David Gray – Kanakenblues

Hardboiled Kanakenblues David Gray Pendragon Verlag

Dass dieser Thriller eher bittere Medizin als leichtgelutschter Drops ist, verrät schon der Titel. Und in diesem Falle hält dieser auch, was er verspricht. Das Buch ist düster, die Handlung wiegt schwer, die Figuren sind verzweifelt, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, korrupt, zornig und skrupellos. Kurzum, dieser Roman ist großartig.

 

Der große Gleichmacher

»Kanakenblues« von David Gray ist ein großartiger Thriller der härteren Gangart, dessen Brutalität nicht nur im Handeln der Figuren sondern auch in der Direktheit der Sprache liegt. Gezielt wird mit Begriffen hantiert, die zumindest in weiten Teilen der Gesellschaft einen betretenen Blick auf den Boden hervorrufen dürften, ein verlegenes Räuspern, vielleicht auch ein empörtes Aufjapsen oder eine Grundsatzdiskussion über politische Korrektheit. Und auch ich fühlte mich beim Lesen mehrmals aus meiner sprachlichen Komfortzone gezerrt, konnte es irgendwann fast nicht mehr ertragen, dass jeder jeden mit diskriminierenden Schimpfwörtern betitelte, weil ich das einfach nicht gut finde. Süß, oder?

Dabei spielt das in der Welt, in der »Kanakenblues« angesiedelt ist, keine Rolle. Da ist man nicht politisch korrekt. Niemand. Weder der homosexuelle Polizist, noch der Kommissar mit afro-amerikanischen Wurzeln. Nicht der russisch-jüdische Zuhälter und Dealer, nicht der jugoslawische Bandenchef und auch nicht der türkische Drogenboss. Der rauhe Ton macht keine Gefangenen, ist nur ein großer Gleichmacher.

 

Worte und Taten

Und politisch korrekte Begriffe wären in diesem Buch vor allem eines gewesen: unglaubwürdig. Und ein Stück weit lächerlich. So redet da doch keiner. Der Obergangster, der Drogendealer hätte einen mit einem schallenden Lachen vom Hof gejagt, würde man ihm mit »Migrationshintergrund« kommen. Denn das ganze Konzept der Handlung geht darin auf, die Ausdrucksstärke von Worten und Taten der Figuren eins werden zu lassen.

Und das setzt Autor David Gray hier sehr eindringlich um, er spielt dazu gar nicht mal groß mit der Atmosphäre der Umgebung oder den Örtlichkeiten, sondern fängt diese eine Nacht in Hamburg durch seine Figuren ein. Das ist nicht das, was man noch so nett »Kiez« nennt, das ist schon mehr, finsterer, das ist die Schattenseite der Schattenseite, nur dass es dafür ja irgendwo Licht bräuchte und davon ist in »Kanakenblues« nichts zu spüren. Zappenduster ist das Bild, das hier entsteht und auf eine Art und Weise von Verzweiflung, Korruption und Misstrauen geprägt ist, dass es einen wirklich runterzieht. Passender könnte daher der Buchtitel gar nicht gewählt sein.

 

Starker Stoff

Und nun ist es so, dass man das Buch nicht einfach weglegt, ein fröhliches Lied pfeifend zum Bäcker geht und ein Stück Kuchen zur Feier des Tages bestellt. Man wäre je nach persönlicher Konstitution und Vorliebe eher dazu geneigt, sich einen starken Schnaps zu genehmigen. Weil das Buch eben einiges anspricht, einiges verschweigt, einiges andeutet und einiges aufzeigt. Das ist unbequem, aber das macht manchmal eben die guten Storys aus.

 

Fazit: Sehr lesenswerter Hardboiled aus Deutschland, der eine Nacht in Hamburg durch seine Figuren zu einer düsteren Szenerie aus Korruption, Verzweiflung und Gewalt werden lässt. »Kanakenblues« eint die Ausdrucksstärke von Worten und Taten zu einer Nacht voller Mord, Misstrauen und Feindseligkeit.

Bewertung: 3.6 Punkte = 4 Sterne

Stil: 3/5 | Idee: 3/5 | Umsetzung: 3/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 3/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | = 3.6/5.0

 


© Pendragon Verlag
David Gray – Kanakenblues

Erstausgabe 2011 als ebook only unter dem Titel »Glashaus«

vorliegende erweiterte und überarbeitete Neufassung 2015 im Pendragon Verlag

Taschenbuch | 376 Seiten | 12,99 EUR

Genre: Thriller, Hardboiled

Reihe: Boyle #1

Schauplatz: Hamburg

 

 


Weitere Bücher des Autors:

»Fest der Finsternis«

 

