Pete Dexter – God’s Pocket

Gute Geschichten beginnen oft mit einer Legende. Diese hier hat eine im Buchtitel. In der Stadt Philadelphia existiert ein Viertel mit dem Namen »Devil’s Pocket«. Ein örtlicher Priester soll einmal gesagt haben, die Kinder in der Nachbarschaft seien so ungezogen, sie würden selbst dem Teufel eine Kette aus der Tasche stehlen.

Für seinen Debütroman aus dem Jahr 1983 nahm sich Autor Pete Dexter »Devil’s Pocket« zum Vorbild, machte daraus »God’s Pocket« und schrieb eine Geschichte über ein Arbeiterviertel in Philadelphia und seine Bewohner.

 

Pete Dexter und seine Figuren

Er schreibt über die Frauen und Männer, die Bauarbeiter, die Fleischlieferanten, die Cops und Blumenhändlerinnen, über die Gangster, die Hausfrauen und Mütter, über Tanten und Schwestern, über Bestatter und Barbesitzer, über Zeitungskolumnisten, über all die Menschen, die in God’s Pocket leben, arbeiten. Und sterben.

Da ist zum Beispiel Jeanie Hubbard Scarpato, eine schöne Frau, Witwe eines Polizeibeamten, Mutter von Leon Hubbard und Ehefrau von Mickey Scarpato. Sie war eine talentierte Tänzerin, besuchte in New York eine Akademie, hatte Träume. Aber man verlässt God’s Pocket nicht, lässt es nicht hinter sich. Man ist ein Teil von diesem Viertel und kehrt zurück.

Ihr Sohn Leon ist ein unberechenbarer, nervöser, schmächtiger Kerl, in dem irgendetwas schwelt. Er ist Mitte 20 und hat noch keinen Job länger als drei Wochen behalten. Dank Mickeys Verbindungen ist er jetzt Hilfsarbeiter auf einer Baustelle. Doch auch hier löst er Unbehagen aus, lässt sein Rasiermesser tanzen. Coleman Peets ist dort Vorarbeiter, ein großer, schwerer Typ und ein redlicher Arbeiter. Sein bester Mann ist Old Lucy, fast 70 Jahre alt und immer pünktlich, fleißig. Beide machen nicht gerne große Worte. Ganz anders als Leon. Der oft nicht einmal mehr merkt, dass er redet.

 

God’s Pocket und seine Menschen

Der Roman beginnt mit den Sätzen »Leon Hubbard starb am ersten Montag im Mai zehn Minuten nach Beginn der Mittagspause auf der Baustelle der neuen einstöckigen Unfallstation des Holy Redeemer Hospitals in South Philadelphia. Auf die eine oder andere Art hätte er ohnehin seinen Job verloren.« (Pete Dexter, »God’s Pocket«, S. 7, Liebeskind Verlag, 2010)

Es ist eine nüchterne Betrachtungsweise der Umstände, und eine ebenso zutreffende. In God’s Pocket bleibt nicht viel Platz für Träumereien. Der Alltag ist trostlos, seine Bewohner aber leben hier mit Stolz, manche mit mehr, manche mit weniger Würde. Leons Ableben ist dann zwar der Auslöser für die kommenden Ereignisse, die eigentliche Hauptrolle spielt aber die Einsamkeit. Sie ist es, die sich wie eine schwarze Öllache zwischen Jeanie und Mickey ausbreitet, die mangelnde Kommunikation wie das fehlende Granulat, um sie zu binden.

»God’s Pocket« beeindruckt mit seiner präzisen Figurendarstellung. Pete Dexter beschreibt seine Charaktere sehr genau, nimmt sich Zeit, um von jedem ein Bild zu zeichnen. Es ist dieses Tiefergehen, Schicht für Schicht, das Freilegen der Wesenszüge, das er perfekt beherrscht. Dann setzt er diese Figuren in das Gefüge eines Stadtviertels, das eigentlich niemanden hat außer sich selbst. Damit entsteht ein Bild eines urbanen Mikrokosmos. Mit all den Problemen, mit der Isolierung, der Kriminalität, urbane Einsamkeit in einem Leben, in dem Hoffnungen weiter weg sind als die nächste Bar. Die Atmosphäre dieses Mikrokosmos, dieses Stadtviertels, die macht zu großen Teilen den Roman aus.

