Katrine Engberg – Krokodilwächter

Ich hätte ihn furchtbar gern gemocht, aber am Ende blieb bei mir nur das »furchtbar« übrig. Nun. Macht aber nichts. Gemessen an den zahlreichen positiven Stimmen, die zu »Krokodilwächter« durch das Netz wandern, scheint der Bestseller aus Dänemark auch hierzulande Anklang zu finden, was mich in diesem Fall vor allem für den Diogenes Verlag freut.

Dessen stilsichere Ader war übrigens auch der Grund, warum ich »Krokodilwächter« lesen wollte. Das und ein grundsätzliches Interesse an Debütromanen. Der Klappentext selbst klingt nämlich eigentlich gar nicht sooo sexy, tauchen doch einige kriminalliterarische Klischees darin auf.

 

Der Mord und das Haus

Was haben wir also? Eine tote Studentin in Kopenhagen, ermordet ganz und gar fies von einem Täter, der ihr kunstvoll das Gesicht zu zerschneiden versuchte. Klappte nicht so gut, weil sich das Mädel wehrte, also erst erschlagen, dann weiterschnibbeln. Ein Nachbar, ein älterer, einsamer Herr, stolpert über die Leiche (und das ist keine flapsige Formulierung, er stolpert wirklich über das tote Mädchen) und muss gleich erstmal selbst ins Krankenhaus.

Die Mitbewohnerin der Studentin wird während einer Bootstour in Schweden von dem Tod ihrer Freundin überrascht und die Vermieterin der Beteiligten, eine pensionierte Dozentin mit verzettelter Künstlerseele, sitzt nun in einem leeren Haus und bekommt das Fürchten. Immerhin schrieb sie gerade an einem Kriminalroman, in dem ganz genau der Mord beschrieben wird, der nun ein paar Etagen tiefer verübt wurde. Eiwei. Was ist da los?

 

Der Kommissar und der Mörder

Es könnte unaufregender nicht sein. Aber auch nicht konstruierter. Ich schätze in der Regel unaufgeregte Erzählungen. Aber konstruierte Fälle, die scheinbar nur geschrieben wurden, weil man glaubt, dass auf diese Weise ein Kriminalroman eben funktioniert und man nichts, aber auch überhaupt nichts eigenständiges zu diesem Stoff beizusteuern hat? Ja Herrschaftszeiten nochmal, dann lasst es bittschön bleiben.

»Krokodilwächter« ist für mich ein Kriminalroman, auf den die Welt nicht gewartet hat, den es so oder ähnlich schon in zigfacher Ausführung gibt. Von der flachen Figurenzeichnung angefangen bis hin zum vollends erschöpften und nach Atem ringenden Motiv des Täters. Das wurde schon so oft durchs Dorf gejagt, man möchte ihm einen Platz am Ofen anbieten, eine kratzige Wolldecke und den wohlverdienten Ruhestand.

Und wenn das einzig herausstechende Merkmal an einem Roman die in Mitleidenschaft gezogene Potenz seines Kommissars ist, ja dann hat man die Rechnung doch ohne den Gärtner gemacht. Ach nein, der war ja natürlich der Mörder! Herrje, ich komme schon ganz durcheinander. Jedenfalls, heimlicher Star dieses Krimis ist eben jener, emotional angeschlagene Kommissar Jeppe Kørner, der nach der Trennung seiner Frau irgendwie nicht mehr so richtig in die Spur kommt, ständig ohnmächtig wird und dann plötzlich während der Mordermittlungen bei einer Zeugin den Tiger in sich wiederentdeckt.

Das hat stellenweise durchaus etwas drolliges, wirkt aber aufgrund der gesamten Attitüde des Romans letztlich auch nur irgendwie aufgesetzt und hochstilisiert zu einer Alternative im sonstigen Ensemble seltsamer Eigenschaften eines Kriminalkommissars, die da reichen vom virtuosen Klavierspieler, über den klassischen Alkoholiker bis hin zum ambitionierten Ornithologen.

