D.B. Blettenberg – Falken jagen

Mit dem dritten Band in eine Reihe einzusteigen, fühlt sich für den kleinen Neurotiker in mir normalerweise nicht richtig an. Da fehlt doch etwas, denke ich mir dann.

Es funktioniert aber erstaunlich hervorragend, wenn der erste Band dieser Reihe bereits 1988 (»Farang«) erschienen ist und der zweite 2003 (»Berlin Fidschitown«). Ein beruhigender Abstand von jeweils 15 Jahren.

 

Undiplomatisch

»Falken jagen« also ist der besagte dritte Band der Reihe und beginnt mit einem gewaltsam zu Tode gekommenen Griechen. Ioannis Karpathakis war Konsularbeamter in Bangkok und nutzte seinen Posten im diplomatischen Dienst in letzer Zeit zunehmend für gänzlich unbürokratische Lösungswege bei den Visa-Problemen junger Frauen aus. Nun wurde er erschossen, geköpft und aufgeschlitzt in einem Hotelzimmer gefunden. Allerdings ist das Mordmotiv weniger offensichtlich als zunächst vermutet, denn auf die gleiche Art und Weise wurden vor ihm auch drei Deutsche in Thailand ermordet, und keines der Opfer ging ähnlichen Geschäften nach wie der Grieche.

Die Mordermittler in Bangkok sind ratlos und bei dem Verantwortlichen des Polizeiapparates wackelt langsam der Chefposten. Vier Morde an ausländischen Staatsbürgern, das übt Druck auf eine Ermittlung aus. Und hier kommt Farang ins Spiel. Farang ist eine Art Guman, ein Leibwächter, ein privater Ermittler. Ein Problemlöser.

 

Unproblematisch

Und dieses Problem mit der Mordserie, das soll Farang nun lösen. Die Schwester des Polizeichefs, Imelda Watana, ist der Kopf einer einflussreichen Familie. Sie hat die Geschäfte von ihrem verstorbenen Vater, dem General, übernommen und zieht, wo nötig, Fäden. Etwa um den Posten ihres nutzlosen Bruders bei der Polizei wieder zu festigen. Farang soll den Mörder finden. Nicht, um die Mordserie aufzuklären. Sondern um sie zu beenden.

Farang ist Imeldas Vater, dem General, auch nach dessen Tod noch in tiefer Loyalität verbunden und in einer alten Schuld verpflichtet und übernimmt den Auftrag, obwohl er sich eigentlich längst zur Ruhe gesetzt hat. Er ist Ende 50, zwar noch ganz gut in Schuss, aber eben auch nicht mehr der Jüngste. Doch seine Integrität und Imeldas Versprechen, im Gegenzug sein Hilfsprojekt für junge Prostituierte finanziell wiederzubeleben, lassen ihn die Suche nach dem Mörder aufnehmen.

 

Unerbittlich

Mit dabei sind zwei alte Weggefährten, Tony Rojana und Bobby Quinn. Ein ehemaliger Reporter und ein Vietnamveteran, die jetzt gemeinsam in Bangkok eine Sportsbar betreiben. Farang wird mit ihrer Unterstützung versuchen, den Mörder aufzuspüren.

Ein erster Ansatzpunkt sind die Schriftstücke, die bei allen Toten hinterlassen wurden. Kleine Briefe mit lehrhaftem Inhalt, in neugriechisch verfasst, erzählen von dem Leben des Griechen Constantine Phaulkon, der es im damaligen Siam zu großem Einfluss brachte. Wie das mit dem lüsternen Konsularbeamten und den drei toten Deutschen zusammengeht, wird bald deutlich und führt Farang auf die Spur eines Mannes, der auf einem Rachefeldzug ist.

Das alles arrangiert der Autor Detlef Bernd Blettenberg mit einer gelassenen und unaufgeregten Ruhe, die dem Roman gerade im Nachgang eine ganz eigene Ausstrahlung gibt. Besonders in Bezug auf die Schauplätze der Handlung, Thailand und Griechenland, findet man hier eine geradezu bestechende Authentizität vor, die so nur transportiert werden kann, wenn der Autor selbst diese Orte nicht mehr mit den Augen eines Urlaubers sieht.

 

Unverzeilich

Ein Blick in die Biografie des Autors bestätigt übrigens diesen Eindruck, D.B. Blettenberg arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte in der internationalen Entwicklungshilfe, lebte in Ecuador, Thailand, Nicaragua und Ghana, bereiste darüber hinaus viele weitere Länder Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Diese Ortskenntnis, das weltoffene und ja, eigentlich weltbürgerliche, das spürt man in dem Roman, das macht vermutlich einen großen Teil dieser Ausstrahlung aus.

