Martin Keune – Black Bottom

Noch ganz überrascht schaue ich gerade immer wieder auf »Black Bottom», der hier neben mir liegt. Überrascht nicht aus einer Überheblichkeit heraus, weil ich es dem Roman nicht zugetraut hätte gut zu sein, sondern weil ich die Facette so mag, die er ins Spiel bringt.

Seinen etwas raueren, nackteren Stil, ein eigentlich sehr cleaner und geradliniger Kriminalroman, der dicht dran bleibt an seinen Themen und der sich bei seinem Zeitsprung ins Jahr 1930 nicht in Nostalgie verliert.

 

Berlin tanzt

»Black Bottom« ist damit der erste von drei Kriminalromanen, in denen Martin Keune seinen Ermittler Sándor Lehmann auf die Straßen Berlins schickt und spielt in der ersten Hälfte des Jahres 1930. Die Stimmung in der Stadt ist schwierig, die politsche Lage dunkel. Sozialdemokraten und Kommunisten liegen im Clinch, Nationalsozialisten üben ihre Parolen ein, die Bürger zerrieben zwischen Notverordnungen, Arbeitslosigkeit und Hunger.

Doch Berlin tanzt. Sein Nachtleben lässt es sich nicht nehmen, hält am Erbe der »Goldenen Zwanziger« fest und spielt in den Varietés und Ballhäusern, in den Bars und Cafés zum Tanz auf. Der Jazz hat die Stadt erreicht und in den großen Tanzpalästen lösen Swing und Black Bottom die biederen Gesellschaftstänze ab. Aus Musikkapellen werden Bands, und auch Kommissar Sándor Lehmann vertreibt sich seine dienstfreie Zeit in einer Jazzband. Ein Naturtalent an der Klarinette, wer hatte das gedacht von dem kantigen Kerl. Der sich hinter einem unverschämt großen, roten Schnurrbart versteckt, den er sich zur Tarnung an die Oberlippe klebt. Ob er den Musiker vor den Polizisten oder den Polizisten vor den Musikern verbergen will, wer weiß das schon. Im Berliner Nachtleben dieser Zeit ist doch alles Illusion.

 

Giftgasanschlag

Sein Doppelleben gerät aber ganz existenziell in Gefahr, als er bei einem Giftgasanschlag im berühmten Tanzpalast »Femina« selbst an dem Abend als Musiker auf der Bühne steht und nur sehr knapp seinem eigenen Ableben entkommt. Als Kommissar direkt vor Ort, übernimmt er den Fall gemeinsam mit seinem neuen Kollegen Belfort. Ein eifriger Typ, eifrig bei der Arbeit, eifrig bei nationalsozialistischer Polemik.

Die Ermittlungen führen rasch zum großen Jenitzky, dem Kneipenkönig der Stadt, na ja, zumindest der anderen Häfte der Stadt. Schon damals teilte sich das Vergüngen in Berlin in Ost und West auf. Jenitzky gehört die alte Friedrichstadt im Osten, sein Konkurrent Liebermann dominiert die neue City West, den Tauentzien. Ein eskalierter Streit unter Kontrahenten um all die Vergnügungssüchtigen und Nachtschwärmer der Weltstadt?

 

Der kantige Kommissar

Martin Keune weiß in »Black Bottom« angenehm viel über das Berlin dieser Zeit zu erzählen. Über die Dynamik der Stadt, über gesellschaftliche und politische Entwicklungen, über das kulturelle Leben. Das alles empfand ich gerade mit dem Schwerpunkt auf die Tanzpaläste als unglaublich interessant und informativ. Gleichzeitig funktioniert aber auch der Krimi selbst sehr gut, weil diese sehr schön kompakte Handlung Sándor Lehmann als Hauptakteur sehr gut verträgt.

