Jérôme Leroy – Der Block

»Der Block« ist eine Lektüre, die sich von vielem abhebt, was ich in diesem Jahr an politischer Auseinandersetzung in der aktuellen Kriminalliteratur gelesen habe. Der Roman des französischen Autors Jérôme Leroy ist sowohl in seinem Erzählen als auch in seiner inhaltlichen Herangehensweise ungewöhnlich und bemerkenswert.

Er beschreibt eine Nacht im Leben zweier Männer. Eine Nacht, die vieles verändern wird in beider Leben. Wohl in aller Leben. Es ist eine Nacht in einem Paris, in dem seit Monaten Unruhen herrschen. Gewalt auf den Straßen, bürgerkriegsähnliche Zustände, Krawalle, zahlreiche Tote. Eine eskalierte Lage, der die amtierende Regierung nicht mehr Herr wird. Die Bevölkerung hat das Vetrauen verloren, Angst und Hass beherrschen das Land. Die rechtsextreme Partei »Bloc Patriotique« wird zu geheimen Verhandlungen in den Èlyseepalast einbestellt, die machtlose Staatsmacht will eine Regierungsbeteiligung aushandeln. Unter der Führung von Agnès Dorgelles sieht sich der Patriotische Block damit kurz vor dem ersten Ziel seiner langjährigen politischen Bemühungen.

 

Zwei Männer und ihr Weg in den Faschismus

Dorgelles‘ Ehemann, Antoine Maynard, wartet in dieser Nacht im gemeinsamen Pariser Luxus-Apartment auf ihre Rückkehr, hofft und bangt um diesen Etappensieg. Schwankt zwischen Wodka und Koks, entscheidet sich an diesem Abend für die weichere Droge. Antoine ist ein Intellektueller, aus gutbürgerlichem Haus. Gebildet, ehemaliger Lehrer, nicht verstandener Schriftsteler, Faschist. Er ist der Schwiegerkronprinz der Partei, vielleicht auch nur Prinzgemahl. Er schreibt die Reden, PR-Texte. Mag Literatur, Lyrik. Zitiert und philosophiert im Laufe dieses Abends des Wartens in einem inneren Diskurs, erinnert sich an sein Leben bis hierhin. An seinen Weg, der durch seinen Intellekt wie auch durch seine Sehnsucht nach Gewalt bestimmt wurde.

Der zweite Mann dieser Nacht ist Stéphane Stankowiak, kurz Stanko. Chef des Ordnungsdienstes der Partei, Ausbilder der internen, geheimen Deltagruppe für die ganz harten Einsätze. Offiziell ist sein Posten der des Sicherheitsbeauftragten des Patriotischen Blocks, faktisch leitet er eine Privatarmee, die prügelt, zündet, mordet. Stanko soll in dieser Nacht sterben, seine eigenen Leute wurden auf ihn angesetzt, denn er weiß zu viel, hat zu viel Drecksarbeit erledigt. Eine Partei, die bald zur Regierung gehört, will sich solcher Altlasten rasch noch entledigen. Stanko ist ein ehemaliger Skinhead, ein rechtsradikaler Prototyp aus der Arbeiterklasse, und wie ein Bruder für Antoine. Auch er lässt in dieser Nacht sein Leben Revue passieren, zeichnet seinen Weg nach, der ihn zum Faschisten machte.

 

Hier ist der Punkt, an dem es beginnt

In diesem Wechselspiel, ein Kapitel für Antoine, ein Kapitel für Stanko, erzählt Jérôme Leroy von der Entwicklung der rechtsextremen Partei im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung Frankreichs in den letzten 40 Jahren. Er ist dabei erzählerisch sehr nah dran an seinen beiden Hauptfiguren aus dem innersten Kreis der französischen Rechten. Er ergründet an ihnen die perfide Dynamik und die Machtstrukturen. Die Motive, ihr Denken und Wirken, das Instrumentalisieren und das Manipulieren. Und plötzlich fragt man sich nicht mehr, wie denn damals der Faschismus an die Macht kommen konnte. Wie eine SA entstehen konnte, wie es möglich war, dass diese Strukturen derart gut organisiert waren und finanziert werden konnten.