Dazu kommt der geschichtliche Aspekt, der den Roman begleitet und der durch den unaufgeregten Ton umso stärker in den Vordergrund tritt. Es sind die Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmachtssoldaten während der Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg, die hier thematisiert werden und das auf eine Art und Weise, die ich persönlich sehr lehrreich fand. Gerade, wenn man auf die Tagespolitik schaut, auf die europäische Politik und das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland auf historischer Ebene, sensibilisiert das für Verständnis und Kontext.

Blettenberg verzichtet dabei komplett auf den erhobenen Zeigefinger. Er geht das viel subtiler an, drängt nicht mit einer Wertung von außen in seine Handlung ein, sondern lässt die Geschichte, die im Roman, aber auch die reale, komplett für sich sprechen und das gelingt sehr gut und trefflich.

 

Ungeordnet

Auch die Figur Farang ist ein spannender Aspekt der Handlung. Farang – die thailändische Bezeichnung für Menschen mit heller Hautfarbe aus der westlichen Welt – wurde in Thailand geboren, hat eine thailändische Mutter, aber einen deutschen Vater und fällt damit auf, egal wo. Menschen, denen er begegnet, möchten ihn gerne zuordnen. Scheinbar fühlt sich die Mehrheit der Menschen wohler, wenn sie ihr Gegenüber einem Land zuordnen kann. Hier legt D.B. Blettenberg vermutlich ein Kernproblem gesellschaftlicher Kompetenz frei, das arbeitet der Roman während der gesamten Handlung sehr schön heraus, die Frage nach der Identität und die Rolle, die sie spielt und von wem sie einem zugetragen wird und welchen Einfluss sie haben kann. Das setzt D.B. Blettenberg sowohl an der Ermittlerfigur Farang als auch an der Rolle des Mörders um.

Und während Farang, der eigentlich Surasak Meier heißt, das für sich geklärt hat, der sich als Thai fühlt, weil ihm sein Herz, die Liebe zu seiner Mutter und das Gefühl von Zuhause es ihm sagen, sehen die meisten Menschen immer zwei Seiten an ihm, eine europäische und eine asiatische. Dass ein Mensch aber so viel mehr Seiten hat, die ihn ausmachen, übersehen sie dadurch.

 

Überflügelt

Nach all diesen wirklich starken Aspekten des Romans schließe ich jetzt noch mit einer kurzen Kritik, da mich unabhängig von der Zuneigung zu der geschichtlichen und der geografischen Komponente am Ende die Handlung selbst in ihrem Fortgang nicht völlig überzeugt hat.

Da gab es unter anderem durchaus Wendungen, nennen wir sie Zufälle, die für die Entwicklung der Geschichte sehr dienlich waren, die ich aber so a bissl zu glücklich fand. Und glückliche Zufälle, ach das knirscht es bei mir einfach immer ein bisschen. Auch insgesamt betrachtet war die Konstruktion des Romans nicht so stark wie sein Inhalt, seine Themen. Mir fehlte in diesem Punkt ein wenig Reibung in der Handlung.

Das zieht jetzt zum Ende irgendwie ein wenig runter, soll es aber gar nicht. Wie gesagt, die Stärken des Romans, die geschichtliche und geografische Komponente und die Themen, die er aufgreift, machen für mich »Falken jagen« als interessanten Roman aus.

 

 


© Pendragon Verlag
D.B. Blettenberg – Falken jagen

Originalausgabe

August 2018 im Pendragon Verlag

Klappenbroschur | 384 Seiten | 18,00 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Privatermittler Farang #3

Schauplatz: Thailand, Griechenland

 

 

 

 

8 Kommentare zu “D.B. Blettenberg – Falken jagen

  • 6. September 2018 at 13:13
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    Musste gerade etwas schmunzeln, als ich Deine Einleitung gelesen habe, da ich bekanntlich unter derselben Neurose leide: Überlege tatsächlich erst “Farang” zu lesen. So sehr mich Günthers Leseexemplar hier auch verführerisch vom Schreibtisch anlächelt. 😉 – Deine äußerst ausführliche Rezension find ich übrigens richtig, richtig klasse. Dem kann man (und auch ich irgendwann später) wohl nicht mehr viel hinzufügen.

