Kriminell Gelesenes im Juni 20.17

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Gast-Kolumne »Kriminell Gelesenes« stellt der Autor Martin Krist hier regelmäßig zum Monatsende seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Dieses Mal hat es Don Winslow mit seinem neuen Roman »Corruption« in die Kolumne geschafft – zu diesem Roman werdet ihr in diesem Monat auch noch Miss Marples Kolumne sowie eine Besprechung meiner Wenigkeit zu lesen bekommen. Die volle Breitseite Winslow also in diesem Monat und gleich drei Meinungen zu einem Buch. Viel Spaß heute mit der ersten!


© Droemer Knaur Verlag

Don Winslow – Corruption

Eines darf man nicht vergessen: Don Winslow hat Krimis geschrieben wie »Kings of Cool«, »Zeit des Zorns«, »Sprache des Feuers«, »Pacific Paradise«, »Pacific Private«, »Manhattan«, »Frankie Machine«, »Bobby Z« und, jawohl, die Essenz aus allem, »Tage der Toten«, sein Opus Magnum. Kann man sowas überhaupt noch toppen?

Na gut, das ist höchstwahrscheinlich zuviel verlangt, aber – gleichbleibendes Niveau, das sollte man von einem Autor dieses Formats durchaus erwarten dürfen, oder? Unglücklicherweise blieben seine letzten Romane – »Vergeltung«, »Missing New York« und »Germany« – deutlich hinter den Erwartungen zurück, und »Das Kartell« las sich wie eine Dokumentation, aufschlußreich und respektabel, aber eben nicht wie die vollmundig angepriesene Fortsetzung zu »Tage der Toten«.

Jetzt also »Corruption«, vordergründig ein Enthüllungsthriller über das New Yorker Police Department, tatsächlich ein Gesellschaftsroman, der aufzeigt, wie kriminell, korrupt und rücksichtslos unser System geworden ist. Das alles liest sich durchaus flott, knallhart, phasenweise sogar spannend, und in solchen Momenten blitzt Winslows literarische Fertigkeit wieder auf.

Und dann gibt es Augenblicke wie diese, in denen sich der (Anti-)Held Dennis Malone, Cop einer NYPD-Eliteeinheit, erinnert: »Er war jung, so jung und unbeschwert und voller Hoffnung und Stolz, voller Glauben an Gott und an sich selbst und seine Berufung, der Menschheit zu dienen und sie zu beschützen.«

Oder jene Situation, in der sich Malone zu einem schier endlosen Märtyrer-Monolog hinreißen lässt: »Wir waren mal gute Cops. Früher. Dann … ich weiß nicht … haben wir zwanzig Kilo Heroin in Verkehr gebracht, auf unserem eigenen Gebiet. Das hätten wir früher nicht gemacht. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir früher gemacht haben. Das ist wie ein Streichholz, das du anzündest, weil du denkst, es ist nicht weiter gefährlich. Dann dreht sich der Wind, und es wird ein Feuer draus, das alles vernichtet, was dir wertvoll und heilig ist.«

Nur zwei Zitate, die die Geschichte von »Corruption« ziemlich treffend auf den Punkt bringen. Und leider auch die wiederholte Melodramatik und die Klischees, die eines Don Winslows so gar nicht würdig sind.

Kurzum: Sein neuer Roman ist kein Totalreinfall, aber zu alter Form hat er leider auch noch nicht zurückgefunden.

 

Don Winslow – Corruption | Droemer Knaur Verlag | Euro 22,99

 

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

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