 

Mehr war auch nicht

So, was bleibt also nach all den netten Worten? Ach ich finde es zwischendurch gar nicht so schlimm auch mal einen Roman zu lesen, der mir wirklich nicht gefällt. Ich bin auch schon in einer für mich in diesem Moment absolut fragwürdigen Inszenierung von Shakespeares Sommernachtstraum sitzen geblieben.

Sicherlich nicht ohne mir in die Fingerknöchel zu beißen. Aber abgesehen davon, dass ich es heute hier als Beispiel verwenden kann, war es letztlich spannend zu sehen, was bei mir nicht funktioniert. Und dazu gehört dann eben auch »Krokodilwächter«.

 

Fazit: Wer jetzt denkt: »Aber ich wollte den Roman doch so gerne lesen!«, erstens, tut es! Das letzte, was ich will, ist jemandem, der dem Roman zugetan ist, die Lektüre ausreden. Und zweitens, bleibt dran, am Samstag gibt es hier auf dem Blog zum Roman eine ganz und gar positive Empfehlung von unserer Miss Marple!

Wer also mit ihren Tipps bisher gut gefahren ist, sollte auch dieses Mal darauf vertrauen. Wer sich eher mit meinen aktuellen Lesevorlieben identifiziert, ist vielleicht gut beraten, seine Lesezeit einem anderen Titel aus dem Diogenes-Programm zu widmen, wie zum Beispiel Fuminori Nakamuras »Die Maske«, zu dem es hier an späterer Stelle auch noch eine Besprechung geben wird. So. Und jetzt Käffchen.

 

In Zahlen: Stil: 2/5 | Idee: 2/5 | Umsetzung: 1/5 | Figuren: 1/5 | Plot-Entwicklung: 1/5 | Tempo: 2/5 | Tiefe: 2/5 | Komplexität: 2/5 | Lesespaß: 1/5

 


© Diogenes Verlag
Katrine Engberg – Krokodilwächter

Originalausgabe »Krokodillevogteren« (2016)

übersetzt aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg

März 2018 bei Diogenes

Hardcover | 512 Seiten | 22,00 EUR

Genre: Kriminalroman, Thriller

Reihe: Jeppe Kørner und Anette Werner #01

Schauplatz: Kopenhagen

 

 

Eine weitere Besprechung zum Roman auf diesem Blog gibt es in der Rubrik »Miss Marples Krimitipps«, zum Beitrag hier entlang!

 

6 Kommentare zu “Katrine Engberg – Krokodilwächter

  • Pingback: Miss Marples Krimitipp im April 20.18

  • 14. April 2018 at 21:43
    Permalink

    Autsch! Schade das es dich so gar nicht abholen konnte, denn das Lesen-wollen kann ich absolut nachfühlen, schleiche auch schon länger um das Buch herum. Cover und Titel finde ich schon toll und dachte nun beim Lesen immer “oh neee”. Klischees, ähnliche Geschichten – Punkte die mich mal mehr, mal weniger stören, kann das gar nicht benennen wann dem so ist und wann nicht. Deine Rezension verunsichert nun schon. Ich habe auch Miss Marple`s Eindrücke gelesen – erstmal schön zwei so unterschiedliche Meinungen hier zu finden, aber ich weiß nun nicht bei wem ich mich orientieren soll 😀
    Gut das der SuB genug zu bieten hat und dieser Titel auf der Wunschliste warten kann.

    Hab einen feinen Abend!

    Reply
    • 15. April 2018 at 15:34
      Permalink

      Ach, passiert halt mal, man kann nicht jeden Roman mögen.

      Prinzipiell finde ich, man sollte auf sein Bauchgefühl hören. Wenn Du Bock hast, einen Roman zu lesen, lass dich von niemandem abhalten. Ich sehe Blogs auch weniger als Empfehlungskanäle, für mich sind das eher Orte des Austausches.

