Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

Psychothriller Schuld bist du Jutta Maria Herrmann Knaur Verlag

Das Subgenre des Psychothrillers trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Es ist das Spiel mit der Wahrnehmung, das die Spannung erzeugt. Der Leser bleibt in der Regel lange Zeit im Unklaren darüber, was real ist und was nicht. Die Hauptfigur steckt in einem schweren Konflikt und es geschehen seltsame Dinge, die sich erstmal nicht zufriedenstellend erklären lassen. Bis sich zum Ende hin (vielleicht) alles aufklärt. Des Rätsels Lösung! Was ist Wahn, was ist Wirklichkeit?


Die Details

Diese Art von Thriller haben einen ganz besonderen Reiz. Es ist dieser eine Moment in der Handlung, wenn durch das Verändern des Blickwinkels, durch das Hinzufügen eines bisher verschwiegenen, wesentlichen Details von einem Satz zum nächsten sich die gesamte Geschichte in einem anderen Licht darstellt.

Mit diesen Elementen arbeitet auch »Schuld bist du«, nach »Hotline« der zweite Psychothriller der Autorin Jutta Maria Herrmann. Er erzählt die Geschichte von mehreren Leben, die sich unter der Last einer Schuld verformt und verbogen haben.

 

Von jetzt auf gleich

Der Roman steigt mit dem Journalisten Jakob Auerbach ein, dessen Leben scheinbar von jetzt auf gleich voller Ungereimtheiten ist. Denn als er von einer 8-tägigen Vietnam-Dienstreise nach Berlin zurückkehrt, finder er seine Wohnung komplett ausgeräumt vor. Diesen Umstand kann er noch als eine Terminverschiebung des bereits geplanten Umzugs abtun. Doch dass er seine Lebensgefährtin nicht erreichen kann und seine Tochter verschwindet, dafür gibt es nur wenige beruhigende Erklärungen. Ebenso wenige wie für die Botschaft »Schuld bist du«, die an eines der Fenster in der leeren Wohnung mit einer roten Flüssigkeit geschrieben wurde. In einem zweiten Handlungsstrang sitzt eine Unbekannte im Krankenhaus am Bett eines Patienten und versucht, Worte zu finden. Man soll mit Komapatienten reden, sie berühren. Irgendetwas könnte zu ihnen durchdringen. Also beginnt sie zu erzählen.

 

Die Unbekannte am Krankenbett

Lange Zeit laufen diese beiden Handlungsebenen nebeneinander her. Hier und da gibt es Hinweise, wo eine Verbindung zwischen der Suche Auerbachs nach seiner Familie und der Unbekannten im Krankenhaus bestehen könnte. Vielmehr zeichnet sich aber nach und nach ab, welche Verbindungen man ausschließen kann.

Der Leser ist in erster Linie an die Wahrnehmung von Jakob Auerbach gebunden, muss sich auf ihn und sein Handeln einlassen. Man folgt ihm auf seiner Odyssee durch Berlin und das nahegelegene Umland, sieht, wie er mehr und mehr an seinem eigenen Verstand zweifelt und kaum noch Erklärungsmöglichkeiten findet für das, was ihm widerfährt. Als Ausgleich dazu erfährt man bei den Erzählungen der Unbekannten im Krankenhaus etwas wie ein Runterkommen von dem kopflosen Umherrirren Jakobs. Ganz ruhig und doch mit einer sehr intensiven Anspannung erzählt die junge Frau, was sie zu sagen hat. Was das ist, will ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Aber diese Passagen beinhalteten für mich die interessanteste Figur und den spannenderen Erzählstrang in diesem Roman. Diesem bin ich sehr gerne und sehr aufmerksam gefolgt.

 

Das Spiel mit der Wahrnehmung

Ansonsten ist bei mir aber inzwischen die Faszination für Geschichten, die mit der Wahrnehmung ihrer Figuren spielen, nicht mehr so groß wie noch vor 4-5 Jahren. Dass mich diese Art von Spannungsaufbau nur noch selten packen kann, liegt also auch bei »Schuld bist du« nicht an der Qualität des Romans, sondern an meinen persönlichen Lesevorlieben. Ich habe die ganze Zeit im Hinterkopf, dass es eine logische Erklärung für all die mysteriösen Dinge geben wird und das führt bei mir zu einer Entzauberung der Situationen.

Nichtsdestotrotz ist der Roman gut und spannend inszeniert, geht die Schuld-Thematik auf verschiedenen Ebenen an und gibt der Handlung damit einen interessanten Hintergrund. Und er lässt sich vor allem wunderbar weglesen, ist sehr flüssig und zügig erzählt. »Schuld bist du« ist ein Pageturner, der Fans des deutschsprachigen Psychothrillers einen Blick wert sein sollte.

 

bewertung-3-sterne

Fazit: Dass mich diese Art von Geschichte nicht mehr so richtig packt, liegt nicht an der Qualität des Romans, sondern an meinem Lesegeschmack. Davon losgelöst betrachtet, ist »Schuld bist du« ein Pageturner, der Fans des deutschsprachigen Psychothrillers in jedem Fall einen Blick wert sein sollte.

