Estelle Surbranche – So kam die Nacht

Koks über Board. Das ist wirklich schlecht gelaufen für zwei Drogenkuriere, die mit ihrem Schnellboot eine weitere Ladung nach Spanien bringen sollten und von der Küstenwache überrascht wurden. Die gut verschnürten Päckchen mit reinstem Kokain mussten sie rasch im Meer versenken. Ein herber Verlust für ihren Auftraggeber, einen serbischen Warlord.

 

Kokain am Strand

Mindestens 1,5 Tonnen Kokain sind also futsch. Ein Teil davon wurde an die französische Südwestküste gespült, ein Teil an die spanische Nordküste. Die ganze Region spricht davon. Und da gibt es brave Bürger, die die kleinen schwarzen Pakete beim Strandspaziergang finden und der Polizei übergeben. Und da gibt es weniger brave Bürger, die die kleinen schwarzen Pakete am Strand finden und für sich behalten, den Inhalt konsumieren. Oder gar dumm genug sind, ihn zu verticken.

So auch Romain und Matthieu, zwei Jurastudenten aus Paris, die zum Surfen an die Atlantikküste gefahren sind und mit mehreren Kilo Koks im Gepäck wieder nach Paris zurückkehren. Plötzlich sind sie gemachte Jungs. Die coolen Kids reißen sich endlich um ihre Gesellschaft, sie können sich Markenklamotten leisten, besuchen die angesagtesten Partys und lernen die hübschesten Mädchen kennen. Was für ein Leben! Während Matthieu aber bald die Reißleine zieht, eskaliert bei Romain die Sucht nach Koks und Anerkennung.

 

Die Jagd beginnt

Die Welle von feinstem Kokain bleibt auch in der kleinen Küstenregion im Südwesten Frankreichs nicht ohne Folgen. Tödliche Überdosen beginnen sich zu häufen, die Dealerei erreicht extreme Ausmaße. Die Drogenfahnderin Gabrielle Levasseur hat bereits den fünften Todesfall auf dem Schreibtisch, seit das spezielle Strandgut angespült wurde. Zu viel Kokain, zu reines Kokain und der Drogenmarkt kollabiert.

Und dann ist da noch Nathalie, eine Killerin im Dienste des serbischen Kriegsherrn Radzik. Eine zierliche und unscheinbare graue Maus, die grausam und mit Genugtuung mordet. Sie ist ein Kind der Jugoslawienkriege, der Warlord Radzik ihr Ziehvater, Vergewaltiger und Lehrmeister. Alle, die irgendwie mit dem badengegangenen Kokain zu tun haben, stehen auf ihrer Liste. Und auf der will man nicht landen, auf der will man wirklich nicht landen. Doch es muss ein Exempel statuiert werden, es muss klar werden, dass man Radzik und seiner Organisation nichts wegnehmen kann. Um seine Position zu festigen, geht Nathalie für ihn auf die Jagd.

 

Und so kam die Nacht

Und so kommt es in »So kam die Nacht«, dem Debüt der französischen Autorin Estelle Surbranche, zu so manch ausführlicher und/oder blutreicher Tötungsszene. In der Regel fällt es mir schwer, objektiv einzuschätzen, ab wann ein Roman wirklich heftig wird.

Und hier wird recht explizit und blutig gemordet. Aber es gab ganz speziell zwei Szenen in diesem Roman, die selbst mir an die Substanz gingen. Und das nicht, weil Estelle Surbranche ihre Mordszenen so bildreich beschreibt oder gar Spannungsmomente aus ihnen stielt, sondern weil sie einfach ein unglaublich feines Gespür für eine sehr schlichte, bedrückende Stimmung in diesen Momenten hat. Diese Szenen schienen mir trotz ihrer Brutalität in keinster Weise blutdürstig. Stattdessen legten sie auf eine erschreckende Art das komplette Ausmaß von Unmenschlichkeit frei, das in den Figuren ruht. Das war auf eine ganz eigene Art brutal und von der Autorin sehr gut inszeniert.

