Kevin Barry – Dunkle Stadt Bohane

Es ist der Fluss, sagen sie. Die schwarzen Fluten des Bohane, die den Ruch des Bösen in die Stadt tragen. In die dunkle Stadt Bohane, benannt nach diesem strömenden Gewürm aus der Großen Nichtsöde. Bohane ist ein düsterer Ort an der Westküste Irlands, ein fiktiver Ort in einer fiktiven Zeit.

Und Bohane ist eine Stadt voller Moder und Dunkelheit, ranzig und speckig, verrußt und verrucht. Drei Dinge zeichnen die Menschen in Bohane aus: ihr Hüftschwung, ihr hochnäsiger Dünkel und ihre Streitlust.

Und dieser Roman, der liest sich dann, als hätten »Sin City« und »Mad Max« ein wunderschönes, zorniges Kind gezeugt und »Moulin Rouge« wäre die Patentante. Von »Sin City« hat der Roman das düstere Flair, den kriminellen Einschlag und den hohen Abstraktionsgrad, von »Mad Max« hat der Roman seinen Wahnsinn und seinen Punk und von »Moulin Rouge« seine Sentimentalität und seine Sehnsucht.

 

Vorhang auf!

Denn »Dunkle Stadt Bohane« ist wie ein finsteres, an Worten enorm oppulentes Musical, nur das keiner singt. Könnten sie aber. Vorstellen kann man sich das gut. Die Figuren treten in Kostümen auf, die so detailverliebt wie charakterformend sind. Das beschriebene Setting ist wie eine Bühne, eine große Theaterbühne. Der ganze Roman ein Theater, ein Gangsterdrama, eine Liebesgeschichte.

Und wenn wir über »Dunkle Stadt Bohane« reden, müssen wir zuerst über Sprache reden, über diese harte Poesie, die Kevin Barry so kongenial inszeniert. So virtuos und abgedreht und abgefuckt.  Dass Kevin Barry den Autor Anthony Burgess (»Clockwork Orange«) zu seinen literarischen Einflüssen zählt, wundert nach der Lektüre kaum. Es ist ein ganz eigener Kosmos aus Worten und Sätzen und Soziolekten, die eine hinreißende, beißende Wirkung haben.

Der Roman zeugt gleichermaßen von einem hohen Maß an Liebe wie auch Talent im Umgang mit Worten. Sie sich nutzbar zu machen, um eine Geschichte zu erzählen, die durch die Macht ihrer Sprache eine völlig eigene Realität erschafft. Die in einem so hohen Maße fiktiv und abstrakt ist, dass der Zauber, den Literatur zu entfachen vermag, hier beispiellos gebündelt wird. Die Stadt Bohane würde ohne Barrys Worte nicht existieren. Mit seinen Worten aber wird sie zu einem lebendigen Organismus, der den Raum, in dem er existiert, extrem dehnt und man wartet nur darauf, dass diese Fiktionsblase reißt und sich der Fluss und die Stadt mit all der glitschigen, dreckigen Suppe in unsere Realität ergießt.

 

Hinter den Kulissen

Und man muss bei diesem Roman auch unbedingt über die Übersetzung reden. Generell würde ich das gern bei jedem nicht-deutschsprachigen Roman machen, weiß aber meist nicht wie und woran ich messen kann, ohne das Original zu kennen, was die Übersetzung ausmacht. Bei »Dunkle Stadt Bohane« ist einem dagegen schon nach wenigen Seiten klar, was für einen Akt, eine Herausforderung die Übersetzung eines sprachlich so extravaganten Werkes darstellen muss.

Die vielen Wortkreationen, die raren Begriffe, die in unserer Zeit immer weniger Verwendung finden, die ausgeprägten Soziolekte in den (hammermäßigen) Dialogen. Das alles ins Deutsche zu übertragen, ist eine Leistung, die dem Übersetzer Bernhard Robben meiner bescheidenen Kenntnis nach herausragend gut gelungen ist. Über die Arbeit an »Dunkle Stadt Bohane« schreibt er auch im Nachwort, das ich sehr erhellend fand und in Romanen sehr gerne öfter lesen würde. Man bekommt einen Eindruck von der Herangehensweise, von den Hürden und Tücken des jeweiligen Werkes und einen anderen Zugang zu der meist kaum beachteten Tätigkeit des Übersetzens. Vielleicht kann man so mehr Bewusstsein dafür schaffen, auch wenn sicher nicht jeder Roman so viel über das Übersetzen verrät wie »Dunkle Stadt Bohane«.