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    • 6. September 2018 at 13:29
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      Ich wollte eigentlich auch erst »Farang« lesen, habe ihn mir inzwischen auch gekauft, am Ende war es eigentlich der Zeitfaktor, der dann den “Sprung ins kalte Wasser” gefördert hat, weil ich die Besprechung so gerne noch veröffentlichen wollte, bevor das Irland/Nordirland-Spezial von Christina und mir beginnt, das geht nämlich ein ganzes Weilchen und das war mir für “Falken jagen” zu lang. Verrückte Bloggerwelt! 😉

      Aber vielen vielen Dank, das freut mich sehr, ich hatte beim Schreiben mehrere klitzekleine Krisen, weil mir der Text viel zu lang und ausführlich geraten ist und ich dachte, ich müsste dringend kürzen, das liest doch kein Mensch, das interessiert doch keinen. Aber irgendwie ging es auch nicht kürzer. Weil eben schon ne Menge drin steckt in diesem Roman.

      Achso, ich habe in »Farang« aus Neugier natürlich schon mal kurz reingelinst, also nur die ersten 8-9 Seiten angelesen, aber ich hatte schon den Eindruck, dass da noch etwas mehr … Krawumm dabei war, sprachlich, stilistisch, es wirkte schon ein wenig anders als »Falken jagen«. Ist ja auch 30 Jahre jünger. Also ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf. Ich lese ja eigentlich auch deshalb immer gerne chronologisch, weil man dann auch die Entwicklung des Autors, also seines Schreibens miterleben kann, das ist immer interresant.

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      • 6. September 2018 at 17:12
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        “Ich lese ja eigentlich auch deshalb immer gerne chronologisch, weil man dann auch die Entwicklung des Autors, also seines Schreibens miterleben kann, das ist immer interresant.” – Der Satz könnte mir von sein. 🙂 Ja, aus demselben Grund mache ich das genauso. Einmal die Entwicklung des Schriftstellers und – im Falle einer Serie – die Entwicklung der jeweiligen Figur. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als querzulesen und mich dann in irgendeiner Art und Weise zu spoilern.

        Ich finde das gut, wenn sich jemand intensiver mit der Lektüre beschäftigt und soviel wie möglich herausarbeitet. Natürlich ist das immer vom jeweiligen Buch abhängig, dennoch gilt für mich: Lieber ein bisschen länger und informativer als nur an der Oberfläche kratzen. Außerdem fasse ich mich ja selbst in den seltensten Fällen kurz. 😀

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        • 6. September 2018 at 18:03
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          Ja, nein, das mag ich auch gar nicht, mir da selbst etwas vorweg zu nehmen, deshalb schön immer der Reihe nach. Na ja, also meistens. 😉

          Bei deinen Besprechungen ist es aber auch immer ein Fest, was Du da aus den Büchern alles rausholst, da ist keine Zeile zu viel. *Daumen-hoch-Dings*

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          • 7. September 2018 at 22:25
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            Ich muss gestehen, dass ich euch immer ein wenig beneide, weil ihr so ausführliche Besprechungen vorlegt. Mir kommen meine immer ein wenig knapp vor, obwohl ich mir da auch teilweise einen abwürge…
            Also, macht ruhig so weiter! 😉

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            • 8. September 2018 at 13:26
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              Danke! 🙂 Vielleicht müssen wir uns öfter mal kleine Kärtchen mit Lob und Zuspruch schicken, wenn wir hier regelmäßig an unseren Besprechungen zweifeln! 😀 Ich finde deine nämlich immer sehr genial auf den Punkt und beneide dich darum, dass du das immer so eloquent und souverän und informativ in einen Text bekommst! *auch so ein Daumen-Hoch-Dings*

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              • 11. September 2018 at 9:06
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                Ihr macht das alle wunderbar und fangt bloß nicht an, an Euren Rezensionen etwas zu kürzen oder zu verlängern, die zu ändern oder anzupassen. Jeder hat seinen individuellen Stil und das passt auch so. Nur deswegen fühlt sich das Lesen eurer Rezensionen ja so gut an – weil es authentisch ist, weil es genau so ist, wie ihr seid.

                Und zu Falken jagen… ja, wir sind da wohl alle gleich. Ich würde jetzt tendenziell auch erst mit dem ersten Teil beginnen wollen. Ich wusste aber nicht, dass der schon soooo alt ist. Also vielleicht schafft es dann bei mir doch eher Falken jagen gelesen zu werden.

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                • 11. September 2018 at 9:12
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                  Mehr Honig!! 😀 Nein, aber sehr schön gesagt, du hast völlig recht, man macht sich auch manchmal einfach zu viel einen Kopf und dann wird es nur komisch. Also, weitermachen. Du übriges auch, genau so bitte! 😉

                  Ja, mich hatte das Veröffentlichungsjahr von »Farang« auch überrrascht, wow, dachte ich mir, da ist inzwischen aber viel Wasser durch sämtliche Flüsse geflossen. Mit 30 Jahren auf dem Rücken hat so ein Roman schon noch einmal einen anderen Reiz. 🙂

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