Max Annas – Die Mauer

Thriller Die Mauer Max Annas Rowohlt Verlag

Südlich des Äquators beginnt der Sommer am 21. Dezember. Pi mal Daumen mal Fensterkreuz, das mit dem exakten Datum ist so eine Sache, die hier aber nichts zu eben jener tut. Ausgehend vom Sommerbeginn im Dezember bedeutet dieser Umstand aber, dass der Februar auf der Südhalbkugel in etwa unserem August entspricht. Da ist es für gewöhnlich einfach nur heiß und das letzte, was man sich an so einem Tag wünscht, ist auf einer Landstraße mit seinem Auto liegenzubleiben.


Ein heißer Februar und eine Autopanne

Genau das passiert Protagonist Moses zu Beginn von Max Annas neuem Roman »Die Mauer«. Am heißesten Tag im heißesten Februar seit Jahren bleibt Moses mit seinem Toyota in den Vororten Johannesburgs liegen. Moses ist verschwitzt und dreckig, am Vormittag hat er seinem Uni-Professor beim Entrümpeln des Büros geholfen, jetzt will er eigentlich nur heim, duschen und sich mit seiner Freundin treffen. Stattdessen steht er nun da, in der Mittagsstunde, die Sonne steht am höchsten Punkt, weit und breit kein Mensch in Sicht. Moses will einen Freund anrufen und ihn bitten, ihn abzuholen.

Und an dieser Stelle kommt ein schrecklich beliebtes Requisit zum Tragen, der leere Akku im Mobiltelefon! Sein Handy gibt den Geist auf und zwingt ihn damit, sich in einer nahegelegenen Wohnsiedlung nach einer anderen Möglichkeit zum Telefonieren umzusehen. Wie viele Thriller/Krimi-Plots würden gar nicht existieren, hätten die Protagonisten nur immer ein aufgeladenes Handy dabei.

 

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Suburbia

Bei der nahegelegenen Wohnsiedlung handelt es sich um eine »gated community«, eine geschlossene Wohngegend, umzäunt von einer hohen Mauer, der Eingang verschlossen durch ein Tor, die Anlage überwacht von einem Sicherheitsdienst. Damit die obere Mittelschicht, die es sich leisten kann, ein Haus in so einem Viertel zu beziehen, in kleinen Enklaven ruhig und isoliert vor sich hinleben kann. Suburbia vom Feinsten.

Während Moses also in bester Absicht durch die beschaulichen Straßen von »The Pines« streift und sich zu erinnern versucht, in welchem der identisch aussehenden Häuschen ein Kommilitone von ihm wohnen könnte, sind ein paar Straßen weiter zwei Eindringlinge in diesem Elfenbeinturm aus grasgrünen Hecken und weißstrahlenden Mäuerchen unterwegs, die weniger Gutes im Schilde führen. Nozipho und Thembi sind ein Gaunerpärchen auf Diebeszug und gerade dabei, Schmuck und Bargeld aus den Häusern zu stehlen. Aber Karma kann manchmal ein echter Mistkäfer sein und so werden die beiden sich schon bald wünschen, ihre Einbruchstour nie begonnen zu haben.

 

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Es eskaliert.

Und man ahnt es schon, die beiden Handlungsstränge verkeilen sich ineinander und das auf ganz und gar schmerzhafte Art und Weise. Und während man sich als Leser noch fragt, an welcher Stelle die Geschichte eigentlich so eskalieren konnte, welche falschen Entscheidungen die wirklich fatalen waren und wie viele Gelegenheiten zur Klärung der Situation von den Figuren ungenutzt blieben, entwickelt sich eine Hetzjagd um Moses, die seinesgleichen sucht.

Dies geschieht, und das macht es gleichzeitig komisch und tragisch, ohne dass ihre jeweiligen Hauptfiguren großartig Kenntnis voneinander haben, obwohl das, was ihnen widerfährt, in absoluter Abhängigkeit zueinander steht. »Die Mauer« ist eine Geschichte zum Motiv »zur falschen Zeit am falschen Ort« mit einer Handlung, für die es weder eine richtige Zeit noch einen richtigen Ort gibt.

 

Die Kunst des Plottens

Und da steckt dann eigentlich auch die Keule in diesem Thriller. In der Mischung aus einer stummen und gleichzeitig brüllenden Tragik und einer absurden Komik. Das wurde vom Autor sehr fein austariert und machte für mich den Schliff der Geschichte aus. Man hat auf der einen Seite die Thematik, einen Alltagsrassismus, der jederzeit in pure Gewalt umschlagen kann, Willkür, Hass, Vorurteile, Mauern, aber nicht nur die um gehobene Wohnviertel, sondern die in den Köpfen der Menschen, denen keine Mauer aus Beton das Wasser reichen kann. Auf der anderen Seite hat man dann die Erzählelemente, die die Thematik in ein Kontrastverhältnis setzen. Das machte »Die Mauer« für mich so unfassbar interessant und lesenswert.

Denn da ist diese leichte Einfältigkeit, die fast jede Figur innehat und die man besonders in den Dialogen spürt. Das kreiert immer wieder fast schon slapstick-ähnliche Einlagen, subtile grotesk-komische Momente in einer Situation, in der es eigentlich nichts zu lachen gibt. Und dann das Finale, das ich einfach nur famos fand. Das ist alles sehr listig erzählt und sehr listig geplottet.

Grund zur Freude war für mich auch der eigenständige Erzählrhythmus des Buches, verkürzte Sätze, knappe Sprünge zwischen den Handlungssträngen, hin und her und zurück, das unterstrich noch einmal die Grundstimmung der Handlung, die mir aber trotz dieser raschen Wechsel zwischen den Szenen nicht so rasant vorkam wie erwartet, im Gegenteil, ich fand, dass »Die Mauer« im Mittelteil einen kleinen Durchhänger hatte, sich ein wenig schleppte, aber das nur am Rande und der Vollständigkeit halber, um meinen Eindruck zu komplettieren.

Natürlich ist der Roman mit seinem Thema auch brandaktuell, aber das wäre er nicht nur heute. Er war es gestern und vorgestern und wird es auch morgen und übermorgen wieder sein.

 

Bewertung-4-Sterne

Fazit: Eine stumme und gleichzeitig brüllende Tragik, durchsetzt mit einer subtilen, absurden Komik, alles sehr listig erzählt und sehr listig geplottet, das machte das Buch so furchtbar interessant.

Bewertung: 4,2 Punkte = 4 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 5/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | = 4,22 Punkte

 

 


Buchcover Die Mauer von Max Annas
© Rowohlt Verlag
Max Annas – Die Mauer

Originalausgabe | Mai 2016 im Rowohlt Verlag

Taschenbuch | 224 Seiten | 12,00 EUR

Genre: Thriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Südafrika

 

 

 

 

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei:

Wort & Tat – »… diesen scharfkantigen, temporeichen, brillanten Roman …«

Crimenoir – »Mir wurde da ein wenig zu viel hineingepackt …«

 

3 Kommentare zu “Max Annas – Die Mauer

  • 18. Juni 2016 at 21:46
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    Na wenn das nicht neugierig macht! Gelungene Rezension, die auf jeden Fall mein Interesse wecken konnte. Das behalte ich mal im Hinterkopf 🙂

    Viele liebe Grüße
    Juliana

    Reply
  • 19. Juni 2016 at 14:34
    Permalink

    Vielen Dank! 🙂 Ich kann mir auch wirklich gut vorstellen, dass das Buch etwas für Dich wäre! So von Machart her.

    Reply
  • Pingback: Max Annas - Illegal

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