Bewertung: 3,4 Punkte = 3 Sterne

Stil: 3/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 3/5| Figuren: 3/5
Plot-Entwicklung: 3/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 3/5 | Ø 3,4 Punkte

 

 


jutta maria herrmann schuld bist du psychothriller
© Knaur Verlag
Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

Originalausgabe

Juni 2016 im Knaur Verlag

Taschenbuch | 352 Seiten | 9,99 EUR

Genre: Psychothriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Berlin und Brandenburg

 

 

 

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei:

Martinas Buchwelten – »Unerwartete Wendungen und Hochspannung vom Feinsten …«

Angis Bücherkiste – »Autorin (…) legt mit „Schuld bist Du“ ein wahres Kleinod der Thrillerkunst vor …«

 

9 Kommentare zu “Jutta Maria Herrmann – Schuld bist du

  • 22. Juni 2016 at 18:19
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    hallo!
    Danke für die Verlinkung zu meiner Rezi! Schade, dass dich das Buch nicht ganz so packen konnte – du bist eben eine richtige Thrillerlady! =) Ich finde eigentlich nicht, dass immer alle Thriller, die wie dieser hier aufgebaut sind, mit einer logischen Erklärung enden bzw. wie z. Bsp. bei Fitzek's "Splitter". Für mich war das Buch nicht logisch, aber ich bin generell kein Fitzek Fan und habe es nach 3 Büchern von ihm aufgegeben. Aber so verschieden sind eben die geschmäcker und das ist auch gut so! 😉
    Liebe Grüße
    Martina

    Reply
  • 22. Juni 2016 at 18:43
    Permalink

    Ich wollte Dir eigentlich auch noch schreiben, dass ich Dich hier verlinkt und zitiert habe, da warst Du jetzt schneller als ich! 🙂

    Tihi, perfektes Beispiel, "Splitter" war mir auch zu abstrus, da kann ich Dir nur zustimmen. 😀 Insofern hast Du auf jeden Fall recht, nicht alle Psychothriller enden mit einer klaren Auflösung, je nach Geschichte. Wenn er gut gemacht ist, fügt sich am Ende aber in jedem Fall alles zusammen, so dass es auf die ein oder andere Art schlüssig ist. Wenn das nicht gelingt, dann ist irgendetwas schiefgelaufen. 😉

    Fitzeks Bücher fallen auch nicht so in mein Beuteschema, da verstehe ich deine Kritik. Habe zwar insgesamt 6 Bücher von ihm gelesen und fand "Amokspiel" und "Noah" zum Beispiel auch sehr schön gemacht, aber die anderen, die ich kenne (Das Kind, Splitter, die beiden Augen-Bücher) waren mir dann nachher alle zu ähnlich gestrickt, die männlichen Protagonisten zu austauschbar. Also auch nicht so richtig meins, wobei ich tatsächlich "Noah" positiv in Erinnerung behalten habe.

    Danke für deinen Kommentar! 🙂

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  • 28. Juni 2016 at 17:37
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    Puh….nun kann ich beruhigt aufatmen 😉 Du bist auch kein totaler Fitzek Fan….
    Liebe Grüße
    Martina

    Reply
  • 29. Juni 2016 at 12:48
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    Lieben Dank für's Verlinken. Gute Idee, da können sich Deine Leser ein vollständigeres Bild machen. Nicht jeder Thriller kann jedem gefallen, bin sicher es liegt auch mal daran, in welcher Stimmung man sich gerade selbst befindet. Anders als Martina und Du bin ich großer Fitzek Fan und das von der ersten Stunde, was meine Meinung über Geschmäcker nur bestätigt 😉

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  • 29. Juni 2016 at 18:03
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    Sehr gern! Ich wollte das schon längst bei jeder Rezension machen, habe es aber immer wieder vergessen. Genau wie Du schon sagst, so haben die Leser die Möglichkeit bei Interesse noch mehr Meinungen zu einem Buch zu lesen, und wir Blogger können uns ein bisschen besser vernetzen, ein positiver Nebeneffekt!

    Ja, absolut, jedes Buch hat seine Leser und bei der Vielzahl an Titeln auf dem Markt dürfte für jeden etwas dabei sein. 🙂

    Danke für deinen Kommentar!!
    Viele Grüße!

    Reply
  • 25. Februar 2017 at 21:37
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    Bin durch “Books4life” über dich gestolpert 😉 und dann über deine Rezi zu diesem Buch, welches bereits länger auf meiner WuLi auf den Kauf wartet. Deine Rezi lässt es doch sehr offen, ob man es selbst begeistert liest oder eher enttäuscht – selbst lesen ist hier gefragt! Von der Thematik her genau das richtige Buch, hoffe dann auch in der Umsetzung!

    Liebe Grüße
    Janna

    Reply
    • 27. Februar 2017 at 20:31
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      Hallo Janna,

      das freut mich, dass du hier gelandet bist! Ja, genau, das soll die Besprechung auch, denn immerhin hat jeder Mensch andere Lesevorlieben und was mir gefällt, muss nicht zwangsläufig anderen Lesern gefallen, und umgekehrt. Und selber lesen macht ja sowieso immer mehr Spaß. 😉

      Zum Austauschen treffen wir uns dann wieder, hoffe ich, bin gespannt, ob es dir gefällt! 🙂

      Viele Grüße!

      Reply
      • 5. März 2017 at 10:15
        Permalink

        Recht hast du! Lesegeschmäcker sind einfach zu verschieden, als das jeder Thriller-Leser das gleiche Buch mag – zum Glück! Aber manchmal brauchts doch den letzten Stupser zum kauf oder nicht-kauf, aber gerade solche Rezis wie deine machen ja umso neugieriger, wie man selst das Buch empfindet/wahrnimmt.

        Ein wenig wird’s noch dauern, der SuB schimpft schon mit mir 😀
        Und die nächsten Rezensionsexemplare sind angefragt *lach
        Ich werd dir auf jeden Fall gleich mal via FB folgen!

        Hab einen feinen Sonntag!

        Reply

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