 

Leben und Sterben in God’s Pocket

Der Film »Leben und Sterben in God’s Pocket« fängt diese Trostlosigkeit verdammt gut ein. Mit seinem Look, den Kostümen, im Szenenbild. Und er treibt sie in einigen Bildern gar auf die Spitze, kippt dabei fast ein wenig von dargestellter Tristesse vor der Kamera zu empfundener Langeweile hinter der Kamera, beim Zuschauer.

Die Verfilmung aus dem Jahr 2014 unter der Leitung von John Slattery (»Mad Men«) arbeitet mit vielen Einstellungen, die immer wieder diese Freudlosigkeit sprechen lassen. Leere Bierdosen, rotgeäderte Augen, ein Mann, der morgens durch die Straßen zieht und die Reste aus den stehengelassenen Schnapsflaschen am Straßenrand trinkt. Das alles kann und soll den Zuschauer zum schwermütigen Seufzen bringen. Trotzdem besitzt »God’s Pocket« nicht diesen bösen Biss, der einen das nackte Elend spüren lässt. Er geht nicht richtig unter die Haut, er deprimiert eher von außen.

 

Der Roman und seine Adaption

Großartig verkörpern das alles aber die Schauspieler, allen voran Philip Seymour Hoffmann, der hier in einer seiner letzten Rollen vor seinem Tod zu sehen ist. Die Rolle des Mickey Scarpato interpretiert er mit einer stoischen Ruhe. Er glänzt besonders in den Szenen, in denen er die Hilflosigkeit seiner Figur verkörpert, seiner trauernden Frau Jeanie beizustehen. Diese wird von Christina Hendricks (»Mad Men«, »Drive«) auf eine schlichte Art sehr bestechend gespielt, wenn auch ihre Rolle im Film deutlich kleiner als im Roman, aber nicht weniger betörend ausfällt. Auch unbedingt erwähnt sei an dieser Stelle noch John Turturro (»Monk«, »Transformers«), der als Nebendarsteller selbst diesem Film noch einen Hauch von Situationskomik zu verleihen weiß und in seiner Rolle als Mickey Scarpatos bester Freund Bird eine gewinnbringende Besetzung ist.

Alles in allem hat der Roman »God’s Pocket« mich deutlich mehr begeistern können als seine Verfilmung, auch wenn ich Filme nie in direkter Konkurrenz zu ihren Romanvorlagen sehe, es sind einfach zwei völlig unterschiedliche Medien. Lediglich die Beurteilung der Grundidee und ihre jeweilige Umsetzung wiege ich gegeneinander ab und schätze dann ein, in welcher Form mich der Stoff mehr überzeugt hat. Das lag hier nun auch an der naturbedingt notwendigen Reduzierung des Stoffes, um ihn auf die Leinwand zu bringen. Pete Dexter hatte in seinem Roman viel mehr Raum für seine Figuren und für die Dynamik, die dieses Stadtviertel prägt. Würde man den Stoff nicht im Doppelpack konsumieren, hätte sicherlich auch der Film seine erzählerischen Stärken. Den Look und die Szenenbilder mochte ich in jedem Fall.

 

Fazit: Leicht melancholisch, nicht ohne Ironie und sehr nah dran an seinen Figuren ist »God’s Pocket« ein Roman, der eindringlich ist und dabei doch nüchtern bleibt. Pete Dexter zeichnet ein Bild von einem Arbeiterviertel und seinen Bewohnern, von einer Gemeinschaft in der Einsamkeit der Großstadt.

Bewertung: 4.3 Punkte = 4 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 3/5 | Tiefe: 5/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | = 4.3/5.0

 


© Liebeskind Verlag
Pete Dexter – God’s Pocket

Originalausgabe »God’s Pocket« (1983)

übersetzt aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt

Februar 2010 im Liebeskind Verlag

Hardcover | 368 Seiten | 22,00 EUR

Genre: Roman Noir

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Philadelphia

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »VERFILMT« mit den Kollegen von Kaliber.17.

14 Kommentare zu “Pete Dexter – God’s Pocket

  • 17. Juni 2017 at 19:28
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    Ich empfinde Buch und Film ebenfalls niemals als Konkurrenz, sondern betrachte beides völlig losgelöst voneinander.

    Vielen Dank für diese interessante und sehr ausführliche Rezension, die mir Pete Dexter noch ein Stück näher bringt.

