S. Craig Zahler – Wie Schatten über totem Land

Ein Western wie auf der Kinoleinwand, so kommt »Wie Schatten über totem Land« von S. Craig Zahler daher und wusste mich damit gleichzeitig zu überraschen und auch richtig gut zu unterhalten.

Sicherlich arbeitet der Roman mit vielen bekannten Elementen, bringt aber gerade zum Ende und mit seiner Hintergrundgeschichte eine Note mit ins Spiel, die durchaus auch auf eine emotionale Schiene setzt und zwischen Schuld, Sühne und Vergeltung einen bildgewaltigen und temporeichen Western präsentiert, der nichts für Mimosen ist.

 

Worum geht es?

Es ist eine Figurenkonstellation und eine Ausgangssituation, wie man sie durchaus auch von Joe R. Lansdale oder Percival Everett kennt. Eine Gruppe verschiedenster und vor allem markanter Charaktere findet sich zusammen, um ein in Not geratenes Mitglied der Gemeinschaft zu retten.

In Not geraten sind in »Wie Schatten über totem Land« die zwei Schwestern Dolores und Yvette. Zu ihrer Rettung eilen herbei ihr Vater, ihre zwei Brüder, ein Revolverheld, ein Schwarzer, ein Indianer und ein Gentleman. Wieso, weshalb und warum die Schwestern entführt wurden und welche Umstände ihre Rettung begleiten, das will ich an dieser Stelle gar nicht weiter ausführen. Denn das dröselt der Roman so schön über die Handlung verteilt auf, dass das der geneigte Leser selbst nachvollziehen sollte.

 

Vorhang auf: Das Ensemble

Das klingt erstmal ganz fürchterlich plattitüdenhaft. Macht aber nichts. Und wenn ich jetzt kurz jede Figur in ihrem Wesen umreiße, käme man sogar auf das gleiche Ergebnis. Denn der Vater ist selbstverständlich der große, finstere, vollbärtige Mann, der seine Töchter innigst liebt. Der Revolverheld und ehemalige Partner des Vaters ist dann der kaltherzige und kompromisslose Scharfschütze. Der Schwarze ist der beste Freund des Vaters, der Indianer wortkarg und mit alten Riten vertraut, auch ein Freund der Familie.

Dann die beiden Brüder, der eine, der noch seine Grenzen austesten muss, der andere, der besonnen ist und seine Grenzen längst kennt. Zuletzt der gebildete Gentleman, ein wenig steif, aber guten Herzens, das Lamm in der Gruppe und die Figur, die mit die größte Entwicklung durchmachen wird.

Außerdem dabei sind auch ein mexikanischer Balladensänger und selbstverständlich zahlreiche Bösewichte, wobei sich hier im Laufe der Handlung zeigen wird, dass das mit Gut und Böse nicht immer so eine klare Sache ist und egal auf welche Seite des Gewehrlaufs man sich befindet, man reinen oder schmutzigen Herzens sein kann.

 

Howdy Rowdy!

Schmutz ist dann auch das Stichwort, denn »Wie Schatten über totem Land« zeichnet sich neben seinen Akteuren auch durch seinen brutalen Charakter aus. Man kann sich stellenweise durchaus streiten, ob nun jede Szene en detail notwendig gewesen wäre. Letztlich hat S. Craig Zahler hier aber einen Stil gewählt und diesen konsequent durchgezogen, auf den ich mich zu Beginn auch erst einlassen musste, den ich aber dann als sehr stimmig empfand und der auch tatsächlich zu der Handlung, der Geschichte gepasst hat und nicht bemüht wirkte.

Hier zeigt sich dann auch gerade in den Kampfszenen nochmal die Stärke des filmischen Erzählens von S. Craig Zahler. Denn egal ob die Verfolgungsjagden zu Pferde mit Gewehrschüssen rechts und links und über die Schulter und in den Hinterkopf oder Belagerungszustände mit verhärteten Fronten, explodierendem Dynamit oder einfach nur brechende Knochen und berstende Schädel, das alles ist unglaublich dynamisch und lebendig erzählt. Man liest im Rhythmus der Hufschläge, Faustschläge und Explosionen.