14 Kommentare zu “David Gray – Kanakenblues

  • 18. März 2015 at 20:05
    Permalink

    Hallo Philly,

    freut mich, dass es dir gefallen hat, dein fantastisches Intro sagt schon fast alles. Das Buch ist wahrscheinlich so richtig ungemütlich, so wie du es beschreibst. Klingt mir schon einen Hauch zu real und ist wohl weniger für mich geeignet.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    Reply
  • 18. März 2015 at 20:43
    Permalink

    Ja, die Story geht schon ein wenig ans Eingemachte, das kann man sagen. Weniger nett als die Sachen aus den bunten Verlagen. 😉

    Reply
  • 19. März 2015 at 14:00
    Permalink

    Da is der Beitrag ja wieder 😀
    Wollt gestern schon mal, aber irgendwie war er da nicht da *grübel*

    Egal, klingt verdammt gut!
    Und macht neugierig!
    Hab gerade nen Italiener gelesen, der ähnlich hart ist, kann mir vorstellen, dass aber viel von der Schärfe bei der Übersetzung verloren gegangen ist. Oder man sich nicht "getraut" hat 1:1 zu übersetzen *schulter zuck*
    denn da wird nie lang gefackelt, da wird gehandelt!
    Von daher pack ich dein Buch oben auch mal auf meine WuLi 😀

    Reply
  • 19. März 2015 at 16:43
    Permalink

    Ja, irgendwas war da mit Google wieder komisch! o_O

    Aber genau, egal, das Buch ist verdammt gut! 🙂 Und wenn das Buch schon zum Wunschlistenkandidaten aufgestiegen ist, kann ich Dir schon mal leise flüstern, dass sich dann in der nächsten Woche hier auf dem Blog eine kleine, feine Gelegenheit bieten könnte, das Buch zu … *hüst* … *räusper* …

    Reply
  • 24. März 2015 at 14:27
    Permalink

    Zweiter Versuch. *Grummel*
    Da habe ich gerade diese tolle Rezension gelesen und bin daraufhin über dein Gewinnspiel gestolpert. 🙂 Hach, das Buch hört sich ganz nach meinem Geschmack an. 🙂
    *drück dich*

    Reply
  • 24. März 2015 at 14:42
    Permalink

    Nargh, das Netz verschluckt wieder Kommentare, oder? 🙁

    Ich hätte jetzt so spontan gar nicht damit gerechnet, dass das Buch dein Interesse wecken könnte, daher freut mich das jetzt umso mehr! Cool! 🙂

    Reply
  • 24. März 2015 at 14:47
    Permalink

    Ja das tut es und es nervt mich. :/ Eigentlich kopiere ich meine Kommis immer, bevor ich sie abschicke, aber da vergesse ich das einmal und schon habe ich den Salat. grrrr
    Doch, doch, das weckt total mein Interesse. Ich mag düstere Bücher. Und das:
    Weniger nett als die Sachen aus den bunten Verlagen.
    hört sich auch gut an. 🙂

    Reply
  • 24. März 2015 at 14:51
    Permalink

    Verstehe ich, das ärgert mich auch! Ich denk auch nicht immer daran, sie vorher nochmal zu kopieren und wenn dann so ein längerer Kommentar weg ist, ist das Grütze!

    Hihi, ja, das mit dem "weniger nett" lockt dich dann auf jeden Fall in die richtige Richtung! Wäre super neugierig, wie Du das Buch finden würdest! 😀

    Reply
  • 7. Mai 2015 at 16:23
    Permalink

    Habe gerade das Interview mit dem Autor gelesen. Sehr interessant. Ich bin immer auf der Suche nach spannenden Romanen, deren Handlung in Hamburg spielt. Ob dieses Buch allerdings meinen Geschmack trifft, wird sich noch herausstellen müssen. Ich behalte es einfach mal im Hinterkopf.

    Reply
  • 7. Mai 2015 at 17:06
    Permalink

    Danke! Ja, ein sehr interessanter Mensch und ein sehr interessantes Buch, lesenswert in jedem Fall, aber das Gefallen ist dann ebenso sicher Geschmackssache. Würd mich ja freuen, wenn es Dir zusagt, also falls Du es mal liest, wäre ich sehr neugierig zu erfahren, wie es Dir gefallen hat! 🙂

    Reply
  • 7. Mai 2015 at 19:17
    Permalink

    Wenn ich es denn lesen werde, gebe ich Dir gern hier ein Feedback oder ich schreibe ein paar Zeilen auf meinem Blog. Übrigens muss ich hier wirklich mal etwas mehr bei Dir rumstöbern. Gefällt mir gut Dein Blog.

    Reply
  • Pingback: Ulf Torreck - Fest der Finsternis

Hinterlasse einen Kommentar:

%d Bloggern gefällt das: