Fuminori Nakamura – Die Maske

Was ich in letzter Zeit immer häufiger beim Lesen vermisst hatte, war das Gefühl, nicht zu wissen, was auf den kommenden Seiten geschehen könnte. Denn egal wie der Weg dorthin im Detail aussehen würde, es war doch immer grob klar, welchen Intentionen die Figuren folgen, welcher Handlungsmuster sie oder ihr Autor sich bedienen würden. Am Ende konnte die Geschichte dann noch so gut erzählt sein, sie war dennoch vorhersehbar in ihrer Art. Das war ein wenig ermüdend. Und da fehlte der Zauber.

 

Geschichten haben das.

Ja, ja, Kitsch lass nach, Zauber, pfff! Was braucht denn Literatur Zauber? Ja aber bitte, natürlich braucht Literatur Zauber. Das kann für jeden Leser etwas ganz anderes sein, man mag es völlig anders benennen, aber am Ende ist es doch ein Gefühl, eine Regung, im Kopf, im Herz, irgendetwas, das einen mitnimmt, abholt, anspricht, abstößt. Man kann es nennen, wie man mag, aber Geschichten haben das.

Und »Die Maske« hat das. Ich hatte beim Lesen schon lange nicht mehr das Gefühl, so an dem Handeln und Denken einer Figur ehrlich interessiert zu sein wie es bei Fuminori Nakamuras Protagonisten der Fall war.

 

Fumihiro und der Stachel des Bösen

Dieser hört auf den Namen Fumihiro Kuki und ist der Sohn eines reichen und mächtigen Mannes. Gezeugt wurde er, um das Übel in der Welt zu sein. Eine alte Familientradition, bei der der Vater seinen letztgeborenen Sohn zu einem schadhaften Wesen erzieht, zu einem Geschwür, einem Auswuchs des Bösen. Klingt realtiv melodramatisch, ist es aber nicht. Denn am Ende geht es auch hier um Macht, um Geld, um Einfluss in Politik und Wirtschaft. Es wird wenig wundern, dass die Familie des Jungen unter anderem in der Rüstungsindustrie profitable Geschäfte macht, zur Not auch Umstände zur Notwendigkeit forciert.

Fumihiro ist elf Jahre alt, als sein Vater ihm seine Funktion in dieser Welt offenbart. Am selben Tag tritt auch das Waisenmädchen Kaori in Fumihiros Leben. Sein Vater hat sie adoptiert, sie soll gemeinsam mit Fumihiro aufwachsen. Sie ist Teil eines Plans, keine Gefälligkeit. Und so werden die beiden Kinder zu Freunden, zu Jugendlichen, zu Liebenden. Fumihiro weiß um die Absichten seines Vaters. Und er liebt Kaori. Er stellt sich gegen seine ihm zugedachte Rolle. Glaubt er. Doch macht er das wirklich? Hui, da wird es spannend!

 

Vom freien Willen

Und nicht nur da, aber auch, weil hier die philosophischen Gedankenansätze zum freien Willen verbaut werden und der Geschichte auf dieser Ebene eine sehr interessante, dezente, aber präsente Note verliehen wird. Kann man seiner Bestimmung entkommen? Hat man überhaupt eine? Wer teilt sie einem zu? Und was macht das mit einem? Wie beeinflusst es einen Menschen, seine Entwicklung, sein Leben. Denn mehr hat der Mensch nicht. Nur dieses eine Leben.

Die Haupthandlung des Romans spielt dann in der Gegenwart, Fumihiro ist inzwischen erwachsen. Was ist aus dem Kind geworden, das die Welt und seine Mitmenschen ins Unglück stürzen sollte? Was aus Kaori, seiner großen Liebe?

Ein Kriminalbeamter taucht auf, eine Privatdetektei hat ebenfalls ihre Funktion, ein kosmetischer Chirurg und natürlich der Kuki-Clan, der sein weitreichendes, globales Netz gespannt hat, spielen auch eine Rolle. Am Ende geht es um Fumihiro, um seine Liebe zu einer Frau, den Hass auf seinen Vater, seinen Widerstand gegen seine Prädestination und seinem Streben nach etwas Gutem. Die Liebesgeschichte wird dabei im übrigen ganz so erzählt, wie ich mir eine Liebesgeschichte in einem Kriminalroman wünsche und gar selten finde, sie ist klug und von leiser Wucht.

