Alan Moore/David Lloyd – V wie Vendetta

Einigen, vielen oder gar den meisten dürfte »V wie Vendetta« durch seine gleichnamige Verfilmung aus dem Jahr 2005 ein Begriff sein. Natalie Portman mit kahlgeschorenem Schädel und der verrückt-poetische Terrorist mit der Guy-Fawkes-Maske sind mir seinerzeit lange im Gedächtnis geblieben. Die Comicvorlage von Alan Moore und David Lloyd kannte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, was ich dann aber alsbald änderte.

Für das Blog-Spezial »Dystopische Literatur« war es mir ein inneres Freudenfest, diesen Comic nun auch auf den Blog zu holen. Denn er ist sowohl für das Genre der Anti-Utopien als auch für die Sparte der anspruchsvollen Comicliteratur ein kleines Meisterwerk. Ein Meilenstein, eine komplexe und dicht erzählte Geschichte, die durchaus ihresgleichen sucht.

 

England gedeihe!

Anfang der 1980er Jahre enstanden (und 1988 endgültig fertiggestellt), beginnt »V wie Vendetta« in der nahen Zukunft des Jahres 1997. Was braucht es, um die Welt über einen relativ kurzen Zeitraum in den Abgrund zu stürzen? Relativ wenig, wie die Geschichte immer wieder zeigte. Geprägt von den wenig erbaulichen Zuständen der politischen und gesellschaftlichen Lage im England der 1970er und 1980er Jahre (hohe Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen) hat Autor Alan Moore das Szenario für »V wie Vendetta« weitergedacht und auf die Rezession der Achtziger Jahre weltweite Konflikte folgen lassen, die schließlich zu einem dritten Weltkrieg und zum Einsatz von Nuklearwaffen führten. Und damit die weitflächige Zerstörung ganzer Kontinente verursachten.

Europa existiert nun nicht mehr, Afrika existiert nicht mehr. Die Versorgungslage auf den britischen Inseln wird kritisch. Die Folgen der atomaren Verseuchung führen auch in England zur Beeinflussung der Lebensbedingungen. Das Klima verändert sich, Ernten fallen aus, das Land leidet Hunger und versinkt im Chaos. Das nutzen die Rechtsextremen. Sie übernehmen das Kommando, richteten in England einen faschistischen und totalitären Staat ein und fahren nun das komplette Programm. England gedeihe, so der Wahlspruch.

Die Bevölkerung wird komplett überwacht, visuell, akustisch, auf den Straßen haben die Fingermänner die Kontrolle. Auch Rundfunk und Fernsehen sind Instrumente der Staatsmacht. Im Radio ist die »Stimme der Vorsehung« den Menschen ein vertrauter Begleiter, erzählt den Menschen, was sie hören sollen und das Volk lauscht.

 

Remember, remember …

Bis zum 05. November 1997. Remember, remember, the fifth of november. Zum Jahrestag der Pulverfassverschwörung sprengt eine Person mit Guy-Fawkes-Maske und Umhang das Parlamentsgebäude in London in die Luft. Guy Fawkes ist eine Figur der realen englischen Geschichte, die am 5. November 1605 versuchte, einen Sprengstoffanschlag auf das Londoner Parlamentsgebäude zu verüben, was den Tod des Königs, der Regierung, zahlreicher Geistlicher und Adeliger zur Folge gehabt hätte. Er scheiterte. Nicht so der Maskenträger in Moores und Lloyds Geschichte. Die Sprengung gelingt.

Ein Ding der Unmöglichkeit in diesem Überwachungsstaat und ein Angriff auf die sonst scheinbar unumstößliche Macht des faschistischen Regimes. Doch das ist erst der Anfang. In den darauffolgenden Tagen werden bedeutende Mitglieder der Führungsebene wahlweise entführt, ermordert oder anderweitig geschädigt. Es gibt weitere Explosionen in der Stadt.