Beim Thema Gewalt spielt durch die Biografie der Killerin Nathalie auch der Jugoslawienkrieg und dessen Folgen eine große Rolle. Gleichzeitig erfolgt eine fast groteske Gegenüberstellung mit den nahezu gleichaltrigen Pariser Jura-Studenten aus nicht extrem wohlhabenden, aber doch gut situierten Verhältnissen. Während es Romains größte Sorge ist, mit Abfuhren von Mädchen und den Erwartungen seiner Eltern klarzukommen und seine, Zitat, »Scheiß-Vergangenheit« zu ertragen, hat Nathalie eine Vergangenheit hinter sich, die entweder einen extrem starken oder einen extrem gebrochenen Geist braucht, um morgens überhaupt noch aufzustehen.

Für mich waren die Figuren deshalb auch das herausragende an diesem Roman. Estelle Surbranche hat ihre Hauptakteure mit sehr feinen Nuancen gezeichnet. An der Killerin Nathalie, der Drogenfahnderin Gabrielle und dem Jura-Studenten Romain gelingen ihr Charakterstudien, die tief darauf schauen, was Menschen einander antun können.

 

Und so ging die Menschlichkeit

Bis auf ein, zwei Wendungen im Plot, die mich nicht ganz überzeugen konnten, war auch die Story souverän erzählt, sehr kühl und gleichzeitig bedrückend. Dazu das Setting mit seiner Mischung aus hartem Drogenmilieu und genusssüchtiger Pariser Jugend sehr spannend, polarisierend. Gegen Ende wird dann auch die Komponente der Polizeiarbeit verstärkt eingebaut. Das hätte es für meinen Geschmack nicht zwingend gebraucht, es schadet aber auch nicht, nimmt höchstens ein wenig das Eigenständige, das den Roman zuvor noch stärker prägte. Das alles wird dann getragen von einem durchweg ernsten und realistischen Grundton und im Lesefluss schön dynamisch durch leicht zeitversetzte Handlungsstränge arrangiert.

Wenn mich meine schmalen französischen Sprachkenntnisse bei der Recherche nicht gänzlich im Stich gelassen haben, darf man in dem zweiten Roman der Autorin, »Emmène-moi au paradis« eine Fortführung der hier aufgenommen Fäden erwarten. Und noch zuletzt, weil mir keine passende Überleitung einfallen will, ganz plump der Hinweis, dass ich beim Lesen ein paar Mal an Don Winslow und Jean-Patrick Manchette denken musste. Winslow sicherlich aufgrund der Drogenthemtik, Manchette aufgrund der Zeichnung der Killerin. Lange Rede, kurzer Sinn. Worauf ich hinausmöchte: Da ersterer zunehmend nachlässt und letzterer leider schon unter der Erde liegt, kann man zum Beispiel stattdessen Estelle Surbranche lesen, wenn man in dieser Richtung etwas sucht.

 

 

Fazit: »So kam die Nacht« war für mich ein gelungener, brutaler Drogen-Thriller, der tief und finster in die Barbarei menschlicher Existenzen schaut. Estelle Surbranche erzählt mit ihren Figuren von Persönlichkeiten, die sich verändern, die sich anpassen, die ausarten, um zu leben, zu töten oder zu überleben.

In Zahlen: Stil: 4/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 5/5 | Plot-Entwicklung: 3/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 5/5 | Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5

 


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© Polar Verlag
Estelle Surbranche – So kam die Nacht

Originalausgabe »Ainsi vint la nuit« (2015)

übersetzt aus dem Französischen von Cornelia Wend

Juni 2017 im Polar Verlag

Klappenbroschur | 336 Seiten | 16,00 EUR

Genre: Kriminalroman, Noir, Thriller

Reihe: Capitaine Gabrielle Levasseur und Nathalie #1

Schauplatz: Biarritz, Paris

 

 

 

Weitere Besprechungen zu »So kam die Nacht« u.a. bei:

Booknerds.de: »Bisweilen folgt der Leser den Gedanken Romains, was einen tieferen Blick in die Persönlichkeit ermöglicht, fast so verstörend wie in „American Psycho“ von Bret Easton Ellis.«

Krimilese: »Es sind diese Gegensätze, die den Roman bestimmen.«

Ein Kommentar zu “Estelle Surbranche – So kam die Nacht

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