 

Nakamura-Style

Das alles erzählt der Autor Fuminori Nakamura in einem dicht gewebten und atmosphärischen Konstrukt, das wahrhaft meisterlich Elemente eines Kriminalromans, eines Psychothrillers und einer Liebesgeschichte vereint. Überhaupt nicht bemüht, sondern wie selbstverständlich fügt sich das alles zusammen und ergibt in der Summe den eingangs beschriebenen und vermissten Zauber.

Man bemerkt die Existenz dieser einzelnen Erzählelemente gar nicht, wenn man am Ende nicht versucht, den Roman zu beschreiben und dann notgedrungen auf diese bekannten Formbeschreibungen zurückgreift. Denn das hier ist eigentlich etwas eigenes, das ist der Fuminori-Nakamura-Stil und der steht für sich. Und das ist halbwegs selten und sehr großartig.

Passend zu dem dezenten, weil nicht so aufdringlich reflektierten, philosophischen Ansatz gibt es auch dezente poetische Passagen in diesem Roman, die man dann gerne zweimal, dreimal liest und sich über die Sprache freut, die nie übertreibt und immer sehr punktgenau erzählt und damit ganz viel bewirkt und transportiert, seien es Emotionen bestimmter Szenen oder Wesenszüge einzelner Figuren. Und am Ende ist es dann diese Mischung aus dem Erzählansatz, dem Plot, der Atmosphäre und der Sprache, die »Die Maske« so eindrucksstark machen.

 

Fazit: Die Geschichte um Fumihiro Kuki und seine Bürde, der Stachel des Bösen in der Welt zu sein, formt hier eine widerspruchslose Kombination aus Kriminalroman, Liebesgeschichte, Psychothrill und Familiendrama, sehr stimmig, leise faszinierend und ein freistehendes Stück Kriminalliteratur.

 

 


© Diogenes Verlag
Fuminori Nakamura – Die Maske

Originalausgabe »Aku to kamen no ruru « (2010)

übersetzt aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg

Februar 2018 im Diogenes Verlag

Hardcover | 352 Seiten | 24,00 EUR

Genre: Roman/Kriminalroman/Psychothriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Tokio

 

 

Weitere Besprechungen zu »Die Maske« u.a. bei:

Bleisatz: »Fuminori Nakamura packt so viele Fragen in seine Handlung ein: Schicksal, Vorbestimmung, Glück, Verweiflung, Selbstbestimmung — es ist ein ernster, praller Roman, der aber die Spur nicht verliert.«

El Tragalibros: »Der Roman entfaltet eine komplexe Verfolgungsjagd, in der nicht immer klar ist, wer wen verfolgt und was die Ziele desjenigen sind. Er spielt in den düsteren Ecken der Nachtclubs, in den dunklen Gedanken des Protagonisten und mit den gierigen Krallen der Mafia.«

 

 

2 Kommentare zu “Fuminori Nakamura – Die Maske

  • 8. August 2018 at 20:09
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    Ich bin von “Die Maske” auch total begeistert. Auch mir gefiel die Hauptfigur Fumihiro derart gut, dass ich ganz verzaubert durch das Buch gerauscht bin.
    Ich kann dir nur zustimmen, dass der Mix zwischen Psychothriller und Liebesroman derart gut verflochten ist, das man es beim Lesen gar nicht merkt bzw. überhaupt nicht darauf achtet. Die Geschichte hat einfach eine ganz spezielle Sogwirkung. Oder Zauber, wie du es nennst ;-).
    Ein absolut lesenswertes, empfehlenswertes Buch. Ich will mehr von Nakamura!

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    • 8. August 2018 at 20:15
      Permalink

      Ich war damals von “Der Dieb” auch schon ziemlich angetan, aber “Die Maske” hat wirklich nochmal einen draufgelegt. Klasse, dass es dir auch so gut gefällt! Und ich hoffe auch ganz stark, dass wir mit weiteren Übersetzungen rechnen dürfen, das ist wirklich herausragende Abwechslung zum üblichen Plot-Alltag. 😊

      Reply

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