Kommissar Sándor Lehmann, der Arbeiterjunge aus dem Wedding, der nach dem Krieg raus wollte aus Armut und Elend und sich in der Mordkommission einen guten Posten erarbeitet hat, ohne sich zu verbiegen. Lehmann hat seinen eigenen Kopf. Er macht wie er es für richtig hält, hat gute Kontakte zur Halbwelt und den Kleinkriminellen der Stadt. Bei monetär bedingten Verbrechen, Schmuggel oder Hehlerei, da ist ihm ein guter Kontakt draußen lieber als der kurze Erfolg einer Inhaftierung. Wenn es aber um das Leben Unschuldiger geht, ist auch für Lehmann Schluss.

Und das Klarinettenspiel, das ist keine dieser Klischee-Konstellationen »Kommissar mit außergewöhnlichem Hobby«. Auch nutzt Martin Keune seine Figur nicht, um zu zeigen, wie viel er sich über den Jazz im Berlin der 20er und 30er Jahre angelesen hat.

Er setzt die Jazzszene zwar in den historischen Kontext, aber das macht er, weil es zum Thema gehört. Weil es das Thema ist, die Existenz der Musiker im aufkeimenden Nationalsozialismus. Auftrittsverbote, Störung von Konzerten, gewalttätige Auseinandersetzungen, die Zensur und Zäsur des kulturellen Lebens der Stadt. Er setzt dieses Thema aber so um, dass es sich nicht auf den musikalischen, sondern auf den gesellschaftlichen Aspekt konzentriert. Und somit extrem zugänglich wird auch für alle, die keine Leidenschaft für Jazz hegen.

 

Zwischen Tanzpalast und Straßenschlacht

Außerdem packt der Autor das Ganze in einen lupenreinen Kriminalroman, der sehr fokussiert aufgebaut ist, nicht viele Nebenschauplätze anreißt und ganz direkt und sehr geradlinig und ohne viel Chichi seinen Themen folgt.

Das wären einmal der Blick in die Tanzpaläste und den Barbetrieb der Stadt, die Musikkapellen, die steigende Arbeitslosigkeit unter den Musikern im Aufkommen des Tonfilms und die Konkurrenzsituation unter den großen Kneipenbesitzern. Zum anderen wäre das die politische Situation, die Braunhemden auf den Straßen, die Prügeleien anzetteln, wo es nur geht, die krakenartige Ausbreitung von Nazianhängern in den Behörden, das sich immer stärker verbreitende Gift einer Ideologie, das sehr bald Kultur, Gesellschaft und Moral zersetzen wird.

Das alles verschmilzt in »Black Bottom« zu einem gut gemachten, unverfälschten Kriminalroman, der Berlin zu Beginn der 1930er Jahre sehr informativ portraitiert und dessen Kommissar, und da zitiere ich ihn selbst, »das unbeliebte Arschloch [ist], das immer eine eigene Meinung haben muss […]«. Wobei Sándor Lehmann gar nicht so unbeliebt ist, wie er glaubt. Hier jedenfalls nicht.

 


© be.bra Verlag
Martin Keune – Black Bottom

Februar 2013 im be.bra Verlag

Taschenbuch | 272 Seiten | 9,95 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Kommissar Sándor Lehmann #1

Schauplatz: Berlin, 1930

 

 

 

 

 

Die Reihe mit Kommissar Sándor Lehmann im Überblick:

1 – Black Bottom
2 – Die Blender
3 – Knockout

2 Kommentare zu “Martin Keune – Black Bottom

  • 29. August 2018 at 19:00
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    Als ich gesehen habe, dass du das Buch liest, hatte ich im Stillen gehofft, es gefällt Dir nicht, da ich es vor einiger Zeit (aufgrund von dort herrschender Überfüllung) vom Merkzettel geschmissen habe. Jetzt muss ich es wohl doch wieder drauf packen. *grummel* 😉

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    • 30. August 2018 at 10:41
      Permalink

      Haha, sehr gut! 😀 Es gänzlich vom Merkzettel zu streichen, wäre tatsächlich schade, ich denke, wenn man mal etwas aus der Richtung lesen möchte, ist es ein sehr guter Kandidat. Ich würde es mit Martin von Arndts “Tage der Nemesis” und Kerstin Ehmers “Der weiße Affe” zu meinen derzeitigen Favoriten aus der 20er/30er-Jahre-Riege zählen, schätze ich. 🙂

      Reply

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