Gary Victor – Schweinezeiten

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»Schweinezeiten« ist ein Kriminalroman, den ich in dieser Art auch noch nicht gelesen habe. Genau deshalb schätze ich kleine Verlage als so wertvoll, da man dort immer wieder diese Raritäten entdecken, leider aber auch genauso oft übersehen kann. Da hilft nur ein gutes literarisches Netzwerk, das solche Empfehlungen weiterträgt.

 

Schauplatz Haiti

Denn ein Kriminalroman, der nicht nur auf Haiti spielt, sondern auch von einem haitianischen Autor verfasst wurde, das kommt einer Kostbarkeit gleich, wenn man so wie ich bestrebt ist, als angejahrte Dame irgendwann einmal aus jedem Land der Welt einen Kriminalroman gelesen zu haben.

Und dabei geht es mir um Kriminalromane von Autoren, die auch tatsächlich in dem jeweiligen Land leben, dort aufgewachsen sind, verwurzelt sind mit der Kultur und dem Alltag, aber auch mit der Geschichte, den Traditionen. Autoren, die ihr Land so erleben, wie es ist und auch die sozialen und politischen Umstände berücksichtigen. Ich möchte keine exotischen Schauplätze durch die Easy-Going-Urlaubsbrille entdecken, hier geht es mir um den Blick hinter die Tourismusfassade. Ich will ein Land und seine Gesellschaft zwischen den Zeilen finden, kein Holiday-Crime. Nicht, dass solche Romane nicht auch ihren Reiz haben, darauf will ich gar nicht hinaus, aber für dieses spezielle Vorhaben, als betagte Greisin von jedem Land der Welt einen Kriminalroman im Regal zu haben, da sind die Ansprüche die eben genannten.

 

Schöne, marode Insel

Und die treffen alle auf »Schweinezeiten« von Gary Victor zu. Dieser Kriminalroman zeichnet ein Bild Haitis jenseits des Pauschaltourismus. Man lernt hier ein marodes Land kennen, korrupte Behörden, eine Insel voller Geschichte und Menschen voller Aberglaube.

Und einen Protagonisten voller Schnaps. Randvoll abgefüllt mit Tranpe, einem aromatisierten Zuckerrohrschnaps. Denn Inspektor Dieuswalwe Azémar ist genauso eine ehrliche wie betrunkene Haut, was sich gewissermaßen gegenseitig bedingt. In der Welt, in der Dieuswalwe lebt, gehört man zu den Verlierern, wenn man ehrlich ist. Man ist ein Versager, wenn man nicht korrput ist. Um als ehrlicher Mensch diesen Umstand zu ertragen, füllt sich Dieuswalwe konstant mit Schnaps ab. Leistet dabei aber erstaunlich gute und überlegte Polizeiarbeit, obwohl ihm der Tranpe eigentlich bis unter die Schädeldecke schwappen müsste. Er ist betrunken, aber nicht besoffen, vielleicht kann man es so am treffendsten formulieren.

 

Vom Versagen

In seiner Dienststelle in Port-au-Prince hat Dieuswalwe Azémar keinen guten Stand, ob nüchtern oder betrunken. Seine Kollegen werden geschmiert und verachten Dieuswalwe dafür, dass er es ihnen nicht gleichtut. Doch Dieuswalwe zieht es aller Widrigkeiten zum Trotz vor, ehrlich zu bleiben und kümmert sich mit seinem schmalen Auskommen so gut es geht um seine Tochter. Die Kleine möchte er aber am liebsten ganz außer Landes wissen, er ist Realist, in Haiti sieht er keine Zukunft für sie. Die Unterbringung in einem Pensionat mit Aussicht auf Adoption aus dem Ausland erscheint ihm da die sinnvollste, wenn auch schmerzlichste Lösung. Aber Kummer ist Dieuswalwe gewohnt.

 

Schweinezeiten

Aus dieser Ausgangslage entspinnt sich ein Krimiplot, der eine interessante Mischung bereit hält. Er ist spannend und schnell, bedingt durch seinen Protagonisten rau und beherzt gleichermaßen und er hat ein Element, das in anderen Kriminalromanen vielleicht seltsam und ungelenk, hier aber absolut stimmig und logisch erscheint, einen Hauch von kafkaesken Situationen. Das ist eigen, und so wohldosiert, dass es dem Roman einen angenehmen Drall gibt, der aber zu keiner Zeit irritierend wirkt. Ich weiß auch nicht, wie dem Autor das gelungen ist, aber es funktioniert.

Und so erlebt man in »Schweinezeiten« eine Geschichte zwischen Verzweiflung, Aussichtslosigkeit und Hoffnung. Das alles in einer sehr schönen Sprache, die immer klar und ein wenig poetisch ist. Haiti als Kulisse dieser Handlung wirkt sehr ehrlich portraitiert, ihr Protagonist Dieuswalwe Azémar mit grimmigem Humor und eisernem Willen komplettiert dieses Bild zu einem kleinen Kunstwerk.

 

bewertung wortgestalt buchblog 5 sterneFazit: Dieser Roman ist ein Grund, Kriminalliteratur zu lieben. Gary Victors Roman fühlt sich authentisch an, er lebt von einer ergreifenden Ehrlichkeit. Seine Hauptfigur voller Emotionen und voller Schnaps, der Plot tragisch, schlank und eindrucksvoll.

Bewertung: 4,8 Punkte = 5 Sterne

Stil: 5/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 5/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 5/5 | Tempo: 5/5 | Tiefe: 5/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 5/5 | = 4,78

 

 

 


gary victor schweinezeiten litradukt
© Litradukt Verlag
Gary Victor – Schweinezeiten

Originalausgabe »Saison de porcs« (2009)

übersetzt aus dem Französischen von Peter Trier

Oktober 2013 im Litradukt Verlag

Softcover | 130 Seiten | 11,90 EUR

Genre: Kriminalroman

Reihe: Dieuswalwe Azémar #1

Schauplatz: Haiti

 

 

4 Kommentare zu “Gary Victor – Schweinezeiten

  • 15. März 2017 at 16:08
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    Das „Dunkle Schaf“ hat mir Victor ja auch wärmstens empfohlen und „Schweinezeiten“ wird deshalb demnächst in jedem Fall in mein Regal wandern. Wenn ich Deine feine Rezension so lese, scheine ich damit auch alles richtig zu machen. – Ach übrigens: Falls Dich Haiti als Krimi-Schauplatz interessiert und du ihn noch nicht kennst: Wirf mal einen näheren Blick auf „Voodoo“ von Nick Stone. Ein „Noir“, der mich positiv und vor allem nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. (Nicht von Aufmachung und irreführendem Titel abschrecken lassen.)

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    • 16. März 2017 at 21:16
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      Danke für diesen Tipp, den ich sehr gerne beherzigen werde! Ich bin bei meiner Recherche tatsächlich schon über Nick Stone und „Voodoo“ gestolpert, habe aber schändlicherweise einfach „weitergescrollt“, weil ich mich eben genau von Titel und Aufmachung habe irritieren lassen. Ein Frevel, man sollte es eigentlich besser wissen. Daher bin ich dir für deinen Hinweis besonders dankbar, ich merke mir Nick Stone direkt mal vor.

      Bei den Schweinezeiten wünsche ich dir dann viel Vergnügen, ich bin wirklich neugierig auf deinen Eindruck! Ich habe mir inzwischen den zweiten Band besorgt und freue mich schon auf das kommende Wochenende. 🙂

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  • 17. März 2017 at 10:05
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    Ich muss zugeben, dass mich dieses Voodoo-Zeugs zunächst beim Lesen schon irritiert hat, aber es ist halt Haiti und da muss man sowas schon erwarten. Auf jeden Fall ist „Schweinezeiten“ ein außergewöhnlicher Krimi. So etwas ist aber der Grund, warum ich gerne Kriminalromane aus anderen Ländern lese. Dort kriegt man ganz andere Blickwinkel zu sehen und manchmal auch stilistisch etwas ganz anders.
    Von Nick Stone habe ich übrigens den zweiten Band „Der Totenmeister“ gelesen. Hatte ein paar Schwächen, fand ich, aber das Voodoo-Thema ist schon spooky.

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    • 17. März 2017 at 11:53
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      Es ist auch wirklich ungewöhnlich, hatte aber zum Glück nicht so einen „esoterischen“ Einschlag, sondern irgendwie eher irgendetwas meta-ähnliches, das war faszinierend. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich der zweite Band darstellen wird. Und du hast recht, es ist dieser andere Blickwinkel auf Dinge, der Kriminalromane aus anderen Ländern so interessant macht. Öffnet einem immer wieder den Horizont.

      Ah, noch ein Stone-Leser. Ok, da bin ich gespannt!

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