Martin Krist – Märchenwald

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♫ »Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald. Es war so finster und auch so bitter kalt.
Sie kamen an ein Häuschen …« ♫


Märchen sind grausig

Märchen sind genaugenommen eine recht grausige Angelegenheit. Da werden Großmütter und Enkeltöchter von Wölfen gefressen und später wieder aus selbigen befreit, da schneiden sich heiratswillige, junge Damen die Fersen ab, um in einen Schuh zu passen, Stieftöchter werden schikaniert, vergiftet oder sollen ersticken. Versuchter Mord und Totschlag wohin man schaut.

Trotzdem bekommen Kinder sie seit Generationen von ihren Eltern vorgelesen. Auch ich bin mit diesen Geschichten großgeworden. Dass die böse Hexe in dem Märchen von Hänsel und Gretel den kleinen Jungen in einen Käfig gesteckt hat, um ihn zu mästen bis er dick genug ist, um ihn zu verspeisen, hat mich damals nicht nachhaltig beschäftigt. Zumindest erinnere ich mich nicht mehr daran. Das Wort Kannibalismus gehörte zu dieser Zeit noch nicht zu meinem Wortschatz.

Und mich hat an dem Märchen als Kind auch eigentlich etwas ganz anderes interessiert. Der Zusammenhalt der beiden Kinder, verlassen von den Eltern, dann das Austricksen der Hexe mit dem blanken Knochen, zum Schluss der Sieg der Geschwister über die böse Alte und die Befreiung aus der Gefangenschaft aus eigener Kraft, mit Mut und List. Das war es doch.

 

Familienangelegenheiten

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem neuesten Thriller von Martin Krist. »Märchenwald« hat einen recht finsteren und je nach persönlicher Empfindsamkeit einen recht abartigen Aufhänger. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes.

Wer schon den ein oder anderen Thriller des Autors gelesen hat, wird rasch feststellen, dass in seinen Geschichten Familien immer eine große Rolle spielen. In ganz unterschiedlichen Konstellationen und unter ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen, ist es doch immer dieses Gefüge, das – mal mehr, mal weniger – das Handeln der Figuren und damit den Plot stark beeinflusst.

 

Eine Odyssee

So auch dieses Mal. Kommissar Paul Kalkbrenner hat zunächst einen Toten in einer Schaufensterscheibe, später einen Toten am Mittagstisch zu untersuchen. Das eine sieht nach missglücktem Einbruch, das andere nach altersbedingtem Herzinfarkt beim Sonntagsmal aus. Eigentlich beides nicht Kalkbrenners Abteilung als Hauptkommissar bei der Mordkommission.

Während sich der Kommissar also noch wundert, kommt an anderer Stelle eine junge Frau in einer dunklen Seitenstraße zu sich und erinnert sich an nichts. Nicht an ihren Namen, nicht an die Ursache für ihre Verletzungen, nicht an ihr Ich. Nur ein ausgeprägter Fluchtreflex ist ihr geblieben, als sie auf zwei Männer trifft, die sie scheinbar kennen.

Und dann sind da noch Max und Ellie. Brüderchen und Schwesterchen. Ihr Tag hat verwirrend begonnen, ihre Mutter hat sie in aller Frühe und Eile aus dem Schlaf gerissen und in der Vorratskammer in der Küche versteckt. Ein Spiel sollte es sein, das Spiel mit der Höhle im Märchenwald, in der man ganz ruhig sein muss, damit einen die Riesen, die wütenden und torkelnden, nicht hören. Dann wird auch alles gut, denn im Märchenwald wird immer alles gut, so das Versprechen ihrer Mutter. Doch nun ist ihre Mutter verschwunden, und Max und Ellie sind auf sich allein gestellt. Sie machen sich auf den Weg zu ihrem Großvater.

Damit beginnt für die beiden eine Odyssee kreuz und quer durch Berlin. Auch für die Unbekannte ohne Erinnerung wird die Suche nach Antworten zu einer Irrfahrt durch die Großstadt. Und Kommissar Kalkbrenner wird ebenfalls in diesen Strudel hineingezogen. Der Märchenwald birgt für alle Beteiligten nichts Gutes und am Ende wird eben nicht immer alles wieder gut.

 

Das Unausweichliche

Als Meister der Verstrickung von verschiedenen Handlungssträngen arbeitet Martin Krist auch in diesem Thriller wieder mit unterschiedlichen Geschichten, die er parallel laufen lässt, denen er ab und an Berührungspunkte erlaubt, etwa wenn sich die Figuren zufällig zur selben Zeit am selben Ort befinden, ohne zu ahnen, dass ihre Leben schon längst miteinander verbunden wurden, und die er dann langsam zusammenführt. Ab einem gewissen Punkt ist dann auch der Leser im Bilde, erkennt die Zusammenhänge, sieht, wie alle Linien auf einen Punkt zulaufen und wie das Drama unweigerlich seinen Lauf nimmt, wie alles auf einen finalen Crash zusteuert. Man fühlt sich direkt ein bisschen hilflos beim Lesen, kann nicht verhindern, was passieren muss.

