Martin von Arndt – Tage der Nemesis

Berlin in den frühen 1920er Jahren. Der morphiumabhängige Kriminaloberkommissar Dr. Andreas Eckart dröselt in seinem aktuellen Mordfall an mehreren Fäden herum, an denen nach Meinung einiger möglichst wenig herumgezwirbelt werden sollte. Ein türkischer Obsthändler wurde quasi vor seiner Haustür in Charlottenburg exekutiert. Augenzeugen haben den Täter dingfest gemacht. Die Leiche wurde auf Befehl des Auswärtigen Amtes rasch weg von der Straße und hinein in die Wohnung der Witwe transportiert. Und Kommissar Eckart stellt mit seinem Assistenten erstmal den Tathergang nach. Was ein Auftakt.

 

März 1921

»Tage der Nemesis« beginnt dynamisch und atmosphärisch. Sofort ist man da, an diesen kalten, verregneten Berliner Märztagen des Jahres 1921. Und wird geschwind mitgezogen von den Dialogen, von dem Elan des Kommissars und von der Geschichte, die ihre Schatten vorauswirft. Überraschend dabei, und das ganz und gar positiv, ist, wie sich der flotte Schreibstil mit dichter Atmosphäre und viel Zeitgeist im Vokabular mit der sehr komplexen und politisch gewichtigen Thematik verbindet, ohne dass es zu Unstimmigkeiten kommt.

Für mich war es der erste Roman von Autor Martin von Arndt. Und ich bin denkbar angetan von der Art, wie hier erzählt wird.

 

Operation »Nemesis«

Auch von dem, was erzählt wird. Denn es geht in diesem Roman nicht in erster Linie um die klassische Aufklärung eines Mordes. Auch nicht vorrangig um seine Kommissare, gleichwohl Dr. Andreas Eckart eine sehr gelungene Rolle spielt. Der Kriegsveteran ist ein kluger Mann, ein wacher Geist.Innerlich zerstört vom Krieg und trotzdem voller Mut, eine demokratische Gesellschaft mitzugestalten.

Dennoch, vielmehr, und das erwähnt der Autor auch in seinem Vorwort, geht es um eine dokumentarisch-fiktionale Annäherung (die Ermittlerfiguren sind fiktiv, die historischen Figuren und Fakten aber real) an den Völkermord der Armenier, der während des Ersten Weltkrieges Hunderttausenden das Leben nahm und bis heute um Anerkennung und Gedenken ringt.

Im Fokus des Romans steht dabei die armenische Attentätergruppierung »Nemesis«, die Rache nehmen will an den Verantwortlichen der Massaker und diese in ihren Exilen aufspürt. Und so ist der ermordete türkische Obsthändler aus der Einstiegsszene niemand geringeres als der ehemalige Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reiches Mehmet Talât, der sich in Deutschland der Vollstreckung seines Todesurteils entzieht und nun für seine Rolle bei dem Genozid büßen soll.

 

Diplomatische Verwicklungen

Ausgehend von diesem Mordfall dringt Kommissar Eckart während seiner Ermittlungen immer weiter vor in die Geschichte des Konfliktes zwischen Armeniern und Türken. Er sieht sich verschiedenen Standpunkten, politischem Kalkül und menschlichen Emotionen gegenüber. Ganz zentral sind hier Themen wie Rache, Vergeltung und Selbstjustiz, die Trägheit von Politik und die Maskerade in der Diplomatie, die Grausamkeit von Krieg und Mord und deren Folgen für die Gemüter der Menschen.

Dabei hat sich der Roman ganz und gar seinem Thema verschrieben. Er widmet sich intensiv und ausführlich in Gesprächen zwischen den Figuren des Romans der politischen Situation und den diplomatischen Verwicklungen. Das alles geriet für mich an keiner Stelle zu langatmiger Staatstheorie, sondern war durchweg interessant, vielschichtig und anspruchsvoll dargelegt. Nicht zuletzt auch auf eine Art unterhaltsam, was als Bewertung bei diesem Thema irritieren mag. Aber tatsächlich bestimmte die kluge und oft leicht ironische Gesprächsführung der Dialoge immer wieder die Gangart. Gleichzeitig war man sich aber zu jedem Zeitpunkt der Schwere bewusst, die auf den Figuren, auf den Konflikten und der Zeit liegt.

 

Fazit: In »Tage der Nemesis« gelingt die passgenaue Fusion aus einem ernsten und komplexen Thema mit einem unglaublich lebendigen Erzählstil. Dabei entsteht ein Roman, der gleichzeitig Kriminalroman und Politstück ist, der Zeitgeschichte und Zeitgeist wiedergibt und der sprachlich wie inhaltlich einen hohen Mehrwert hat.

 

In Zahlen: Stil: 5/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5 | Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 5/5 | Komplexität: 5/5 | Lesespaß: 5/5

 


© Ars Vivendi
Martin von Arndt – Tage der Nemesis

Originalausgabe

März 2014 bei Ars Vivendi

Hardcover | 309 Seiten | 18,90 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Kommissar Dr. Andreas Eckart #1

Schauplatz: Berlin + Rom

 

 

 

Weitere Besprechungen zu »Tage der Nemesis« u.a. bei:

Lesen macht glücklich: »Das Buch „Tage der Nemesis“ habe ich sehr gerne gelesen und kann es allen krimi- und geschichtsaffinen Lesern empfehlen.«

Booknerds: »In diesem Krimi beschreibt der Autor politische Morde nach dem 1. Weltkrieg in einer sehr instabilen Zeit für Deutschland. Gleichzeitig stellt er ein Thema vor, welches auch nach über 100 Jahren noch immer nicht vollständig akzeptiert ist.«

 

3 Kommentare zu “Martin von Arndt – Tage der Nemesis

  • 18. Dezember 2017 at 20:06
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    Sehr schön geschrieben. Da bekomme ich gleich wieder Lust auf diesen Roman und die Fortsetzung gleich hinterher.

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      • 18. Dezember 2017 at 20:12
        Permalink

        Danke, und sehr gern! “Rattenlinien” liegt ja auch schon hier, ich freue mich schon richtig darauf!

        Reply

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