Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

Abenteuerroman Das zerstörte Leben des Wes Trench Tom Cooper Ullstein Verlag

Der einarmige Shrimps-Fischer Lindquist sucht einen Schatz. Einen Goldschatz, Piratengold, einen echten Piratenschatz. Deshalb halten ihn die meisten Leute in der kleinen Fischergemeinde Jeanette im Sumpfdelta Louisianas für verrückt. Er ist auch ein bisschen eigen, das kann man schon sagen. Hat eine Vorliebe für Klopf-Klopf-Witze. Das macht heute wirklich keiner mehr. Und dank eines Armersatzes mit einem Haken vornedran kommt er neuerdings der Vorstellung eines Piraten, dessen Gold er sucht, schon recht nahe. Denn seine hochmoderne 30.000-Dollar-Prothese wurde ihm kürzlich geklaut. Und wehe, einer lacht!

 

Schätze

Nate Cosgrove und John Henry Hanson suchen auch einen Schatz, aber einen anderen. Einen grünen Schatz, zum Rauchen, grünes Gold, Gras. Das beste Marihuana im ganzen verdammten Süden.

Und die Zwillinge Victor und Reginald Toup wachen über beide Schätze. Über den grünen Schatz ganz wissentlich, denn den bauen sie auf ihrer Plantage in den Sümpfen der Barataria Bay an. Und ganz unwissentlich auch über das Piratengold, das irgendwo dort auf einer der vielen kleinen Eilande in der sumpfigen Erde verborgen liegen soll.

Wesley Trench dagegen sucht weder einen Schatz noch besitzt er einen. In seiner Realität ist kaum Platz für Schätze. Als vor 5 Jahren Hurrikan Katrina über den Südosten der USA herfiel und seine Mutter mit sich riss, blieb ihm nur ein mürrischer Vater, der vor Gram zu einem streitsüchtigen und grantigen Mann wurde. Wes ist 17, an den Schläfen schon ergraut und hilft auf dem Kutter seines Vaters aus. Die Zeiten sind schlecht für die Shrimps- und Austernfischer in der Bucht vor Louisiana. Im Frühjahr sank nach einer Explosion die Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko und verseuchte die Gewässer. Shrimps aus Louisiana will nun keiner mehr kaufen. In der ländlichen Region leben die meisten Menschen seit Generationen von der Fischerei, Armut und Arbeitslosigkeit gehen mit der Ölpest einher. Noch von den Auswirkungen Katrinas gebeutelt, müssen die Bewohner der Barataria Bay nun den nächsten Fausthieb auf ihre Existenz verkraften.

 

Mississippi

Aus all diesen Dingen baut Tom Cooper in seinem Debüt „Das zerstörte Leben des Wes Trench“ einen wirklich fantastisch erzählten Roman. Einen, der mit seiner Sprache besticht, mit den Bildern, die er von der Sumpflandschaft im Flussdelta des Mississippi River zeichnet. Und mit seinen Figuren, die allesamt originell sind und deren Geschichten voller Komik und Tragik die Handlung tragen.

Mehrere Erzählstränge treffen in der kleinen Gemeinde Jeanette aufeinander. Wes Trench und sein Vater, die sich kaum gegenseitig ertragen können. Der einarmige Lindquist, der auf der Suche nach so vielem ist. Die Zwillinge Toup, die ihre Marihuana-Plantage mit allen Mitteln verteidigen. Die beiden „Strolche“ Cosgrove und Hanson, die gelegentlich falsche Entscheidungen treffen. Uund Brady Grimes, ein Vertreter der Ölgesellschaft, der Unterschriften unter Verzichtserklärungen gegen geringe Abfindungsschecks tauscht. Autor Tom Cooper greift mit jeder Figur viele wichtige Themen auf, fügt diese aber derart schlüssig und natürlich zusammen, dass es an keiner Stelle überladen wirkt, sondern außerordentlich klar und harmonisch. Nicht in Bezug auf den Inhalt, die Figuren haben mit enormen Widrigkeiten zu kämpfen, aber erzähltechnisch ist die Geschichte sehr rund und sehr stimmig. Was letztlich auch so großes Lesevergnügen bereitet.

 

Bestandsaufnahme

Neben Hurrikan Katrina aus dem Jahr 2005 spielt auch die Ölpest von 2010 eine große Rolle, ebenso die wirtschaftliche Situation der Küstenregion Louisianas. Selbst die Cancer-Alley entlang des Mississippi River findet Erwähnung. Der Autor liefert mit diesem Roman also auch eine Bestandsaufnahme Louisianas ab. Die Probleme sind alle aus der Sicht der Einwohner erfasst, aus ihrem Alltag heraus.