 

Kleines, verrücktes Meisterwerk an sprachlichem Eskapismus

Worum es in dem Roman nun ging? Ganz ehrlich, keine Ahnung. Doch, natürlich, aber es war mir fast egal. Ich bin ersoffen in diesen Sätzen. Bin betrunken durch die räudigen, feuchten Gassen dieser Stadt gewankt und wollte einfach nur mehr. Bohane macht keine Gefangenen, Bohane vernichtet einen. Zumindest sprachlich hat es mich für eine ziemlich lange Dauer für andere Romane verdorben. Weil »Dunkle Stadt Bohane« ein kleines, verrücktes Meisterwerk an sprachlichem Eskapismus ist und dieser Stil, dieser Noirpunk einfach sehr sehr lange für sich stehen wird.

Inhaltlich war der Roman also nett. Ja, das ist ein verhaltenes »Nett«. Die Geschichte selbst bringt keine Welt zum Beben (der Stil und die Inszenierung dagegen schon). Wir haben diese Stadt, die, solange das kollektive Gedächtnis zurückreicht, von Gangsterfamilien regiert wird. Wir haben Logan Hartnett, den Boss der Hartnett-Fancy. Den König von Bohane, der gut gekleidet durch die Straßen der Back Trace wandelt. Durch Smoketown, bis hinauf nach Beauvista, wo in alten Villen der neue Adel der Stadt lebt.

Weiter unten, am Fluss und in den Slums lebt der Rest. Und dort tobt das wilde Leben von Bohane. »Es roch nach Kraut und Kotze und billigem Fusel.« Smoketown ist das dunkle Herz der Stadt, enge Gassen, windschiefe Häuser, alte Schornsteine. Hier gibt es »Bordsteinschwalben, Kifferkraut und Fetischspelunken, Schnapsbutiken, Fixergassen, Traumsalons und Chinarestaurants.« Alles unter Hartnetts Kontrolle.

 

Kampf um die Stadt

Doch seine charismatisch-grausame Regentschaft wird bedroht von allerlei Widersachern. Da sind die Familien der Northside Rises, die in den Mietskasernen in den Hügeln der Stadt leben und die auch im sündigen Smoketown mitmischen wollen. Da sind seine drei jungen und unterschiedlich motivierten Leutnants, Jenni Ching, Fucker Burke und Wolfie Stanners, die über ihre Zukunft in Bohane nachdenken. Da ist Mama Hartnett, die mit fast 90 Jahren noch die Zügel in ihren alten, knorrigen Fingern hält. Und da ist auch noch Macu, Hartnetts Frau und sein Augenstern.

Außerdem zurück in der Stadt, der Gant Broderick. Vor 25 Jahren hatte er das Sagen in Bohane, bis er die Stadt verließ. Jetzt ist er zurückgekehrt und alle munkeln, aber keiner weiß genaueres nicht, warum es den Gant zurückgetrieben hat.

Und so deuten alle Zeichen auf einen neuen Krieg in Bohane, um Bohane, um Smoketown und um den Thron der Stadt. Und es ist doch eine uralte Gewissheit, »dass nämlich ein allzu lang währender Frieden auch nicht gerade das Beste war. Eine Stadt sollte nie zu lang gegen die eigene Natur verstoßen.«

 

Noirpunk

Es läuft am Ende alles auf die klassische Geschichte rivalisierender Gangsterbanden hinaus. Eine Geschichte von Outlaws, die kämpfen, die lieben, die intrigieren. Aber durch die Art, wie Kevin Barry diese große Show sprachlich inszeniert, wie er mit seinen Figuren arbeitet und wiederum das Setting für sich arbeiten lässt, geriet für mich die Handlung selbst zur Nebensache.