 

Kein Ponyhof und ein Showdown

Gerade deshalb sollte man dann auch nicht allzu zimperlich sein. Alles was der menschliche Organismus an Körperflüssigkeiten zu bieten hat, wird in »Wie Schatten über totem Land« über kurz oder lang auch fließen. Außerdem gibt es reichlich Schweiß und Dreck, dicke schwitzende Bäuche und schlechten Atem. Das ist nicht immer angenehm, aber letztendlich war der Wilde Westen, die Handlung spielt übrigens im Jahr 1902, auch kein Ponyhof.

Ähnlich wie der im Genre kaum verzichtbare und hier fast schon episch geratene Showdown ist auch der leicht flapsige Unterton in manchen Dialogen und Szenen vertreten, da entbehrt einiges nicht einer gewissen Komik. Es hält sich aber im Rahmen, es entschärft ab und an einige Situationen, verwässert aber nicht die sonst eher harte Gangart.

Alles in allem war ich also überrascht und hatte nicht unbedingt erwartet, dass die Figuren am Ende so gut funktionieren würden, aber sie sind cool zusammen. Und auch wenn es sich um Prototypen des Westerngenres handelt und das Rad hier nicht neu erfunden wird, bringt S. Craig Zahler seine ganz eigenen Stärken in diesen Western-Stil mit ein.

 

 

Fazit: Man bekommt in »Wie Schatten über totem Land« eine schön komponierte, figurenreiche, actiongeladene Geschichte, die mit viel Tempo erzählt wird, die, wenn man sich darauf einlässt, einen gefuchst unterhalten kann, die aber auch nicht mit Blut und Staub spart und durchaus was für Freunde der härteren Gangart ist. Ich habe den Roman nach einer kleinen »Eingewöhnungsphase« (Wo will er hin?) wirklich mit großer Freude gelesen, hatte Spaß an dem leinwandwürdigen Erzählstil und fühlte mich am Ende schlicht extrem gut und gekonnt unterhalten.

 

 


© Luzifer Verlag
S. Craig Zahler – Wie Schatten über totem Land

Originalausgabe »Wraiths of the broken land« (2015)

übersetzt von Madeleine Seither

Dezember 2017 im Luzifer Verlag

Klappenbroschur | 422 Seiten | 13,95 EUR

Genre: Western, Thriller

Reihe: Einzelband

Schauplatz: USA/Mexiko
 

 

Weitere Besprechungen zu »Wie Schatten über totem Land« u.a. bei:

Der Blog der Schurken: »So viel Dunkelheit und Röte muss der Leser ertragen. Und wird dafür mit einer brutalen, flotten Westernstory im Vollgalopp belohnt.«

Buchwurm: »Wer Genre-Schubladen liebt, die das Risiko mindern, womöglich zu einem Buch zu greifen, das nicht festen Lesegewohnheiten entspricht, wird entweder enttäuscht oder – überrascht reagieren: Der Blick über den gewohnten Lektüre-Tellerrand kann durchaus erfreulich sein!«

 

 

2 Kommentare zu “S. Craig Zahler – Wie Schatten über totem Land

  • 25. Mai 2018 at 0:22
    Permalink

    Dein erster Zahler, richtig? Freut mich, dass er dir mit seinem eigenem Stil gefallen hat! Muss dieses Buch auch endlich mal lesen. Es ist auf jeden Fall schon hier eingezogen 😀

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    • 25. Mai 2018 at 8:29
      Permalink

      Ja, als wir im letzten Jahr unseren Suhrkamp/Pendragon-Monat hatten, wollte ich “Die Toten der North Ganson Street” eigentlich lesen, habe es dann aber nicht mehr geschafft. Somit war dann dieser hier unser Debüt. 🙂

      Reply

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