Janis Otsiemi – Libreville

Laut den Vereinten Nationen gibt es etwas über 190 Staaten auf diesem Planeten. Nur einen Bruchteil davon kann ich vermutlich benennen, noch weniger wahrscheinlich auf einer Landkarte abstecken. Das liegt weniger an meinen bescheidenen Geografiekenntnissen als vielmehr an der eigenen Wahrnehmung. Die ist relativ eingeschränkt. Politisch nicht so stark, aber kulturell in jedem Fall. Umso größer mein Bestreben, auch mittels (Kriminal-)Literatur möglichst breit und quasi kosmopolit zu lesen. Kosmopolit klingt furchtbar altmodisch, aber nun.

 

Ein Kriminalroman aus Gabun

Der Polar Verlag ermöglicht mit seiner jüngsten Veröffentlichung »Libreville« ein solch weltoffenes Lesen, denn Autor Janis Otsiemi ist Gabuner, Libreville die Hauptstadt von Gabun und Schauplatz dieser Kriminalhandlung.

Ein Kriminalroman aus Gabun also. Allein das und der Umstand, dass es einen Verlag gibt, der diese Literatur zu uns bringt und lesbar macht, sind Gründe, »Libreville« zu bejubeln, und zu kaufen. Das mag so leichtfertig dahergesagt klingen, einen Roman aufgrund seines Schauplatzes zu lesen, aber genau das sollte man hier tun. »Libreville« ist in meinen Augen kein kriminalliterarischer Meisterwurf, er war für meine Erfahrungen weder besonders geschickt geplottet noch war er stilistisch ein Ereignis. Aber das ist egal.

Dieser Roman hat etwas ganz anderes, er hat etwas unverbrauchtes, etwas unverfälschtes, er wurde nicht »produziert«, er wurde geschrieben. Weil sein Autor etwas erzählen wollte, weil es etwas zu erzählen gibt, weil es nötig ist, dass man seinen Blick weitet, seinen Kopf öffnet für einen Roman wie diesen, der einem ein Land ins Bewusstsein rückt, das zwischen all den kurzen Nachrichten aus den annähernd 200 Staaten dieser Welt oft nicht mehr ist als eine Randnotiz. Allein für dieses Bewusstsein sollte man diesen Roman lesen, ihn schätzen, sein Verlegen fördern.

 

Eigene Maßstäbe

»Libreville« hat also etwas weitaus wertvolleres als einen raffinierten Plottwist oder einen phänomenalen Stil. Er ist echt. Schon lange habe ich keinen Kriminalroman mehr gelesen, der so wenig inszeniert wirkte, so wenig kalkuliert. Der dabei ohne große Gesten auskommt, sich quasi darin versucht, klassische Kriminalromane in ihrem Grundgerüst zu imitieren, dabei aber über sie hinauswächst, weil er ganz eigene Maßstäbe hat.

 

Autor und Reiseleiter

Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, »Libreville« hätte außer der Tatsache, dass er aus Gabun stammt, nichts zu bieten. Denn auch wenn der Roman stilistisch nicht durchweg eine Schönheit ist, ist er sprachlich interessant. Janis Otsiemi wechselt zwischen fast schon poetisch anmutenden Beschreibungen von Tagesanbrüchen zu nüchternen und von lexikonartiger Sachlichkeit geprägten Erklärungen seiner Heimat. Das wirkt einerseits immer wieder wie ein Bruch, andererseits ist es ein spannender Kontrast.

Eben noch schwelgt Otsiemi in der Stimmung eines heranbrechendes Tages, nur um im nächsten Absatz in ganz unsentimentalen Exkursen über historische und politische Gegebenheiten zu referieren. An diesen Stellen bekommt man den Eindruck, der Autor unterbricht sich selbst in seiner Geschichte, um kurz für Außenstehende die Fakten und Eck-Daten zu erklären. Otsiemi wird damit zugleich Autor und Reiseleiter. Und unterstreicht damit unbewusst den Charakter seiner Erzählung.

Und auch wenn ich keine dieser Erklärungen hätte missen wollen, weil sie alle durchweg lehr- und aufschlussreich waren, richtig homogen wirkte das in seiner Gesamtheit noch nicht.