Während Ermittlungen angestellt werden und eine Verbindung der Ermordeten zu einem »Umerziehungslager« aus den Anfangstagen der Staatsetablierung deutlich wird, trifft auf den Straßen Londons die 16-jährige Evey Hammond in der Nacht der Parlamentssprengung auf den Mann mit der Maske. Er nimmt das elternlose Mädchen bei sich auf. Er nennt sich V. V hat Pläne, verfolgt Ziele. Seine Identität wird nie restlos geklärt. Aber sie spielt auch keine Rolle. V steht für eine Idee, seine Maske ein Symbol.

 

01 – © Panini Comics
02 – © Panini Comics
03 – © Panini Comics

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Motive

Es ist eine großartig komplexe und umfangreiche Geschichte, die sich in diesem Comic und vor allem auch in seinen Figuren verbirgt. Sie besteht aus vielen Elementen, besteht aus politischen Motiven, aus persönlichen Motiven. Als Motor der Ereignisse und zentrale Figur fungiert natürlich V. Der Terrorist, der Anarchist, der mit Gewalt erreichen will, dass die Menschen wieder frei sind und ohne Fremdbestimmung leben können, der die Bürger aufrütteln will, der foltert, der mordet.

Dann ist V aber auch der Mann, der ganz gezielt Rache üben will für Leid, das ihm zugefügt wurde. Ein zutiefst persönliches Anliegen, das nichts mit selbstlosem Einsatz für die Gemeinschaft zu tun hat. Und da ist V, der poetische und manische Idealist, der kryptische Botschaften in epische Monologe verpackt – und diese Kritik muss sein, V ist teilweise fürchterlich geschwätzig, was der Geschichte einige Längen beschert – und dessen Hang zum Wahnsinn man vermutlich in seinen Augen funkeln sehen würde, wären sie nicht hinter der Maske verborgen.

 

Die Figur V

V ist eine unglaublich interessante Figur. Eine widersprüchliche und durchweg diskussionswürdige, gleichzeitig eine monströse und eine sanfte Figur. Ein verdrehter Geist, dessen Methoden und Mittel selbstgerecht und grausam sind, zuweilen psychopathische, zuweilen auch sehr menschliche Züge tragen.

Das heizt beim Lesen den Geist unglaublich an. Man ist beständig dabei, die Figur zu hinterfragen, man will mit ihr sympathisieren, man will sie zum Teufel jagen, will den vermeintlichen Helden der Geschichte, der sich gegen den faschistischen Staat auflehnt aus ganz unterschiedlichen Gründen bewundern und verurteilen.

Wenn man sich diesen Artikel hier im Spiegel durchliest, findet man von Alan Moore folgendes Zitat:

Die Leser hätten das im Rahmen des üblichen Schemas romantischer Anarchist gegen die bösen Nazis interpretiert. Moore: »Irgendwann entschied ich, dass ich das nicht sagen will. Ich denke nicht, dass es richtig ist, Menschen zu töten.« Also zeigte er V nicht nur als Mörder, sondern auch noch als brutalen Folterer.

Moore beschreibt seine Entscheidung so: »Ich habe es moralisch sehr, sehr vieldeutig gestaltet. Die Kernfrage ist: Hat dieser Typ recht? Oder ist er verrückt? Was denkst du, Leser, darüber? Das erschien mir als der richtige anarchistische Weg: Ich wollte den Menschen nicht sagen, was sie denken sollen. Ich wollte ihnen nur sagen, dass sie denken sollen und dabei einige der kleinen, extremen Ereignisse bedenken, die sich in der Menschheitsgeschichte recht regelmäßig wiederholen.«

Und man erkennt, dass dieses Hinterfragen von V und seinen Taten genau die Absicht des Autors war. V ist hier nicht der Held, nicht die Lösung. V ist und bleibt ein Symbol und eine Idee und die Frage, welche Mittel und Wege durch Umstände gerechtfertigt werden können.

 

Teamarbeit

»V wie Vendetta« hat darüber hinaus sogar noch mehr zu bieten. Bei den Figuren genaugenommen ein ganzes Ensemble an Hauptakteuren, die alle zu der Dichte der Geschichte beitragen. Es wäre zu viel des Guten, hier auf alle einzugehen. Man kann aber festhalten, dass es sich um ein deutlich umfangreicheres Geflecht handelt als es zum Beispiel der Film umsetzen konnte.