Kann man alles machen, ist mir egal, erzähl einfach weiter, Barry, beschreib mir die Stadt, die Kostüme deiner Figuren, die weißen Vinylhoodies, die hochgeschnürten Silberstiefel, fesche Röhrenjeans, tiefhängende Dolchgürtel, die schweren Nerzmäntel. Und hau noch mehr solcher Sätze raus wie »Schläger aus den halbrunden Blocks der Rises streiften durch die Stadt, und in der Luft kitzelte eine Ahnung von Gefahr. Gerangel. Gemetzel. Tobende Hormone.« oder »Ach, sie waren gutaussehende junge Leute in einer gnadenlosen Stadt am Meer, die Tage verbluten zu süßen Nächten, und es war, als würde der Sommer niemals enden.«

 

Abgang

Bohane spielt in einer anderen Zeit, einer Retro-Zukunft, wie Kevin Barry es selbst im Nachwort beschreibt. Es wirkt wie eine Variation des Steampunk, nur anders, eigener. Da ist ein Hauch des viktorianischen Zeitalters, da ist aber auch ein Hauch der 1920er und 1930er Jahre, dann aber auch irgendwie etwas aus den 1980er und 1990er Jahren, das alles im permanenten Dunst einer Hafenstadt, nebelig und wolkenverhangen. Und sentimental, so schön sentimental.

Die Grundstimmung in »Dunkle Stadt Bohane« ist wirklich außerordentlich fantastisch kreiert, weil sie zwischen vertraut und abstrakt pendelt. Ein übles Gangstermärchen, das, und jetzt werde ich mal ein kleines bisschen pathetisch, nicht so ganz von dieser Welt ist.

»Und noch eins!«, rief Old Boy. »In Bohane muss sich schließlich nicht immer alles nur um Bandenkriege drehen. Wir können den Leuten durchaus auch eine verzwickte Romanze bieten …«

 


© Tropen/Klett-Cotta Verlag
Kevin Barry – Dunkle Stadt Bohane

Originalausgabe »City Of Bohane« (2011)

übersetzt von Bernhard Robben

Februar 2015 bei Tropen/Klett-Cotta Verlag

Gebunden | 304 Seiten | 20,00 EUR

Genre: Roman Noir, Retro-Fiction, Crime Fiction, Noirpunk

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Bohane, eine fiktive Stadt an der Westküste Irlands

 

 

Die Besprechung erscheint im Rahmen des Blog-Spezials »Irische und nordirische Kriminalliteratur« mit Bloggerkollegin Christina von »Die dunklen Felle«.

 

 

7 Kommentare zu “Kevin Barry – Dunkle Stadt Bohane

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  • 1. Oktober 2018 at 13:45
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    Hach, mit dem Musical-Vergleich läufst du bei mir als Bühnenfetischistin natürlich offene Türen ein. 😉 Das brauchst du doch gar nicht, ich habe das Buch doch schon gelesen. 😉 Besser als du hätte ich es aber nicht in Worte fassen können, dieses Leseerlebnis, diese Stiltistikschwelgerei! Normalerweise bin ich ja eine Verfechterin dafür, dass sich Handlung und Stil immer die Waage halten sollten. Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine dieser seltenen Ausnahmen ist dieses Buch von Barry. Klar, der Inhalt, also die Handlung, die Geschichte an sich, ist schon sehr gut. Aber mein Gott! Diese Sprache! Zum Niederknien! Da war auch mit die Handlung schnell schnurzpiepegal. Und du hast es so herrlich formuliert auf den Punkt gebracht. Vielen dank dafür!

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    • 1. Oktober 2018 at 15:20
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      Merci! 😀 Hach, ich freue mich immer, wenn jemand, der den besprochenen Titel auch gelesen hat, schreibt, dass es ähnlich bis genauso empfunden wurde! Also anders wäre ja auch total ok, aber so ist es immer wie ein literarisches High-Five, das ist fein! 😀

      Stimmt, generell sollte es sich schon die Waage halten. Bei Barrys außergewöhnlichem Stil würde aber vermutlich selbst der lahmste Whodunit zu einem famosen philologischen Feuerwerk geraten. 😀

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  • 1. Oktober 2018 at 17:29
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    Hach.. seufz… aus dem SUB kramen… nach oben legen… Will ich endlich auch lesen!
    Ich war sehr gespannt auf Deine Meinung aber anscheinend kann man mit dem Buch wirklich nichts falsch machen – ich lese nur absolut gutes darüber.

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    • 1. Oktober 2018 at 17:39
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      Ich habe den Roman in der Vergangenheit ja witzigerweise sogar schon verschenkt, ohne ihn zu dem Zeitpunkt selbst gelesen zu haben, aber ich hatte so ein untrügliches Gefühl, dass es Bohane in sich hat. Und, zumindest wurde mir das so berichtet, es gefiel dem Beschenkten. 😀 Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass man bei dem markanten Stil abspringt. Ich glaube aber, diesem ganz bestimmten Flair erliegst du sicher genauso! 😀 Ich bin auf jeden Fall gespannt zu hören, wie du ihn findest!

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