 

Lokale und globale Themen

Eine große Stärke in »Libreville« sind die Themen, die der Roman verarbeitet. Otsiemi schreibt über soziale Strukturen, blickt kritisch auf das politische System und seine Auswirkungen auf den Alltag. Rund um die Arbeit von vier Polizeibeamten aus Libreville baut sich ein Bild vom Leben in der Hauptstadt Gabuns auf, das einem sowohl bekannte Probleme als auch Ansätze von deren Ursachen zeigt.

Pierre Koumba und Jacques Owula von der Kriminalpolizei ermitteln in einem Fall von Fahrerflucht mit Todesfolge, Louis Boukinda und Hervé Envame von der Gendarmerie versuchen den Mord an einem Journalisten aufzuklären. Der Klappentext hat hier fälschlicherweise die vier Ermittler auf zwei Figuren eingestampft, davon nicht irritieren lassen.

Mittels dieser Untersuchungen greift der Autor Themen aus der Politik und Wirtschaft, Probleme mit den Wahlen, mit Korruption und Polizeigewalt auf. Er geht mit seinen Figuren aber auch rein in die Viertel der Stadt, zeigt die Strukturen der Gesellschaft. Das alles passiert angenehm uninszeniert, eine klare Beobachtung und Beschreibung des Alltags in der Hauptstadt Gabuns, sehr echt und unversetzt.

 

Fazit: Der Gabuner Dichter, Essayist und Kriminalautor Janis Otsiemi ist eine interessante Stimme aus einem Land, das sonst kaum auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vertreten ist. »Libreville« ist einer der echtesten, uninszeniertesten Kriminalromane, den ich seit langem gelesen habe.

Bewertung: 3.9 Punkte = 4 Sterne

Stil: 3/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 3/5 | Figuren: 4/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 4/5 | Tiefe: 4/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 4/5 | = 3.9/5.0

 


© Polar Verlag
Janis Otsiemi – Libreville

Originalsausgabe »African Tabloid« (2013)

übersetzt aus dem Französischen von Caroline Gutberlet

März 2017 im Polar Verlag

Klappenbroschur | 244 Seiten | 14,00 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Gabun

 

 


Weitere interessante Beiträge zum Buch gibt es unter anderem bei:

KrimiLese»Insgesamt unterscheidet sich Janis Otsiemi angenehm von südafrikanischen Autoren wie Mike Nicol mit dessen brutalen Gewaltorgien.«

Polar GazetteJanis Otsiemi im Interview mit Alf Mayer

DeutschlandfunkKritikerinnengespräch mit Katja Bohnet, Dina Netz und Antje Deistler

4 Kommentare zu “Janis Otsiemi – Libreville

  • 2. Mai 2017 at 14:51
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    Deine Rezension gefällt mir gut, zumal ich es ähnlich empfunden habe (meine Besprechung kommt im Laufe des Mais). Stil und auch Krimihandlung sind eher Mittelmaß, aber Darstellung der Verhältnisse in seiner Heimat, auch über die Figuren, ist Otsiemi gut gelungen.

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    • 2. Mai 2017 at 16:35
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      Danke! Und spannend zu hören, dass Du es beim Lesen ähnlich wahrgenommen hast. Ich wäre sehr gespannt darauf, zu sehen, wie sich der Autor entwickelt. Hoffe, dass wir dazu die Möglichkeit bekommen!

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  • 17. Mai 2017 at 22:04
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    Dank Borussia Dortmund kenne ich Gabun und dachte trotzdem Libreville wäre ein eigenes Land. So kann man sich täuschen 😀
    Ich finde es sehr spannend was du über den Schreibstil erzählst. Ich muss mal eine Leseprobe suchen und reinlesen.

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    • 18. Mai 2017 at 8:18
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      Haha, stimmt, im Sport begegnen einem auch viele verschiedene Nationen, da bin ich ja nur leider total raus, außer einer früheren Episode im Wintersport habe ich nie Sport im Fernsehen/Stadion geschaut, und auch beim Wintersport waren die teilnehmenden Länder eher die üblichen Bekannten. Fußball ist da ja schon deutlich globaler. 🙂

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