Zudem ist der Comic »V wie Vendetta« natürlich nicht allein das Produkt Alan Moores und das geht auch aus dem Nachwort von ihm ganz klar hervor. Moore schreibt dort über die Entstehung des Comics und lässt deutlich werden, wie er mit dem Zeichner David Lloyd hier gemeinsam an dem Projekt gearbeitet, es entwickelt hat. Und wie die Figur V und die Geschichte gewachsen sind aus ihren Ideen, ihren Gesprächen und Vorstellungen. David Lloyd bringt die Handlung mit einem Strich zu Papier, der mit den Elementen, mit denen »V wie Vendetta« arbeitet, perfekt interagiert und sie einfach nur perfekt interpretiert. Die düstere und bedrückende Grundstimmung, die Figuren in einem Noir-Stil, die Farben blass, viele Schwarzräume. Es ist eine absolut stimmige Umsetzung. Man sieht genau das, was man fühlt.

Fazit: Alan Moores und David Lloyds Blick in eine düstere Zukunft, in ein faschistisch und totalitär regiertes England, ist in vielerlei Hinsicht vor allem auch ein Blick in die Vergangenheit und eine Auseinandersetzung mit und eine Mahnung an unsere Geschichte. »V wie Vendetta« erzählt von Rache, von Unterdrückung und Fremdbestimmung, von Befreiung. Und bringt den Leser dazu, über ganz grundlegende Fragen von Macht und Widerstand nachzudenken. Sehr großartig gemacht.

 


© Panini Comics
Alan Moore/David Lloyd – V wie Vendetta

Originalausgabe »V for Vendetta« (1982/1988)

übersetzt aus dem Englischen von Uwe Anton

Januar 2006 bei Panini Comics

Paperback | 288 Seiten | 19,99 EUR

Genre: Dystopie

Reihe: Einzelband

Schauplatz: England

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Dystopische Literatur« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

Weitere Besprechungen zu »V wie Vendetta« u.a. bei:

Ravanas Plejadium: »Der Kampf gegen so ein Unrechtsregime wird bei “V wie Vendetta” allerdings nur zum Träger der versteckten und viel wichtigeren Frage: Kann man Gewalt im Namen einer gerechten Sache dulden?

 

 

8 Kommentare zu “Alan Moore/David Lloyd – V wie Vendetta

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  • 21. Februar 2018 at 21:21
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    Klingt spannend! Ich kenne nur den Film und finde ihn immer noch zutiefst erschütternd. Interessant, dass Evey im Comic erst 16 ist! Dann arbeitet sie auch nicht bei dem Fernsehsender? Aber ich verstehe natürlich die moralischen Bedenken, wieso sie Evey im Film älter gemacht haben.

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    • 22. Februar 2018 at 16:26
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      Ist es wirklich, und sehr umfangreich und gehaltvoll. Nein, genau, Evey arbeitet nicht bei dem Fernsehsender, sie ist nach dem Krieg elternlos geworden. Die Lebensmittel sind rationiert, das Geld ist knapp und sie sieht sich gezwungen, sich zu prostituieren, als V sie an dem Abend aufliest. Sie sieht in ihm lange Zeit eine Art Vaterfigur.

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  • 25. Februar 2018 at 15:16
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    Ein Comic, den ich auch auf dem Schirm hatte und auch noch habe. Kenne bisher nur den Film. Beim ersten Mal bin ich drüber eingeschlafen, woran er nicht einmal schuld war und danach – beim zweiten Mal – hab ich erst begriffen, wie tief die Geschichte eigentlich geht. Feines Meisterwerk!

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    • 25. Februar 2018 at 21:50
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      Und die Graphic Novel ist nochmal umfangreicher und ausführlicher als der Film, und auch ein Stück härter, oder direkter, ehrlicher. Den Film mochte ich aber auch sehr! Und ich denke, hier ist es sogar von Vorteil, bzw. leichter, dem Film wohlgesinnt zu sein, wenn man ihn ohne Vorkenntnis der Graphic Novel gesehen hat. Lohnt sich aber beides, finde ich. 🙂

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      • 26. Februar 2018 at 18:22
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        Ich behalte die zeichnerische Vorlage im Auge!
        *autsch* 😛

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