Éric Liberge – Monsieur Mardi-Gras: Willkommen!

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Ich bin ehrlich gesagt ein kleines bisschen verknallt in diesen morbide-skurrilen-existenzialistischen Comic von Èric Liberge. Und in die wunderschön melancholischen Zeichnungen. Das ergibt in seiner Gesamtheit ein Lese- und Schauspektakel der ganz besonderen Art.

 

Soeben verschieden

Die Geschichte in diesem ersten Band der 4-teiligen Reihe um Monsieur Mardi-Gras Aschermittwoch ist der Einstieg in eine Welt, die aus Staub und Tränen gemacht ist. Denn Monsieur Mardi-Gras ist tot. Gerade eben verstorben, als er im Badezimmer auf einem liegengelassenen Spielzeugauto seines Sohnes ausrutscht und sich das Genick bricht. Nun sitzt er in einer mondgleichen Landschaft, die weder der landläufigen Vorstellung vom Paradies noch von der Hölle entspricht. Und besteht aus nicht mehr als seinem Skelett.

Dazu hat er hat seinen Verstand und all seine Sinne. So bleibt es nicht aus, dass er sich nach kurzer Zeit fragt, wo er ist, wie das möglich ist und was er ist. Und ob es tatsächlich das ist, was einem nach den Tod erwartet. Ein ewiges Dasein allein in einer endlosen, trostlosen Staubwüste?

 

Königreich der Tränen

Noch bevor dieses Gedankenspiel allzu trübe werden kann, kommt ein Postbote vorbei und überbringt ein Telegramm. Und damit beginnt für Monsieur Mardi-Gras eine Reise, die ihn ins Königreich der Tränen führt. In eine Welt voller düsterer Spelunken mit zwielichtigen Knochenmännern, die seine Seele extrahieren wollen. Regiert wird diese Welt von einem strengen Regime, ihr Widersacher ist ein Geheimbund, die »Brüder des Abgrunds«. Sie möchten das Jenseits topografieren, um so vielleicht endlich hinter das Geheimnis ihres Daseins zu gelangen. Bisher fehlte ihnen dazu die nötige Expertise. Wie es der Zufall so will, war Monsieur Mardi-Gras in seiner irdischen Gestalt Kartograph.

 

© Splitter Verlag
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Sprechende Skelette

Und diese Reise ist auf traumhafte Weise schauerlich und entzückend. Die Skelette erscheinen voller Charakter, die Sprache ist geistreich, die Idee grandios und sie verspricht ein Abenteuer mit Einsichten. Dazu die Zeichnungen, die in entsättigten, stählernen Tönen diese Mischung aus Ewigkeit und Tristesse einfangen und dabei einen Charme entwickeln, dem ich mich nicht entziehen, an dem ich mich kaum sattsehen konnte.

Den gleichen Charme verleiht Éric Liberge auch seinen sprechenden und denkenden Gerippen. Es ist fabelhaft und faszinierend, wie es ihm gelingt, starren Totenschädeln mit wunderbar klug gezeichneter Mimik Leben und Geist einzuhauchen. Ihnen Charakter und Seele zu verleihen und sie aus einer Masse von abertausenden von Knochen zu Protagonisten seiner Geschichte zu erheben. Daraus entsteht eine bizarre Schönheit, die die Knochenmenschen in manchen Szenen unheimlich, in anderen liebenswürdig erscheinen lässt und sie so zu ausdrucksstarken Trägern der Idee hinter „Monsieur Mardi-Gras: Unter Knochen“ macht.

 

Topografie des Jenseits

Denn es sind die zahlreichen Gedankenspiele und Zwischentöne, die schon in diesem Auftaktband anklingen lassen, was hier passiert. Dass Attribute irdischen Lebens nichtig sind. In dieser Welt voller Skelette, in der vom Menschen nichts bleibt außer seine Knochen und sein Charakter, wird das Wesen entblößt und auf sein Denken und Handeln reduziert. Dazu kommt die Frage nach dem Tod und dem Nutzen der Ewigkeit, und natürlich die Idee der Topografie des Jenseits. Es wird ein Fest, die folgenden drei Bände von Monsieur Mardi-Gras Aschermittwoch zu lesen und anzuschauen, dessen bin ich mir sicher.

 

bewertung wortgestalt buchblog 5 sterneFazit: Ein morbide-skurriler und existenzialistischer Comic mit einer geistreichen Idee und ausdrucksstarken Zeichnungen voller Charme, Poesie und Melancholie. Ein bisschen unheimlich, ein bisschen bizarr, dabei immer wunderschön, ein Lese- und Schauspektakel.

Bewertung: 4,7 Punkte = 5 Sterne

Zeichenstil: 5/5 | Idee: 5/5 | Umsetzung: 4/5 | Figuren: 5/5
Plot-Entwicklung: 4/5 | Tempo: 5/5 | Tiefe: 5/5
Komplexität: 4/5 | Lesespaß: 5/5 | = 4,67

 

 

 


cover mr mardi-gras eric liberge splitter verlag
© Splitter Verlag

Éric Liberge – Monsieur Mardi-Gras: Unter Knochen

Band 01: Willkommen!

Originalausgabe »Mr Mardi-Gras Descendres 1: Bienvenue« (2004)

Autor: Éric Liberge | Zeichnungen: Éric Liberge

Übersetzung: Thomas Strauss

Splitter Verlag | Hardcover | 64 Seiten | 13,80 EUR

Reihe: Monsieur Mardi-Gras #01

4 Kommentare zu “Éric Liberge – Monsieur Mardi-Gras: Willkommen!

  • 2. März 2017 at 12:38
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    Seit dem ich es bei dir auf insta gesehn hab, will ich das Buch haben XD
    Vor allem, weil es in 4 Bänden abgeschlossen ist und keine unendliche Reihe wird/ist. Neben dem Zeichenstil und dem Inhalt natürlich :3

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    • 2. März 2017 at 14:39
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      Oh wie mich das freut!! 😀 Ich habe inzwischen „nur“ noch Band 4 vor mir und diese Zeichnungen, hach, würde mir das glatt an die Wand hängen. Und wenn ich mich dann noch nicht sattgesehen habe, gibt es noch einen Prequel-Band mit dem Postboten, in dem wohl die genauen Zusammenhänge noch verdeutlicht werden sollen, so als Bonus obendrauf. Aber ansonsten ist es wirklich schön, eine abgeschlossene Reihe am Wickel zu haben, da weiß man, was man hat und wann man es hat und überhaupt. 🙂

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      • 3. März 2017 at 17:26
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        Ja, hab gestern auf GR gesehn, dass du den dritten Band durch hast und deine Freude nicht nachgelassen hat :3 Das sind immer gute Voraussetzungen!

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        • 8. März 2017 at 11:07
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          Oh mann, ja, da habe ich euch bei Goodreads letzte Woche gut zugespamt, aber ich hatte den kompletten Feburar da noch nicht eingetragen und das dann alles in einem Schwung nachgeholt, wobei drei Comics vom Feburar immer noch fehlen, das werde ich heute auch nich nachtragen. 😀

          Und bezüglich des Monsieurs, ja, also die Zeichnungen sind durchweg ein Traum. Über den roten Faden der Handlung könnte man ab und an streiten, aber das ist bei solch einer surrealen Geschichte auch kaum vermeidbar.

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