      Es gibt immer mal wieder Romane, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich sie überhaupt lesen möchte. Solche Wackelkandidaten, da gucke ich gern bei Bloggerkollegen, dessen Geschmack mir bekannt ist und wo es eventuelle Überschneidungen oder Stimmigkeiten gibt, gerne mal, wie fanden die den Roman, wie waren ihre Eindrücke und was schreiben sie in der Besprechung über ihre Leseerfahrungen. Da kann ich dann aus Triggerbegriffen ganz gut herausfiltern, würde mir es genauso gehen oder wäre der Stoff doch etwas für mich.

      Genauso gibt es Romane, die den x-ten Aufguss eines Themas bieten und mir trotzdem gefallen. Manchmal ist es der Stil, oder die Atmosphäre, oder die Figurenführung. Wenn mich eine Sache begeistert, dann stören mich andere Dinge auch weniger. Hier war aber für mich schlicht gar nichts dabei, was in irgendeiner Form für Freude gesorgt hat.

      Alles in allem, ich sehe das, was wir hier machen, wirklich eher als Kommunikationsort, nicht als pauschal mitnehmbare Empfehlungen oder gar Warnungen, das würde ich mir gar nicht herausnehmen wollen, so ohne weitere Spezifizierung zu urteilen, ob jemandem ein Roman gefällt oder nicht. Dazu sind die jeweiligen Lesebiografien viel zu unterschiedlich und oft hängt es auch einfach von der aktuellen Verfassung ab, was ein Roman mit einem macht.

      Insofern, lieber so wie wir das gerade machen, darüber quatschen und dann kommt man dem schon eher auf die Spur. Und ein, aus wirtschaftlicher Sicht je nach Standpunkt sehr praktischer wie verfluchter Ratschlag wäre hier, einfach auf das Taschenbuch zu warten. 😉 Für mich wäre der Titel ein klassischer TB-Titel.

      Reply
  • 15. April 2018 at 16:32
    Permalink

    Da bin ich voll bei dir! Wenns mir grundlegend gefällt kann ich (aber auch nicht immer) gut über bestimmte Stolpersteine hinweglesen. Das Buch bleibt auch erstmal auf der Wunschliste, da es mich reizt. Aber der SuB ist auch noch da und da tut eine eher kritische Rezi beim Kaufwahn mal gut, hihi

    Hmm, in erster Linie Austausch, absolut. Aber Blogs können mich auch echt anzuckern oder von einem Kauf abhalten – wobei das eher weniger sind, da man ja schon schaut das sich der Lesegeschmack im Ganzen überschneidet! Man ist ja auch mit Blogger*innen im Austausch auf den Blogs, obwohl die einzelnen Eindrücke zu versch. Büchern sich stark unterscheiden!

    Reply
  • 16. April 2018 at 9:44
    Permalink

    Also, ich sehe das schon auch so, dass Blogs und deren Rezensionen zum Austausch dienen. Nichtsdestotrotz ist die Meinung einiger meiner bevorzugten Blogs schon ein Kriterium zur Kaufentscheidung. Und: herzlich willkommen, Du gehörst Da bei mir dazu.
    Demnach ist es wohl nicht schlimm, dass das Rezi-Exemplar, welches ich schon vor Monaten von dem Buch angefordert habe, mich bisher nicht erreicht hat. Da brauch ich jetzt auch nicht mehr nachfragen und die Lektüre bleibt mir “erspart”. Es gibt ja auch noch reichlich andere Bücher zum Lesen, auch vom Diogenes-Verlag. 🙂

    Reply
    • 18. April 2018 at 8:17
      Permalink

      Da stimme ich dir zu, der Einfluss kann durchaus zugunsten einer Kaufentscheidung gehen. Seltener aber mich vom Kauf abhalten, wenn ein Buch wirklich interessiert.

      Genau, an Lesestoff mangelt es am Ende ja doch nie. 🙂

      Reply

Hinterlasse einen Kommentar:

%d Bloggern gefällt das: