Kriminell Gelesenes im April 20.17

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Gast-Kolumne »Kriminell Gelesenes« stellt der Autor Martin Krist hier regelmäßig zum Monatsende seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Dieses Mal mit dabei: James Rayburn, John Grisham, Marlon James und Ivo Pala.


© Tropen

James Rayburn – Sie werden dich finden

Die CIA hat ihren Ehemann getötet, deshalb hat CIA-Killerin Kate Swift über die schmutzigen Machenschaften ihres Arbeitgebers ausgepackt. Das wiederum hat Strippenzieher Lucien Benway den Job gekostet, der seither Jagd auf die untergetauchte Whistleblowerin macht. Als Kate einen Amoklauf an der Schule ihrer Tochter vereitelt, fliegt ihre Deckung auf. Erneut ergreift sie die Flucht, doch diesmal, so beschließt sie, soll es das letzte Mal gewesen sein.

Aufgepaßt: James Rayburn ist (nach Max Wilde) ein weiteres Pseudonym von Roger Smith, der berüchtigt ist für seine kompromisslosen, brutalen Südafrika-Thriller. Als Rayburn hat er sich offenbar auf Agententhriller verlegt – und das gleichermaßen ohne Schnörkel und ohne Rücksicht, aber mit unverhohlener Kritik an »Amerika und seine Rekrutierungen und Denunzierungen, seine verdeckten Operationen und seine Drohnen und seinen endlosen, gigantischen, Coca-Cola-befeuerten Kreuzzug, seinen Bodentruppen und seinen Stellvertreterarmeen – den Plünderern und Vergewaltigern und Irren, die gerade genehm waren und für seine Zwecke eingespannt und bewaffnet und losgeschickt wurden, um schon eine Woche später verleugnet zu werden, und die sich so sicher, wie sich die Erde um die eigene Achse dreht, gegen ihren früheren Freund und jetzigen Feind wenden und hassen würden, hassen, hassen, hassen.«

Freilich erfindet Smith aka Rayburn damit das Genre-Rad nicht neu, und wirklich tiefgründig ist »Sie werden dich finden« auch nicht. Wer darüber hinwegsieht, bekommt einen wendungsreichen, deshalb flotten Popcorn-Thriller für einen verregneten Sonntagnachmittag.

James Rayburn – Sie werden dich finden | Tropen bei Klett-Cotta | Euro 14,95

 

 

© Heyne

John Grisham – Bestechung

Kein anderer Autor legt vehementer seine Finger in die Wunde der US-Justiz. Und keiner verstand es besser, seine Kritik am amerikanischen Rechtssystem in aufwühlende Geschichten zu kleiden. Doch das ist lange her. Zwar spart John Grisham nach wie vor nicht mit Tadel, seiner Erzählkunst allerdings geht inzwischen jedwede Spannung ab.

»Heutzutage kämpfen wir gegen den Terror«, lässt er diesmal einen FBI-Agent erklären, »wir überwachen Schläferzellen und amerikanische Teenager, die mit Dschiahdisten chatten, spüren radikale Idioten aus den eigenen Reihen auf, die versuchen, sich die Zutaten für eine Bombe zu beschaffen. Das hält uns ganz schön auf Trab.«

Soweit zur Moral der neuen Grisham-Geschichte, und dass deshalb hausgemachte Verbrechen allenfalls von kleinen, chronisch unterbesetzten Regierungsbehörden bekämpft werden müssen. Wie zum Beispiel von der Rechtsaufsichtsbehörde in Florida, der ein Whistleblower Informationen über eine korrupte Richterin steckt. Lacy Stoltz und ihr Partner Hugo Hatch nehmen Ermittlungen auf, ohne zu ahnen, dass sie sich, ganz David gegen Goliath, mit einem großen Verbrecherorganisation anlegen.

Das bietet durchaus Stoff für einen guten Thriller, doch wie schon zu oft in jüngster Vergangenheit verliert sich Grisham einerseits in ausufernde Nichtigkeiten, die kaum zur Handlung beitragen, andererseits in juristisches Prozedere, das überhaupt nichts zur Geschichte tut. Zwar mag alles von ihm fundiert recherchiert worden sein, da er seine Figuren ansonsten aber zur bloßen Staffage degradiert, dümpelt der Roman handlungs- und spannungsbefreit dahin.
Wenn überhaupt kann man ihn als Dokumentation durchgehen lassen, aber selbst dafür bleibt »Bestechung« schlußendlich zu fade, sodass man nach 446 Seiten ernüchtert zuklappt, vorausgesetzt man hat es nicht schon vorher gelangweilt abgebrochen.

John Grisham – Bestechung | Heyne Verlag | Euro 22,99

 

 

© Heyne Hardcore

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Alles andere als kurz ist diese Geschichte, und ebenso wenig ist sie einfach gestrickt. Gleichwohl die Handlung in wenigen Sätzen erklärt werden kann: Am 3. Dezember 1976 stürmen sieben Männer in Bob Marleys Haus in einem jamaikanischen Nobelviertel. Während der Sänger bei dem Attentat nur leicht verwundet wird, überleben seine Frau und sein Manager schwer verletzt. Wie konnte es zu dem Mordversuch kommen, und was wurde eigentlich aus den sieben Tätern?

Auf der Suche nach Antworten bedient sich Autor Marlon James, selbst auf Jamaika großgeworden, der Perspektiven mehrerer Figuren, Bandenbosse, Gang-Mitglieder, CIA-Agenten, Marleys Liebschaften und ein Reporter des Rolling Stone. Im ständigen Wechsel dürfen sie erzählen, was am Tag des Mordversuchs, einen Tag zuvor und schließlich viele Jahre danach geschah.

Das liest sich dank der unterschiedlichen Charaktere, ihrer Armut, Skrupellosigkeit und Brutalität, die in Jamaika damals herrschten, sehr eindringlich, erhellend, erschreckend. Zugleich erfordert es allerdings auch vollste Aufmerksamkeit. Und obendrein Recherche nebenher, denn das Wissen um die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe setzt Marlon James voraus. Damit nicht genug, verliert er wiederholt seine eigentliche Suche nach Antworten aus den Augen, während er seitenlang und überflüssig Leben und Schicksal mehr oder weniger unbeteiligter Personen schildert.
Fazit: Ein wuchtiges Werk, für das man sich Zeit und Geduld nehmen sollte, nein, muss.

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden | Heyne Hardcore | Euro 27,99

 

 

© Likedeeler

Ivo Pala – Die Tote im Räucherofen

Zu guter Letzt ein E-Book-Tipp. In seine Heimat an der Ostseeküste Vorpommerns straf-, sieht sich Kommissar Fuchs gleich mit seinem ersten Fall unangenehm in die Vergangenheit zurückversetzt: Seine Jugendliebe Frauke liegt verbrannt im Räucherofen. Dass sich seine Kollegin Haas als eine pendantische Beamtenseele entpuppt, macht die Ermittlungen des bisweilen freigeistigen Polizisten in der verschworenen, aber nicht minder intriganten Küstengemeinde nicht einfacher.

Ein altes Küstensprichwort besagt, es gibt drei Arten von Menschen: Lebende, Tote und solche, die zur See fahren. Und dann gibt es noch Schriftsteller wie Ivo Pala, die sich daraus einen Heidenspaß machen. Mit »Die Tote im Räucherofen« bietet er einen skurrilen Mord, ein kauziges Ermittlerpaar, nordisch-trockenen Humor – außerdem ganz viel Liebe zum Meer. Die besten Zutaten also für einen amüsanten, spannenden, atmosphärisch dichten, kurz: gelungenen Küstenkrimi.

Ivo Pala – Die Tote im Räucherofen | Likedeeler | Euro 7,99

 

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

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