    Viele Grüße

    Nisnis

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    • 17. Juni 2017 at 20:34
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      Hallo Anja, danke für deinen Kommentar! Freut mich sehr, dass ich dir den Autor etwas näher bringen konnte! Für mich war es auch der erste Roman, den ich von Pete Dexter gelesen habe und ich werde dem noch weitere folgen lassen, der Schreibstil ist schön klar und seine Figurenbeschreibungen voller aufmerksamer Beobachtungen. Macht wirklich Spaß, das zu lesen!

      Liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende!!

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  • 20. Juni 2017 at 18:56
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    Gerade eben habe ich auf Facebook deine Rezension zu Elmore Leonard kommentiert und hier könnte ich ähnlich anfangen: ich bin großer Fan von Pete Dexter und habe fast alles gelesen, was es von ihm auf Deutsch gibt, jedenfalls soweit ich weiß (ein oder zwei Bücher hab ich noch für schlechte Zeiten zurückgelegt). Leider ist sein Oeuvre schmaler als man es sich wünschen würde.
    „Gods Pocket“ hat mich sowohl als Roman als auch als Film vollkommen überzeugt, aber ich gebe dir recht: der Film muss notgedrungen „verdichteter“ erzählen, insofern ist wohl, wie so oft, dem Buch der Vorzug vergeben, wenn man sich entscheiden müsste, was glücklicherweise nicht nötig ist. 🙂
    Jedenfalls hat es mir wieder großen Spaß gemacht, deine Doppelrezension zu lesen. Danke dafür, ich freue mich schon auf die nächste! 🙂

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    • 21. Juni 2017 at 14:45
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      Hallo Michael! Vielen Dank fürs Kommentieren, ich freue mich immer ungemein über den Austausch und dein Feedback! Bei Pete Dexter ist bei mir jetzt auch die Neugier groß, seine andere Romane zu erleben, „Unter Brüdern“ habe ich als nächstes hier am Start (Kennst du den?) und danach will ich mich peu à peu weiter durch sein Werk lesen, und du hast recht, allzu viele Titel sind es gar nicht, sechs an der Zahl, glaube ich. Das will gut eingeteilt werden.

      Ich muss sagen, dass mir unser Special auch ganz eigennützig richtig Spaß gemacht hat, feine Sache, auch mal über Filme zu schwätzen. 🙂

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  • 21. Juni 2017 at 17:50
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    Haha, „Unter Brüdern“ ist das einzige, das ich noch nicht gelesen habe, wie ich gerade feststelle. 🙂
    Die anderen Bücher sind alle sehr gut bis großartig mit dem absolut herausragenden „Deadwood“ als Höhepunkt. Wenn du das gelesen hast, bin ich schon gespannt auf deine Doppelrezension von Buch und TV-Serie. 😀

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    • 21. Juni 2017 at 20:11
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      Tihi, zielsicher wie immer genau den einen Titel erwischt! 😉

      „Deadwood“ wollte ich tatsächlich sowohl schauen als auch lesen, da könnte man wirklich auch mal schön so eine Doppelbesprechung machen. Ist vorgemerkt! 😉

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  • 22. Juni 2017 at 0:10
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    Auch ein Autor, dessen Werk mir leider noch völlig unbekannt ist… ach, mehr Zeit wäre schon…

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    • 23. Juni 2017 at 9:00
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      Ja, würde ich auch nehmen. 😀 Pete Dexter war für mich auch noch unbekanntes Schriftgut, ich bin jetzt neugierig, wie seine anderen Werke sind!

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  • 8. Juli 2017 at 12:16
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    Jetzt fühle ich mich dran erinnert, dass das eins der Bücher aus dem Liebeskind Verlag ist, was ich unbedingt (!!! -> drei Ausrufezeichen) noch lesen wollte in nächster Zeit 😀 (von dem Film hab ich noch nichts gehört)

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    • 8. Juli 2017 at 22:51
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      Der Film scheint auch nicht allzu populär zu sein. Aber durchaus sehenswert. Wobei er mit einem gewissen zeitlichen Abstand zur Lektüre vielleicht wieder spannender wird. 🙂

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      • 22. Juli 2017 at 1:57
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        Ich werd wohl erstmal das Buch lesen und dann weiter entscheiden, denk aber ma, bleibt beim Buch ;D

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