Joe Ide – IQ

wortgestalt buchblog rezension titelbild joe ide iq suhrkamp

Joe Ide hat mit »IQ« einen Thriller vorgelegt, der gut unterhält, gut funktioniert und zu großen Teilen wirklich Spaß macht. Der Roman ist das Debüt des als Drehbuchautor arbeitenden Ides und spielt in Los Angeles, seiner Heimat. Und diese zwei Komponenten, die Erfahrungen als Drehbuchautor und als Kind dieser Stadt L.A., die fließen in diesen Roman ein und machen für mich die Stärke dieses Thrillers aus.

 

Der Nachbar

Worum geht es in aller Kürze? Der junge Isaiah Quintabe lebt in L.A., in einem kleinen Viertel in East Long Beach, sein älterer Bruder Marcus kam vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben und Isaiah, den alle nur »IQ« nennen, versucht sich mit kleinen Ermittleraufträgen aus der Nachbarschaft über Wasser zu halten. Er hat zwar keine Lizenz als Privatdetektiv, aber seine Klienten haben auch selten Bargeld, um ihn zu bezahlen. Stattdessen gibt es Süßkartoffelpastete oder auch mal ein Huhn. IQ ist der ruhige Typ von nebenan, mit MacBook, Espresso und Teleskopschlagstock. Als ihn sein alter, nun, »Kumpel« wäre fast zu viel gesagt, Juanell Dodson für einen Auftrag bei einem millionenschweren Rap-Star gewinnen will, stimmt IQ nur widerwillig zu. Doch ja, der Klassiker, der Junge braucht das Geld.

 

Der Poser

Und ab da wird es dann interessant. Autor Joe Ide schickt seinen Protagonisten in die protzige Bling-Bling-Welt der erfolgreichen Rap-Stars, die ganz ganz wenig mit den Ursprüngen dieser Musik und ganz ganz viel mit MTV zu tun hat. Erwartet also keine bitterbösen Gangsterrapper, sondern verwöhnte Poser, die zwischen Prunk und Protz und bunten Pillen den Hals nicht voll genug kriegen können. Dabei überfrachtet Joe Ide die Figuren aus diesem Milieu – vom tablettenabhängigen Rapper über die gierige Ex-Frau bis hin zu den tumben Bodyguards und dem Plattenboss mit Dollarzeichen in den Augen – mit so vielen Klischees, dass sie regelrecht zu Karikaturen werden, was wiederum den Unterhaltungswert enorm erhöht.

Als Kontrast dazu steht nicht nur IQs eigene Herkunft aus bescheidenen, aber ehrlichen und aufrichtigen Verhältnissen (zumindest bis zu dem Punkt, an dem sein Bruder stirbt, aber das lasst euch lieber von Joe Ide im Roman erzählen), sondern auch der Part, der den Roman zum Thriller macht. Denn auf den neureichen Rap-Star wurde ein Mordanschlag verübt, ein Killer angesetzt, der nicht nur mit Präzisionsgewehren umzugehen weiß, sondern scheinbar auch einen Hund von der Größe eines Kalbs abgerichtet hat, um ihm die Arbeit zu erleichtern. Und dieser Teil, um auf den Kontrast zurückzukommen, bringt einen Hauch von White Trash in den Roman mit ein, was ich als wirklich spannend inszeniert empfand.

 

Der Gegner

Trotzdem war genau die Gestaltung der Antagonisten für mich eine der Schwachstellen dieses Romans. Nicht so sehr, dass die Story für mich nicht mehr funktionierte, aber dennoch fehlte mir hier Profil und Überzeugungskraft. Auch kann man insgesamt von keinem allzu innovativen Roman sprechen, denn so viel Spaß die Lektüre auch macht, sie lässt auch eine Menge Gemeinplätze für sich arbeiten und ist bei genauerer Betrachtung relativ dünn.

Aber sie lebt auch von einer tollen Dynamik. Dieser Thriller funktioniert wie ein Film, er ist dialoglastig und wechselt mit schöner Regelmäßigkeit die Szenen, lässt tolles Kopfkino entstehen und weiß mit Dramatik und Humor zu spielen. Dazu trägt auch ganz stark der zweite Handlungsstrang bei, der in der Vergangenheit spielt und Isaiah Quintabes Geschichte erzählt. Die bildet damit nach und nach das Rückgrat des gesamten Romans, gibt der Story ihr nötiges Backup. Und sie gibt den Figuren eine gewisse Tragik, die charmant wirkt, einen emotionalen Faktor ins Spiel bringt und für mich in der Gesamtrechnung damit aufgeht.

 

Das Vorbild

Kurz noch zum Holmes-Hint: Trotz einiger – mal mehr, mal weniger offensichtlicher – Reminiszenzen an die wohl berühmteste Detektivfigur unserer Popkultur hat die Charakterzeichnung von IQ und Dodson herzlich wenig mit den britischen Vorlagen zu tun. Wer also eine weitere Inkarnation des stolzen Schlaumeiers sucht, ist hier Fehl am Platz, wer sie fürchtet, kann aufatmen. Es gab kongeniale Ermittler vor Sherlock Holmes, es gab sie nach ihm und es wird sie immer wieder geben, nicht in jeder sollte man Sir Arthur Conan Doyles Erbe suchen. Joe Ides Vorliebe für die Holmes-Geschichten mag zwar seine Inspiration zu diesem Roman gewesen sein, und man kann ihn als eine Verneigung verstehen, aber trotzdem bringt „IQ“ genug eigenes Potential mit, um eben nicht im Schattenwurf der großen Kultfigur zu verschwinden.

 

Bewertung-4-SterneFazit: Coole Dynamik, cooles Setting, schwache Antagonisten, aber insgesamt eine sehr unterhaltsame Lektüre, die Spaß macht. »IQ« erzählt die Geschichte des Außenseiters Isaiah Quintabe auf der Suche nach seinem Platz im Leben auf charmant-tragische Art und packt das ganze in einen Thriller im L.A.-Style.

Bewertung: 4,0 Punkte = 4 Sterne

Stil: 4/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 3/5
Komplexität: 3/5 | Lesespaß: 5/5 | = 4,00

 

 


buchcover joe ide iq suhrkamp verlag
© Suhrkamp Verlag

Joe Ide – IQ

Originalausgabe »IQ« (2016)

übersetzt aus dem Englischen von Conny Lösch

November 2016 im Suhrkamp Verlag

Klappenbroschur | 387 Seiten | 14,95 EUR

Genre: Thriller

Reihe: Isaiah Quintabe #1

Schauplatz: Los Angeles / Kalifornien

 

 

Ein Kommentar zu “Joe Ide – IQ

Hinterlasse einen Kommentar:

%d Bloggern gefällt das: