Richard Stark – The Hunter

Hardboiled The Hunter Richard Stark Zsolnay Verlag

Ich meine, das ist schon ganz schön frech. Da kommt dieser Typ nach New York City und meint, sich mit dem Syndikat anlegen zu können. Parker heißt er, haupt- und freiberuflich Räuber, arbeitet nur für sich selbst, einmal im Jahr ein Überfall, und wenn das Geld knapp wird, plant er den nächsten Raub. Er hat kein festes Team, arbeitet ungern mehrmals mit den gleichen Leuten und nur mit denen, die er für kompetent hält. Das Syndikat, die Mafia, interessiert ihn eigentlich nicht. Bis ein Geschäft nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat und irgendjemand dafür den Kopf hinhalten muss. Warum also nicht die Mafia.

 

Mit Parker ist nicht zu spaßen

Man kann sich das so vorstellen: Das Syndikat kontrolliert von der Ost- bis zur Westküste der USA den Handel mit Drogen, den Schmuggel von Zigaretten und den Vertrieb anderer Waren und Güter illegaler Natur. Das ist ein großes, gut organisiertes Netz, wie eine riesige Firma mit Niederlassungen in jeder größeren Stadt der Vereinigten Staaten. Das läuft soweit. Bank- oder andere Raubüberfälle interessieren das Syndikat eigentlich nicht, was die Kleinganoven treiben, ist deren Bier. Man lässt sich in Ruhe und koexistiert. Doch dann taucht Parker auf, ein einzelner Kerl mit einem Ego für Zehn und der Schlagkraft von dreien. Kein eleganter Gauner mit Witz und Charme, sondern ein Klotz von einem Typen, mit Pranken statt Händen, die keine Schusswaffen brauchen, um einen Mann dazu zu bringen, selbst die eigene Mama zu verraten. Und Parker, der ist nicht nur ein arroganter Mistkerl, sondern auch ein Rammbock, ein zorniger, wütender Rammbock. Wer letztlich stirbt, damit er bekommt, was ihm seiner Ansicht nach zusteht, ist ihm gleich, und jeder, der ihn auch nur minimal verärgert, kann im Prinzip seinen Hut nehmen.

Mat Resnick zum Beispiel, der hat besonders schlechte Karten. Ein geschwätziger Möchtegern-Mafioso, der dummerweise auf die Idee kommt, Parker zu linken. Und da wird Parker zum Hulk.

 

Ist nichts Privates.

Die Geschichte, die Donald Edwin Westlake hier unter seinem Pseudonym Richard Stark erzählt, ist in erster Linie sehr genial geschrieben. Sie ist schnell wie ein Film, zackig und auf den Punkt, vergeudet kein einziges Wort für Nebensächlichkeiten und fokussiert sich auf eine handvoll Figuren, die nicht groß beschrieben werden müssen, weil ihre Taten für sich sprechen. So bleibt auch Parker ohne Vornamen, ohne Vorgeschichte, es wird nicht erzählt, woher er kommt und warum er „auf die schiefe Bahn“ geraten ist. Im Prinzip gibt es auch keine schiefe Bahn, sondern einfach nur diese eine Realität, die der Verbrecher, Gangster und Gauner. Keine müden Erklärungsversuche, keine sentimentalen Geschichten, wieso, warum, weshalb. Und deshalb auch kein Vorname. Ganz im Ernst, was will man bei einem Typen wie Parker schon damit? Glückwunschkarten schreiben? Ganz sicher nicht. Und wie soll so ein Kerl auch schon heißen? Ron? Reginald? Frank? Nein, wirklich, Parker ist Parker, Punkt. Ist nichts Privates. Einzig seine Ex-Frau haucht seinen Namen ein einziges Mal, der Erzähler verbalisiert dies aber nicht und so bleibt es ungesagt.

 

Der Trotzkopf

Was mich beim Lesen überrascht hat, war die Tatsache, dass Parker für mein Empfinden an vielen Stellen in der Handlung überraschend kurzsichtig und impulsgesteuert handelt. Er ist nicht dumm und weiß, wie der Hase läuft, aber er ist undiplomatisch, kompromiss- und skrupellos. Unnachgiebig ist er auch. Bei Kindern würde man sagen trotzig. Alles Eigenschaften, die ihn zu einem schlechten Verhandlunsgpartner machen. Und es juckt mir in den Fingern, herauszufinden, wie lange er mit dieser Masche noch durchkommt. In diesem ersten Band war mir die Figur Parker zu überlebensgroß, aber Donald E. Westlake hat mit Parker trotzdem oder gerade deshalb eine überaus interessante Romanfigur erschaffen. Eine, die eigentlich keine Sympathien verdient. Ihr Autor dafür umso mehr.

Ich werde mir also zeitnah den zweiten Band der Parker-Reihe vornehmen. Das hier besprochene Buch „The Hunter“ ist der Auftakt zu der insgesamt 24-bändigen Reihe, 1962 im Original erschienen und 1968 erstmals in deutschsprachiger Übersetzung unter dem Titel „Jetzt sind wir quitt“. Die vorliegende Ausgabe ist eine Neuübersetzung aus dem Jahr 2015. Weitere deutschsprachige Bände findet man aktuell erst wieder ab Band 17 im Handel, dazwischen klafft derzeit eine Lücke. Die englischsprachigen Ausgaben sind aber lieferbar.

 

Jahrzehnte überdauern

Westlake selbst hat die Reihe in zwei großen Schüben geschrieben, von 1962 bis 1974 erschienen die ersten 16 Bände, nach einer über zwei Jahrzehnte andauernden Pause folgen dann von 1997 bis zu seinem Tod im Jahr 2008 weitere 8 Bände. Eine Figur, die über so viele Jahrzehnte gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und technische Veränderungen mitmachen darf, muss eigentlich das Herz eines jeden Serienliebhabers höher schlagen lassen.

 

Bewertung-4-SterneFazit: Erzählt wie ein Film, schnell und großartig und ohne unnötiges Beiwerk. Parker ist ein brutaler Mistkerl, arrogant, kompromisslos, unnachgiebig, ganz ohne Gangster-Pathos. Ein Räuber, der sich nimmt, was ihm seiner Ansicht nach zusteht. Ohne seinen Autor würde sich vielleicht niemand für seinen Vornamen interessieren.

Bewertung: 4,0 Punkte = 4 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 3/5
Polt-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 5/5 | Tiefe: 3/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | Ø 4,0 Punkte

 

 


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© Zsolnay Verlag

Richard Stark (Donald E. Westlake) – The Hunter

Originalausgabe »The Hunter« (1962)

aus dem Englischen übersetzt von Nikolaus Stingl

Februar 2015 bei Zsolnay

gebundene Ausgabe | 192 Seiten | 17,90 EUR

Genre: hard-boiled / Thriller

Reihe: Parker # 01

Schauplatz: New York City

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