Leonie Swann – Gray

»Gray« heißt der jüngste Roman der Autorin Leonie Swann, die vor 12 Jahren mit ihrem Schafskrimi »Glennkill« einen Beststeller schrieb. Fünf Jahre später veröffentlichte sie dessen Fortsetzung »Garou«, 2014 folgte »Dunkelsprung«, ein märchenhaftes, phantastisches Werk.

Nun erschien in diesem Frühjahr wieder ein Kriminalroman, wieder mit Tier. Allerdings anders, als in »Glennkill«. Während dort die sprechenden Schafe fast parabelgleich den Menschen in seinem Wesen entlarvten, nimmt hier der titelgebende Graupapagei »Gray« eine weniger vermenschlichte Rolle ein.

 

Ein toter Student in Cambridge

Die Geschichte ist ein relativ klassischer Whodunit im Mikrokosmos der englischen Universitätsstadt Cambridge. Dort stürzt ein Student in den Tod, der insgesamt wenig beliebt, aber vermögend war, zudem als versierter Fassadenkletterer galt und besagten Graupapagei hinterlässt, mit dem er Sprach- und Verhaltensstudien durchführte. Dr. Augustus Huff, Tutor des Verstorbenen und Dozent an der Universität, wird zum temporären Betreuer des Vogels und versteift sich auf die Theorie, hier habe ein Mord stattgefunden und dieser sei aufzuklären. Fortan dreht sich die Handlung in einem relativ engen Radius um diese Ermittlungen.

Das Figurenensemble, das in erster Linie als Verdächtigenzirkel dient, ist überschaubar, die Ermittlerfigur in Form des zwangsneurotischen Anthropologen Dr. Augustus Huff und seinem Sidekick Gray irgendwie sympathisch und irgendwie verschroben, aber auch irgendwie bekannt, irgendwie vertraut, irgendwie Schema X. Dadurch wurde es mir bezeiten recht monoton ums Herz. Die Figuren folgen relativ isoliert der Handlung. Fast wie auf einer Theaterbühne bleibt die Kulisse statisches Beiwerk, das Flair der altehrwürdigen Universität will bei mir nicht so richtig wirken. Der Roman geht weder groß in die Breite noch in die Tiefe, im Fokus steht die Suche nach einem Mörder. Es gibt Theorien, Verdächtigungen, Fundstücke, Hinweise. Das alles kann eigentlich eine Menge Spaß bringen, hat mich hier aber nicht abgeholt.

 

Vermisste Wortkunst

Ich habe das Originelle vermisst, das Leonie Swanns Romane für mich bisher ausmachte. Besonders der sprachliche Charme, das Spiel mit Worten, mit feinen Beobachtungen und das Talent, diese in treffende Wendungen zu verpacken. Indirekt spielt dieser Roman zwar mit der Sprache, in der Rolle des Graupapageien Gray, der ein außerordentliches Talent für den pointierten Gebrauch der von ihm erlernten Wörter und Phrasen an den Tag legt. Aber die gewohnten kleinen Extravaganzen im Schreibstil und die Art, wie die Autorin Dinge formuliert, fehlten mir hier. Gerade die waren es, die mich auch in »Dunkelsprung«, dem letzten Roman von Leonie Swann, begeistern konnten.

Trotz alledem hat der Roman einige rührend-komische Momente und bietet, in gewohnt ruhiger Art, eine sehr freundliche und liebevoll erzählte Kriminalgeschichte.

 

Fazit: Ein zwangsneurotischer Anthropologe und ein Graupapagei mit Gespür für Timing ermitteln auf dem Campus der Cambridge Universität, von Leonie Swann gewohnt ruhig und aufmerksam erzählt. Mir fehlte allerdings der stilistische Charme, wie zuletzt in »Dunkelsprung« und auch die recht schmalen bis stereotypen Charakterzeichnungen haben beim Lesen für wenig Freude gesorgt.


In Zahlen: Stil: 3/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 3/5 | Figuren: 3/5 | Plot-Entwicklung: 2/5 | Tempo: 2/5 | Tiefe: 3/5 | Komplexität: 3/5 | Lesespaß: 3/5

 


© Goldmann Verlag
Leonie Swann – Gray

Originalausgabe

Mai 2017 bei Goldmann

Hardcover | 416 Seiten | 20,00 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Cambridge/England

 

 

 

 

5 Kommentare zu “Leonie Swann – Gray

  • 1. August 2017 at 16:17
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    Hey Philly,

    schade, dass es dir nicht so gut gefallen hat. Ich hab das Hörbuch gewonnen und werde daher der Geschichte lauschen. Glennkill mochte ich ja auch super gern, aber mit Garou konnte ich ja schon nichts mehr anfange. Das Buch hätte ich mir ohne Gewinn wohl nicht angeschaut. Aber wer weiß, vielleicht sagt es mir doch zu 🙂

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    • 1. August 2017 at 16:26
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      Hi Julia,

      mit »Garou« ging es mir ganz ähnlich, dafür war »Dunkelsprung« wieder richtig schön. Vielleicht muss das so im Wechsel. 😉

      Bin gespannt, wie es dir gefällt, im Hörbuchformat ist es ja auch nochmal ein anderes Erleben. Liest wieder Andrea Sawatzki?

      Liebe Grüße!

      Reply
      • 3. August 2017 at 8:08
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        Nein, diesmal sind es Bjarne Mädel (den ich ebenso wenig mag wie Andrea Sawatzki :D) und Christopher Heisler

        Reply
        • 4. August 2017 at 12:03
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          Das ist natürlich ungünstig. 😀 Ich finde seine Stimme ganz angenehm, auch Andrea Sawatzki fand ich als Stimme für die Romane ziemlich cool, aber das ist auch immer Geschmackssache, wenn man jemandem für eine längere Zeit zuhören will/soll. Inzwischen höre ich Hörbücher auch nur noch sehr sehr selten, es mangelt dann doch meist an Gelegenheit.

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