Im Original lautet der Buchtitel „The Marauders“, zu deutsch „Die Plünderer“ und das trifft den Kern der Geschichte um vieles besser als der jetzige deutsche Buchtitel. Der wirkt wie eine reine Marketingentscheidung, um auf den Zug von Veröffentlichungen wie „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ oder „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ aufzuspringen. Denn keinesfalls ist dieser Roman die Geschichte eines Einzelnen, wie der Buchtitel vermuten lassen könnte. Er ist eine Ensembleleistung. Eine Geschichte, die erst durch die Art und Anzahl ihrer Figuren einen Charakter bekommt und zu einem kompletten und so starkem Bild wird.

 

bewertung wortgestalt buchblog 5 sterneFazit: Eigentlich hat es Nic Pizzolatto (Autor von „Galveston“) bereits perfekt zusammengefasst: „Gauner, Romantiker und eine alles beherrschende Natur – Tom Cooper erzählt vom guten, alten Süden in einer ganz eigenen, fesselnden Sprache.“ Dem kann ich nichts mehr hinzufügen, exakt genau so ist es.

Bewertung: 4,6 Punkte = 5 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 5/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 5/5 | = 4,56 Punkte

 

 


Buchcover Das zerstoerte Leben des Wes Trench von Tom Cooper
© Ullstein Verlag

Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

Originalausgabe »The Marauders« (2015)

aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter Torberg

Februar 2016 bei Ullstein

gebundene Ausgabe | 384 Seiten | 22,00 EUR

Genre: Internationale Literatur

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Louisiana / USA

8 Kommentare zu “Tom Cooper – Das zerstörte Leben des Wes Trench

  • 7. März 2016 at 19:54
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    Eine gestohlene Prothese? Also, du machst mich jetzt schon leicht neugierig, vielleicht wage ich mich doch ran. Andrerseits hört es sich teilweise sehr politisch/wirtschaftlich an. Ich werde es einfach mal weiter beobachten.

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  • 7. März 2016 at 20:27
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    Den Schwerpunkt dieses Romans würde ich nicht im Politischen sehen, die Themen sind alle sehr natürlich verbaut, weil sie den Alltag der Figuren direkt betreffen. Ich habe mich nur so darüber gefreut, wie authentisch das alles wirkte, daher habe ich es in meiner Rezension vielleicht zu deutlich herausgehoben. Es ist eine tolle Mischung aus Unterhaltung und Ernst, man wird nicht gezwungen, sich mit dem Thema politisch auseinanderzusetzen, wenn man nicht will, das Buch lässt einem sozusagen die Wahl, ob man nur die unterhaltsame Story mitnimmt oder auch zwischen den Zeilen liest. Das trifft es vielleicht besser. 🙂

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  • 8. März 2016 at 10:30
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    Gut zu wissen, dann könnte es vielleicht doch etwas für mich sein. Jedenfalls hat es schon einen gewissen Reiz, wobei ich mir nach wie vor unsicher bin.

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  • 9. März 2016 at 12:17
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    Am Sonntag in den Krimi-Tipps von Miss Marple ist das Buch auch dabei, vielleicht hilft Dir ihre Sicht auf das Buch, das noch ein bisschen besser einzuordnen! 🙂

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  • 12. März 2016 at 15:54
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    Ok, jetzt hast du mich sehr neugierig gemacht. Ich werde das Buch im Auge behalten! Vielleicht gibt es ja mal eine günstigere Taschenbuch Version! (Oder der Osterhase bring es vorbei….)

    Liebe Grüße

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  • 13. März 2016 at 16:52
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    Ich denke, dass das Buch später bestimmt noch als Taschenbuch rauskommt. 🙂 Oder dem Hasen halt was flüstern. 😀

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  • 21. Februar 2017 at 16:16
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    Erst vor kurzem bei mir aus dem Regal gezogen und gedacht: Müsste ich auch mal irgendwann lesen. Deine tolle Rezension lässt den Titel im SUB ein bisschen höher rutschen. – Und auch wenn das zu einer „professionellen“ Besprechung nicht gehört: Finde das Cover des Buches einfach großartig. 🙂

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    • 21. Februar 2017 at 22:46
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      Hallo Stefan!

      Haha, das freut mich sehr, der Roman ist mir jetzt nach fast einem Jahr noch immer furchtbar sympathisch und wünsche ihm Leser über Leser! Aber das Buch schien im letzten Jahr relativ wenig Aufmerksamkeit bekommen zu haben, zumindest kam es mir so vor, kann aber auch getäuscht haben. In jedem Fall habe ich heute noch schöne Bilder von dieser Story im Kopf. Kann es an dieser Stelle also nur noch einmal auf das Herzlichste empfehlen! 😀

      Und danke fürs Kommentieren, schön, dich hier zu lesen!

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