Kriminell Gelesenes – Martin Krists Krimikritik

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Kolumne “Kriminell Gelesenes ” stellt der Autor Martin Krist regelmäßig zum Monatsende seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Dieses Mal mit dabei: Michael Connelly, Daniel Woodrell und Brian Panowich.


© Droemer Knaur Verlag
© Droemer Knaur Verlag

Michael Connelly – Götter der Schuld

»Götter der Schuld« werden die zwölf Geschworenen genannt, die im Gerichtssaal über die Schuld eines Angeklagten entscheiden. Nur was, wenn dieser unschuldig ist, Beweise dafür aber fehlen?

Vor diesem Dilemma steht Strafverteidiger Michael Haller, als er den Webdesigner und »digitalen Zuhälter« Andre La Cosse vertritt, der die Prostituierte Gloria Dayton ermordet haben soll. Hat er aber nicht, das wird Haller ziemlich schnell klar. Bloß: Wie kann er es beweisen? Ein kniffliger Job, und das, obwohl er genug um die Ohren hat, seit seine Tochter Hayley kein Wort mehr mit ihm spricht. Vor kurzem erst hat Haller für einen Mordverdächtigen einen Freispruch erwirkt, der, kaum dass er draußen war, eine junge Familie tötete – ausgerechnet die Freunde Hayleys. Seitdem kämpft Haller mit sich selbst und dem schmalen Grat seines Jobs »zwischen der Suche nach der Wahrheit und dem Bemühen, ein für den Mandanten vorteilhaftes Urteil herauszuschlagen. Das war nicht immer dasselbe«.

Es gab eine Zeit, da war jeder neue Roman von Michael Connelly ein Grund zur Freude. Leider ist das lange her, denn seit seine Harry Bosch-Krimis von Amazon Prime in Serie verfilmt werden, scheint es, dass sich Connelly, der auch die Drehbücher schreibt, mehr auf die visuellen Abenteuer Boschs konzentriert – als auf dessen literarische.

Waren die Fälle des LAPD-Ermittlers anfangs realistisch und authenthisch, was nicht zuletzt Connellys ehemaligem Job als Polizeireporter geschuldet war – für seine Reportagen wurde er sogar für den Pulitzer-Preis nominiert -, so sind sie mittlerweile meist einfallslos, nicht selten hanebüchen und noch häufiger lieblos runtergeschrieben.

Einzige erfreuliche Ausnahme bilden die Michael Haller-Romane, dessen erster Fall inzwischen auch verfilmt wurde – als »Der Mandant« fürs Kino. Gut, dass Connelly diesmal auf zu viel Privatgeplänkel verzichtet, denn das liest sich bei ihm aufgesetzt, künstlich, nicht selten absurd. Stattdessen liegt seine Stärke (sogar besser als bei einem Grisham) in dem raffinierten Schlagabtausch zwischen Verteidigern und Staatsanwälten vor Gericht. Auch wenn diesmal der Prozessausgang im Fall La Cosse früh zu erahnen ist und Connelly obendrein auf einen finalen Clou verzichtet, so ist »Götter der Schuld« dennoch ein solider, über weite Strecken spannender Gerichtsthriller.

Michael Connelly – Götter der Unschuld | erschienen bei Droemer | 19,99 €

 

Buchcover Tomatenrot von Daniel Woodrell
© Liebeskind Verlag

Daniel Woodrell – Tomatenrot

Daniel Woodrell ist Experte für den amerikanischen White Trash: den weißen Abschaum, der in Trailerparks haust, Kabelanschluss, Gasbrenner, Erdnussbutter, Wodka inklusive. Und Crank. Crystal Meth. »So ist das in unserer Welt«, sagt Sammy, »der einzigen Welt, die ich kenne.«

Doch Sammy möchte raus aus der Wohnwagensiedlung, endlich etwas besseres sein als ein Fließbandarbeiter in der Hundefutterfabrik. »Ich hatte mir schon immer gewünscht, für irgendjemand ein Held zu sein, ich weiß, das klingt ziemlich lahm, aber das hatte wirklich zu meinen Wünschen gehört.«

Sein Wunsch scheint wahr zu werden als er beim Herumstreunern Jamalee kennenlernt, eine neunzehnjährige Göre mit tomatenroten Haaren, die wie er den Traum vom besseren Leben träumt. Und sie hat einen Plan: Mit Hilfe ihres bildhübschen Bruders Jason möchte sie reiche Frauen ausnehmen – und mit deren Geld endlich Anteil haben am American Dream. Dummerweise steht Jason auf Männer, und das ist nur eines der Probleme, die sich den Jugendlichen stellen. Das größte Problem: Nur selten werden Träume wahr.

Wer die Romane von Daniel Woodrell kennt, weiß das. Immer wieder widmet er sich sehr eindringlich, rauh, wütend – manche behaupten: abgefuckt – den Abgründen des White Trash. Aber hey, soviel sollte klar sein: Der amerikanische Traum ist nun mal nicht für alle da.

»Ich schätze, ich mache einfach weiter und bringe die Tage rum, bis zu dem Tag, an dem ich alles so richtig vermassle und meine Zukunft zu Ende ist«, bedauert Sammy. Und vermasselt es danach so richtig.

Daniel Woodrell – Tomatenrot | erschienen bei Liebeskind | 20,00 €

 

Buchcover Bull Mountain von Brian Panowich
© Suhrkamp Verlag

Brian Panowich – Bull Mountain

Seit Generationen herrscht der Burroughs-Clan über das Waymore Valley. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, zu Zeiten der Prohibition, brannten sie Alkohol, später bauten sie Gras an, heute vertreiben sie Crystal Meth. Wer der Sippe in die Quere kommt, kriegt eine Kugel und ein anonymes Grab in den dichten Wäldern des Bull Mountain.

Einzig Clayton Burroughs hat den Absprung geschafft, mit seiner Familie gebrochen und versucht sich als Sheriff im Valley: Er lässt seine Brüder ihre Geschäfte treiben, sie lassen ihn als Gesetzeshüter gewähren. Ein zweifelhafter Frieden, der erste Risse bekommt, als FBI-Agent Holly Claytons Hilfe sucht. Holly hat sich einen Namen als erfolgreicher Verbrecherjäger gemacht, und jetzt will er die Wälder von Bull Mountain ein für allemal ausräuchern.

Brian Panowich belässt es in seinem Roman nicht bei dem Kampf zwischen Gut und Böse. In wechselnden Perspektiven und Zeitebenen flechtet er die jahrzehntelange Geschichte des Burroughs-Clans ein, aber auch die Schicksale vieler Menschen, die die Wege der Familie kreuzen. Mehr als einmal fragt man sich als Leser, was zum Teufel diese Fülle an bewegenden Biografien bezwecken soll, bis sie sich unvermittelt – auf Seite 227, zack! – alle miteinander zum großen Ganzen vereinen.

Ich liebe sowas. Deshalb: Mein Highlight des Monats.

Brian Panowich – Bull Mountain | erschienen bei Suhrkamp | 9,99 €

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

4 Kommentare zu “Kriminell Gelesenes – Martin Krists Krimikritik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.