Besonders der Handlungsstrang mit den Geschwistern Max und Ellie, Kinder im Grundschul- und Kindergartenalter, strahlt eine gewisse Zerbrechlichkeit aus. Sprachlich ganz leicht angepasst an die Wahrnehmung kleiner Kinder, entsteht hier eine besonders starke Atmosphäre von Hiflosigkeit, von Unbescholtenheit und Gutgläubigkeit, die einen starken Kontrast zu dem Verbrechen setzt, um das es in zweiter Linie geht.

 

Der SUV unter den Thrillerautoren

An einigen Stellen im Roman hat man den Eindruck, dass die Szenen und die Handlungsebenen vom Autor durchaus komplexer angelegt und in größerer Dimension gedacht waren, er dann aber beim Erzählen einige Abkürzungen nehmen und Kompromisse eingehen musste. Inwiefern da Entscheidungen von außen Einfluss auf die Gestaltung der Handlung genommen haben, wage ich nicht zu beurteilen, aber im Vergleich zu den großartig komplexen Erzählstrukturen von seinen Vorgängerromanen »Engelsgleich« und »Drecksspiel« wirkt es beim »Märchenwald« als hätte man den Autor an der kurzen Leine gehalten. Dabei wäre das so, als würde man einen SUV nur in einer Großstadt benutzen. Unsinnig und Kraftstoffverschwendung. Klar ist es bequem und es funktioniert, aber gebaut ist so ein Ding doch eigentlich für das raue Gelände. Und Martin Krist ist gemacht für die großen, komplexen Thriller.

Alles in allem hat mir am »Märchenwald« aber vorallem die Verknüpfung verschiedener Motive angelehnt an das Thema Märchen, dazu viele kleinere und größere Metaphern verpackt in der Handlung besonders Spaß gemacht. Gekrönt wird das natürlich von dem Vergnügen, beim Lesen eines Thrillers von Martin Krist völlig raus zu sein aus der realen Umgebung, da gibt für einige Stunden nur noch das Buch und dich.

 

Bewertung-4-Sterne

Fazit: »Märchenwald« ist vielleicht nicht ganz so komplex erzählt wie man es von Martin Krist gewohnt ist, aber deshalb nicht minder schön zu lesen.

Bewertung: 4,0 Punkte = 4 Sterne

Stil: 4/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 3/5
Komplexität: 3/5 | Lesespaß: 5/5 | ∅ 4,0 Punkte

 

 

 


Cover Maerchenwald Martin Krist Thriller
© Ullstein Verlag
Martin Krist – Märchenwald

Originalausgabe | August 2016 im Rowohlt Verlag

Taschenbuch | 416 Seiten | 9,99 EUR

Genre: Thriller

Reihe: Kommissar Paul Kalkbrenner #5

Schauplatz: Berlin

 

 

 

 

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei:

Fluchtpunkt Lesen – »Eine spannende, stimmige Geschichte …«

Die Liebe zu den Büchern – »›Märchenwald‹ konnte mich absolut überzeugen …«

Die Leserin – » … leider bleibt das Thema snuffig an der Oberfläche …«

Leseblick – »Ein absolut spannender Fall, kombiniert mit …«

Literaturchaos – » … die bisher beste Thriller-Neuerscheinung in diesem Jahr.«

 

4 Kommentare zu “Martin Krist – Märchenwald

  • 3. September 2016 at 21:50
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    Die SUV-Umschreibung ist gut. 😅 Sehe es auch so: Komplexität wirkt abgewürgt, besonders wenn man es mit den Vorgängerbänden vergleicht. Und Martin Krist spielt in seiner eigenen Liga, so dass man Krists Bücher auch nur mit Krists Bücher vergleichen kann.

    Vielen Dank für die Verlinkung!

    Reply
  • 5. September 2016 at 16:42
    Permalink

    Eine sehr schöne Rezension. Mich hat dieses Buch begeistert und ich werde sicher weiteres von Martin Krist lesen.

    Viele liebe Grüße

    Nisnis’s Bücherliebe

    Reply
    • 6. September 2016 at 17:51
      Permalink

      Hallo Anja!

      Dankeschön! 🙂 Ja, da lohnt sich auf jeden Fall ein Blick auf seine anderen Thriller, ich bin immernoch von „Engelsgleich“ ganz besonders angetan.

      Liebe Grüße!

      Reply

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