ring um Verstrickungen zwischen Politik und organisierter Kriminalität dreht, im inneren aber noch eine ganze Bandbreite an anderen Themen abgreift. Es geht um soziale Milieus, um Diskriminierung, um Armut und Reichtum und um Macht. Und um Vater-Sohn-Beziehungen. Und überhaupt und generell und vor allem um Beziehungen. Dabei hat Lehane einen Figurenpark aufgestellt, der alles bedient, ohne Klischees zu überstrapazieren. Eben perfekt komponiert, choreografiert und austariert, sprachlich wie inhaltlich. Es gibt Action, es gibt Emotionen, es gibt sowetwas wie den perfekten Film auf Papier.

 

bewertung wortgestalt buchblog 5 sterne

Fazit: Ein verflucht großartiger Roman voller cleverer Szenen, sprachlicher Schönheiten, mit einem coolen Streetlook und dank Lehanes filmszenenhaftem Erzählens eine perfekte Dynamik zwischen Figuren, Dialogen und Schauplätzen.

Bewertung: 4,7 Punkte = 5 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 5/5 | Tempo: 5/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 5/5 | Lesespaß: 5/5 | Ø 4,7 Punkte

 

 

 


© Diogenes Verlag
Dennsi Lehane – Ein letzter Drink

Originalausgabe »A Drink Before The War« (1994)

aus dem Amerikanischen übersetzt von Steffen Jacobs

August 2016 im Diogenes Verlag

Paperback | 368 Seiten | 16,00 EUR

Genre: Kriminalroman / Thriller / Hardboiled

Reihe: Kenzie und Gennaro #1

Schauplatz: Boston / USA

 

 

 

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei:

Buch-Haltung – »Lehanes Prosa ist schnörkellos, der Ich-Erzähler Patrick Kenzie ein Typ, mit dem man auch abends am Bartresen noch einen letzten Drink nehmen würde.«

Die dunklen Felle – »In Bostons Straßen wird ab sofort wieder hart gekämpft, natürlich mit Kenzie & Gennaro.«

 

 

*Textzeile aus dem Song »Angel Of The Morning« in der Version von Juice Newton, 1981.

3 Kommentare zu “Dennis Lehane – Ein letzter Drink

  • 30. Oktober 2016 at 20:26
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    Das ist ein Buch, das so einfach nie meine Aufmerksamkeit erregt hätte. Das Buch sieht zwar gut aus und ich mag die Optik der Diogenes Bücher eh – sie sehen so gebildet im Regal aus xD -, aber den Verlag lese ich eigentlich nur, wenn ich ein Buch lesen will, das zufällig eben dort erschienen ist. Es ist kein Verlag bei dem ich extra auf die Suche gehe.

    Deine Rezension hat mich jetzt aber bei diesem Exemplar sehr auf den Geschmack gebracht! Sowohl die Protagonisten als auch die Handlung, aber eben vor allem deine Euphorie für das Buch, haben mich neugierig gemacht. Es wandert mal auf meine Wunschliste! Danke für die tolle Rezension!

    Lieben Gruß und morgen ein schönes Halloween,
    Sandra

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    • 30. Oktober 2016 at 20:40
      Permalink

      Hallo Sandra,

      oh du glaubst gar nicht, wie sehr mich das freut!! Das Buch hat wirklich viele viele Leser verdient und wenn ich es dir schmackhaft machen konnte, bin ich glücklich! Ich fand es wieder unfassbar gut, und kann die Fortsetzung nur schwer abwarten!

      Danke für deinen Kommentar! 🙂 Viele liebe Grüße!!

      Reply
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