Hier ist der Anfang, hier ist der Punkt, an dem es begann, an dem es beginnen könnte, an dem es beginnt. Die Entwicklung, die dazu führen kann, dass eine rechte Partei ihren Einfluss so weit ausbaut, dass sie die Möglichkeit hat, an einer Regierung beteiligt zu werden. Vorlage in der Realität für den Blog Patriotique ist der Front National. Mit der aktuellen politischen Lage kann der Roman seit seinem Erscheinen 2011 leider mithalten, nicht nur in Hinblick auf die Wahlen in Frankreich in diesem Frühjahr. Auch in Anbetracht seiner Übertragbarkeit auf jedes andere Land.

 

Stellenweise unbequem, wie das Leben

Bemerkenswert fand ich beim Lesen wie eingangs erwähnt auch und insbesondere die Erzählperspektive, die sich für mich als ungewöhnlich und extrem spannend darstellte. Neben der Ich-Perspektive bei der Figur Stanko fällt bei den Kapiteln mit Antoine die Sicht auf die Figur folgendermaßen aus: »Du siehst dir, ohne wirklich hinzuschauen, die Nachrichten an, die ununterbrochen auf LCi laufen. Du hast den Ton abgestellt.« Hier wird der innere Monolog mit einer Distanziertheit von außen betrachtet. Das habe ich in dieser Form noch nicht oft gelesen, vor allem nicht in der Konstellation zweier Figuren, die sich sehr nahe stehen, aber im gesamten Roman nicht aufeinander treffen. Und dennoch eine Gesamtheit bilden.

Somit war dieser Roman für mich nicht nur inhaltlich sondern auch erzählerisch eine Bereicherung, ein intensives Buch, in vielerlei Hinsicht. »Der Block« ist kein bloßes Zeitzeugnis unserer Gesellschaft, keine Wutschrift, kein erhobener Zeigefinger, kein einfaches Unterteilen in Schwarz und Weiß. Dieser Roman ist ein sehr bedachtes, sehr kluges, sehr überlegtes Werk, das entlarvt, das hinterfragt, das aufzeigt. Das seine Leser auffordert zu denken, zu sehen.

Neben diesem Roman hat Jérôme Leroy inzwischen zwei weitere Romane in Frankreich veröffentlicht, ich hoffe sehr auf eine Übertragung ins Deutsche.

 

Fazit: »Der Block« gehört zu den Kriminalromanen, die zeigen, dass man ein politisches Anliegen literarisch auch ohne einfallslose Moralpredigt verarbeiten kann. Etwas, das anderen Autoren und Autorinnen nicht immer gelingt.

 

In Zahlen: Stil: 5/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 4/5 | Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 3/5 | Tiefe: 5/5 | Komplexität: 5/5 | Lesespaß: 4/5

 


© Edition Nautilus
Jérôme Leroy – Der Block

Originalausgabe »Le Bloc« (2011)

übersetzt aus dem Französischen von Cornelia Wend

März 2017 bei Edition Nautilus

Klappenbroschur | 320 Seiten | 19,90 EUR

Genre: Roman, politisch, Kriminalroman

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Paris

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts »Ein Monat mit … französischer Spannungsliteratur«.

 

Weitere Besprechungen zu »Der Block« u.a. bei:

Crimenoir: »Und Hut ab vor seinem Mut, ein derart brisantes Buch zu schreiben. Ich kann mir leider gut vorstellen, dass er dafür auch bedroht wird.«

Kaliber.17: »In der aktuellen Situation, in der die neuen Rechten vielerorts plötzlich salonfähig werden, ist ein solcher Roman noir ein klares politisches Statement.«

 

Ein Kommentar zu “Jérôme Leroy – Der Block

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