Sam Millar – Die Bestien von Belfast

Eine schnelle und harte Privat-Eye-Novel liegt mit »Die Bestien von Belfast« von Sam Millar hier auf dem Tisch und ich meine, wow, mit solch einem Roman in unser Blog-Spezial zur irischen und nordirischen Kriminalliteratur zu starten, ist ein wahres Fest und ein großartiger Auftakt.

 

Höchst großartig

Und das gleich in doppelter Hinsicht, ist »Die Bestien von Belfast« doch der erste Band um Privatdetektiv Karl Kane. Zwei weitere folgen ihm und ergeben eine Trilogie, die zu komplettieren ich mich schon sehr freue.

Denn Autor Sam Millar hat es derart gut heraus, einen mitzuziehen, mit kurzen Kapiteln zu arbeiten und einem ein paar Faustschläge in die sensible Magengrube zu geben, dass man selbst etwas mitgenommen aus dieser Geschichte herausgeht. Sie lässt einen wirklich nicht kalt und das finde ich höchst großartig.

 

Nicht sicher

Großartig finde ich generell ja die Figur des Privatermittlers, damit ist immer so vieles möglich. Und mit Karl Kane hat Sam Millar einen interessanten Protagonisten entworfen, mit dem wohl noch so einiges möglich sein wird. Der Belfaster Privatdetektiv verbirgt hinter seiner saloppen Art und seiner zynischen Ader ein Gemüt, das sich im Laufe der Handlung mehr und mehr offenbahren und dem man empathisch begegnen wird.

Seine Ermittlungen führen Karl Kane derweil im Auftrag eines Klienten auf die Spur eines Mannes, der erschossen im Botanischen Garten gefunden wurde. Drei Kugeln im Hinterkopf und einige hungrige Tiere haben dem Herrn ganz schön zugesetzt. Und da es hier Tote wie am Fließband gibt, wird auch nahezu im selben Atemzug eine weitere männliche Leiche gefunden. Im heimischen Schlafzimmer zwar, aber auch dort ist man vor Tieren nicht sicher.

 

Kein unnötiges Chichi

Alles in allem ahnt man recht früh, wie hier der Rachehase läuft, dennoch entbehrt die Geschichte nicht überraschender Wendungen und Spannung büßt sie erst recht keine ein. Das liegt zum einen an der Figurenführung, die sehr präzise die Charaktere platziert. Zum anderen an der Art, wie Sam Millar die Handlung inszeniert.

Je nach persönlicher Toleranz- und Gewohnheitsgrenze findet man hier eine raue Sprache, brutale Übergriffe und tiefe Abgründe, wirklich tiefe, das alles nicht in epischer Breite, sondern klar und hart wie in Schlaglicht getaucht. So funktionieren dann auch die einzelnen Kapitel. Es ist immer, als würde ein Spotlicht angehen und eine Szene beleuchten, mal länger, mal kürzer, aber immer genau richtig und wesentlich und dann geht das Licht wieder aus und richtet sich auf eine neue Szene. Keine Übergänge, keine Überleitungen, kein unnötiges Chichi.

 

Dynamisch

Ich lese das unglaublich gern und es reduziert die Handlung so herrlich auf das wesentliche, es ist eine reine Freude. Man muss so einen Stil aber auch beherrschen und Sam Millar beherrscht ihn, weil es nie gehetzt wirkt, nie unsorgsam, ganz im Gegenteil, er bringt in seine Szenen extrem viel Spannung und Atmosphäre hinein, hat die Ruhe dafür, um Beklemmung zu erzeugen und ein Schaudern hier und da. Aber er bleibt dabei ganz konzentriert bei seinem Plot und treibt seine Handlung darauf zu.

Genial umgesetzt an diesen schlaglichtartigen Kapiteln ist auch gerade zu Beginn das Spiel mit den Zeitebenen und den Figuren. Immer wieder wechselt Sam Millar hier, erzählt von einem blutigen Sommer 1978, einem schauerlichen Winter 1966 und führt in der Gegenwart, in der Haupthandlung, dann immer neue Figuren ein, erschafft neue Verbindungen. In puncto Dynamik macht ihm da keiner etwas vor.

 

Brutal und emotional

Am Ende ist es dann umso spannender zu sehen, welche Themen er letztlich verarbeitet hat. Da sind neben vielen familiären Dingen vor allem auch die chauvinistischen, sexistischen und korrupten Beamten im Polizei- und Justizapparat, Machtmissbrauch auf höchster Ebene, Unmenschlichkeit auf tiefster Ebene.

Dabei wird Karl Kane einerseits als Ermittler aber auch als Privatperson zu einem zentralen Bestandteil der Handlung, er ist auf eine emotionale Art in die Ereignisse involviert, da sind Schuldgefühle, da ist Mitgefühl, da ist Wut und noch so vieles mehr. Das alles lädt den Roman noch einmal zusätzlich auf.

»Die Bestien von Belfast« ist ein harter und brutaler Roman, aber gleichzeitig auch ein unglaublich emotionaler Roman, der einem an die Nieren geht. Eine zynische, schwarzhumorige Ader in den Dialogen puffert das alles ein bisschen ab. Und in seiner Härte, in seiner Emotionalität und seinem bissigen Humor ist dieser Fall für Karl Kane extrem grandios.

 


© Atrium Verlag
Sam Millar – Die Bestien von Belfast

Originalausgabe »Bloodstorm« (2008)

übersetzt von Joachim Körber

April 2013 im Atrium Verlag

Klappenbroschur | 320 Seiten | 16,95 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Privatdetektiv Karl Kane #1

Schauplatz: Belfast

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Irische und nordirische Kriminalliteratur« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

Die Romane um Privatdetektiv Karl Kane im Überblick:

1 – Die Bestien von Belfast
2 – Die satten Toten
3 – Die kalte Kralle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Titelfoto in diesem Beitrag: © Christina Benedikt

21 Kommentare zu “Sam Millar – Die Bestien von Belfast

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  • 15. September 2018 at 16:33
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    Ein toller Auftakt! Und eine sehr schöne Rezi dazu!
    Ich erinnere mich, dass mir der erste Teil der Reihe auch sehr gut gefallen hat – der zweite hat allerdings geschwächelt. Nichtsdestotrotz hab ich mal den dritten Teil gleich aus dem SUB nach oben geholt… 🙂

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    • 15. September 2018 at 17:41
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      Danke! Hm, das hat man ja tatsächlich öfter bei einer Trilogie, dass der zweite Band etwas schwächelt. Kurios! Ich bin auf jeden Fall gespannt und hoffe, gerade auch durch die Kürze der Romane, dass ich da zeitnah Anschluss finde. 😁

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  • 15. September 2018 at 17:41
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    Eine Reihe, die ich auch noch vor mir habe. Interessanter als das Buch selbst, ist allerdings der Autor selbst. Sam hat ja ne ziemlich “bewegte” Geschichte hinter sich. 😉

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    • 15. September 2018 at 17:44
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      Ja, das stimmt, ich bin da auch sehr gespannt auf seine Autobiografie und Christinas Besprechung dazu. Ich hätte es hier eigentlich auch erwähnen müssen. 🤔

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    • 15. September 2018 at 19:30
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      Thank you so much for commenting! And for writing such impressive stuff, I am really into the style and the characters!

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  • 15. September 2018 at 21:40
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    Ich habe den zweiten Band der Reihe gelesen. Ein Psychopathen-Plot, der mich nicht überzeugt hat. Danach habe ich auf weitere Teile verzichtet. Aber Millars Autobiografie habe ich noch auf dem SuB…

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      • 16. September 2018 at 11:30
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        Zufall, war damals bei Lovelybooks in der Verlosung. Kannte die Reihe vorher nicht.

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        • 17. September 2018 at 8:13
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          Ah, ok. Na ich hoffe mal, dass es mir mit dem zweiten Band so gehen wird wie Nicole es beschreibt und dass die Begeisterung über den ersten Band einen da noch mit rüberzieht. 🙂

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  • 15. September 2018 at 23:17
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    Ah! Ich liebe diese Trilogie! Ja doch, der zweite Band ist … nun ja. Aber der Auftakt ist so großartig, dass einen das noch über den zweiten Teil hinweg mitziehen kann. Und den dritten Band fand ich dann schon wieder sehr gut. Der Stil! Das Tempo! Die schwarzhumorige Bissigkeit, die weder gekünstelt noch forciert ist. Herrlich!

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    • 17. September 2018 at 8:16
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      So schön, dich zu lesen, danke fürs Kommentieren! 😀

      Genau wie du es sagst, der Stil und das Tempo und der bissige Humor, das hat echt Spaß gemacht und richtig gut funktinioniert! 😀

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  • 16. September 2018 at 17:00
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    Ach, du kanntest diese Reihe noch gar nicht?
    Glaube ich hatte die damals sogar bei Miss Marple entdeckt 😀

    Der Stil ist mir bis heute in Erinnung geblieben :3

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    • 17. September 2018 at 8:18
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      “Kennen” ist da relativ, der Band stand schon seit fast 5 Jahren im Regal, nur die Zeit, die Zeit. 😀

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      • 18. September 2018 at 16:58
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        Ah, so ein Fall XD
        Das kenn ich aber auch, dieses “Ich habs, aber noch nicht gelesen” 😛

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        • 20. September 2018 at 10:58
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          “Ich habs, aber noch nicht gelesen” – Tihihi, genau das. 😀 😀

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    • 8. Oktober 2018 at 15:24
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      It was a pleasure to read and write about your book! And I’m really looking forward to read Karl Kane #2 and #3 soon. 😀

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