Norbert Sahrhage – Der Mordfall Franziska Spiegel

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Im November 1944 meldet der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Lehrer der örtlichen Schule, Konrad Felschmann, einer im Ort stationierten Einheit der Waffen-SS, dass in seinem “Hoheitsgebiet noch eine Jüdin lebt”. Nur einen Tag später wird Franziska Spiegel von drei Männern in SS-Uniformen abgeholt, zwei von ihnen bringen die Frau in ein nahegelegenes Waldstück und erschießen sie.

 

Neuanfang

Im Sommer 1948 kehrt Kriminalinspektor Gernot Zöllner wieder in den Dienst zurück und tritt seine Stelle im Bielefelder Polizeipräsidium an. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er als Mitgleid der SPD und verheiratet mit einer jüdischen Frau rasch aus dem Öffentlichen Dienst entfernt. Nun hofft er auf einen Neuanfang für sich und sein Heimatland. Zöllner bekommt als ersten Fall die Akte mit dem bis heute unaufgeklärten Mord an Franziska Spiegel zugeteilt, ein Fall, der ihn persönlich trifft, denn wie der Ehemann von Franziska Spiegel ist auch Zöllner mit einer jüdischen Frau verheiratet.

Aber nicht nur das drängt Zöllner, diesen Mordfall zu klären. Auch die Unzufriedenheit über die geringen Strafen für NS-Täter gärt in ihm, treibt ihn an und macht ihn zu einem engagierten Ermittler, der im Laufe der Handlung aber immer mehr von Zweifeln und Hoffnunslosigkeit geplagt wird.

 

Dokumentarischer Charakter

Erzählt wird dieser Kriminalroman in zwei Teilen, erst die Umstände und die Tage kurz vor und nach der Ermordung Franziska Spiegels im Jahr 1944, dann die Ermittlungen zu diesem Fall von Zöllner vier Jahre später, 1948. Dabei dominiert der dokumentarische Charakter, es ist keine Erzählung, die auf direkte Emotionen oder Ausschmückungen setzt, sondern sie begleitet Zöllner Schritt für Schritt bei seinen Befragungen.

Dadurch büßen auf der einen Seite zwar der Schreibstil an Individualität und die Ermittlungen an Komplexität ein, dafür gewinnt aber der Realitätsbezug und verleiht der Handlung eine Ernsthaftigkeit, die im Subtext ausreichend Tiefgang und Gemütsbewegung zu vermitteln weiß. Denn das hier ist kein Unterhaltunsgkrimi mit trickreichen Wendungen, sondern ein ganz nah an der Realität erzählter Kriminalroman, dem ich schon einen Noir-Einschlag bescheinigen würde.

 

Umgang mit der Vergangenheit

Kernthema ist dabei die Entnazifizierung und der Umgang der Menschen nach dem Krieg mit dem, was sie selbst, was ihre Mitbürger, ihre Nachbarn, ihre Vorgesetzten oder Kollegen unter der NS-Herrschaft getan haben. Es geht hier um Schuld und um Verleugnung, um feiges Herausreden, um stolzes Erinnern, um zu wenig Strafverfolgung und darum, wie viele unbehelligt blieben, obwohl sie gemordet und gefoltert haben, da konkrete Beweise zu einer Verurteilung fehlen.

Das alles handelt Norbert Sahrhage nicht allgemein gehalten ab, sondern an dem ganz konkreten Beispiel des Mordes an Franziska Spiegel, der auf einer wahren Begebenheit beruht.

 

Respektvoller Beitrag

Auch deshalb ist dieser dokumentarische Charakter des Romans so wichtig und richtig, behandelt er den Tod von Franziska Spiegel und den damit verbundenen Verlust für die Angehörigen mit dem nötigen Respekt. Er verzichtet darauf, diesen Stoff, der unsere Geschichte beschreibt, als Unterhaltungsliteratur zu missbrauchen, sondern liefert einen wertigen Beitrag zur thematischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Hätte man mir damals in der Schule anhand dieser Erzählung die Problematik der Entnazifizierung nähergebracht, wäre mir der Begriff sicherlich nicht so abstrakt erschienen, nicht mehr als ein Stichwort auf einer langen Liste voller abstrakter Begriffe, die es für eine Geschichtsklausur auswendig zu lernen galt. Und dabei war ich das, was man wohl als eine “geschichtlich interessierte” Schülerin bezeichnete und habe mich in meiner Freizeit freiwillig mit weiterführender Lektüre beschäftigt. Ich hoffe, dass ähnlich interessierten Schülern heute dieses Buch in die Hände fällt, wenn sie sich mit dieser Thematik beschäftigen.

 

Bewertung-4-SterneFazit: Ein besonderer Kriminalroman, der mit seinem dokumentarischen Charakter den Spagat zwischen Fiktion und Realität trefflich meistert.

Bewertung: 4,0 Punkte = 4 Sterne

Stil: 3/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 3/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 5/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | = 4,0 Punkte

 

 

 


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© Pendragon Verlag

Norbert Sahrhage – Der Mordfall Franziska Spiegel

Originalausgabe

November 2016 im Pendragon Verlag

Taschenbuch | 240 Seiten | 13,00 EUR

Genre: Kriminalroman

Schauplatz: Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg

 

 

 

4 Kommentare zu “Norbert Sahrhage – Der Mordfall Franziska Spiegel

  • 25. Januar 2017 at 17:06
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    Ein sehr interessantes Buch. Danke für die Vorstellung. Ich werde es auf meine Wunschliste setzen.

    Hast du mittlerweile “Germania” von Harald Gilbers gelesen? Dieses Jahr kommt “Endzeit”, der dritte Teil um den Ermittler. Ich freue mich schon sehr drauf, obwohl das Buch dann wahrscheinlich eine Weile im Regal stehen wird. Ich muss immer erst in der richtigen Stimmung sein, um Romane, die in der NS-Zeit spielen, zu lesen.

    Liebe Grüße!
    Sandra

    Reply
    • 26. Januar 2017 at 12:27
      Permalink

      Hallo Sandra!

      Gern, freut mich sehr, wenn das Buch dein Interesse geweckt hat!

      “Germania” habe ich bis dato immer noch nicht gelesen, aber das Buch liegt brav hier und das Erscheinen des dritten Bandes wäre ein guter Grund, mir die Reihe endlich einmal anzuschauen.

      Liebe Grüße!
      Philly

      Reply
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