Kriminell Gelesenes im September 20.17

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Gast-Kolumne »Kriminell Gelesenes« stellt der Berliner Autor Martin Krist hier regelmäßig zum Monatsende seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Auch am Ende dieses Monats zieht er Bilanz. Was war im September sein Lieblingsbuch – oder welches Buch hätte er lieber nicht gelesen?


© Heyne Verlag

Stephen King – Es

Nicht wirklich eine Novität, aber – Ihr mögt es mir verzeihen – ich kann nicht anders: Ich muss ES heute vorstellen, auf den Tag genau eine Woche nach Stephen Kings 70. Geburtstag, und zum Start des Kino-Remakes. Außerdem gibt es tatsächlich Leute, die ES noch immer nicht gelesen haben. Kaum vorstellbar, denn ES ist zweifellos ein Meilenstein nicht nur der Horrorliteratur. ES ist ein wuchtiger Gesellschaftsroman, ein Coming-of-Age-Roman, für mich ist ES außerdem auch mit Abstand Kings bestes Werk.

Selbst King sah das nach vierjähriger Schaffenszeit im September 1986 mit 1.138 Seiten erschienene, bombastische Werk als »Summe all dessen, was ich in meinem Leben getan und gelernt habe«. Auch Kollegen, Fans und Kritiker bescheinigten dem Autor sein Opus Magnum. Und das liegt mit Sicherheit nicht nur an der gewaltigen Werbekampagne, die der Verlag Viking seinerzeit im Vorfeld entfachte: Eine Erstauflage von 800.000 Exemplaren, ein Werbeetat von 400.000 Dollar und Publicity, die sich gewaschen hatte. Zurecht!

King hat viele Romane nach ES geschrieben, aber keinen von derart eindringlicher Intensität. Alles stimmt in diesem Buch. Als hätte King die Wirklichkeit, die nur aus Buchstaben, Worten und Sätzen besteht, mit einem Netz eingefangen und auf die Buchseiten geklebt. King weiß, worin der Erfolg von ES liegt: »ES handelt eigentlich gar nicht von ES oder Ungeheuern oder so was. Es handelt von der Kindheit und meiner Vorstellung, wie man die eigene Kindheit erlebt und sie letztendlich wegstecken und ein Erwachsener werden kann.«

Was also ist ES? ES ist ein aus dem Weltraum kommendes, alterloses Wesen (Cthulu lässt grüßen), das seit Jahrhunderten im Abwassersystem von Derry haust, alle 27 Jahre an die Oberfläche kommt und bevorzugt kleine Kinder goutiert. ES kennt ihre Ängste, und weil es sich beliebig verwandeln kann, gibt ES allen menschlichen Schreckensphantasien eine reale Gestalt. Dabei lernt der Leser ES zuallererst als Clown Pennywise kennen.

Bill Denbroughs kleiner Bruder George lässt 1957 bei saumäßigem Regenwetter ein kleines Papierboot den Rinnstein entlangschippern, bis es zwischen den Gittern eines Kanaldeckels entschwindet. George will es noch ergreifen, aber da ist bereits Pennywise, der ihn aus einem offenen Kanalisationsschacht heraus angrinst – ein Clown, der glitzernde Silberdollar anstelle von Augen hat und Luftballons in der geballten, weißbehandschuhten Hand hält. Pennywise reißt George für immer in die Tiefe.

Sieben Freunde treten daraufhin den Kampf gegen das Unwesen an, die sich den Namen »Club der Verlierer« geben. Sie sind Außenseiter, ein Mischmasch aus allen erdenklichen Mankos, die man sich als Kind bloß nie zu sein und zu haben wünscht: Der zehnjährige Bill Denbrough ist ein Stotterer, der gleichaltrige Mike Hanlon ein Schwarzer, Beverly Marsh wird von ihrem Vater verprügelt, Ben Hanscom ist dick, Richie Tozier eine Brillenschlange, Eddie Kaspbrak ein Asthmatiker und Stan Uris ein Jude. Sieben Freunde, die sich finden, die kurzen Momente des Glücks (dessen, was sie bisher vermissten: Liebe, Treue und Loyalität) genießen, den Widrigkeiten der Stadt und schließlich auch ES trotzen.

Sie können ES in die Flucht schlagen, und zwar nachdem sie sich gemeinsam über ihre Urängste hinweggesetzt haben. Was aber dazu führt, daran lässt King keinen Zweifel, dass sie erwachsen werden, die Monster in sich besiegen und die Unschuld, ja auch die Naivität früher Tage verlieren.

Aber damit ist der Kampf gegen ES natürlich noch lange nicht vorbei. 27 Jahre später kehrt ES zurück. Und der Club der Verlierer, aus denen allesamt längst Gewinner geworden sind, muss sich noch einmal seiner bitteren Vergangenheit stellen.

ES, Teil 1, ab heute im Kino.

 

 

Stephen King – Es | Heyne Verlag | Euro 14,99

 

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

2 Kommentare zu “Kriminell Gelesenes im September 20.17

  • 28. September 2017 at 14:30
    Permalink

    Tolle Vorstellung auch eins meiner Liebslingsbücher! Ich mag das, wenn man die Begeisterung SO spürt!

    Reply
  • 28. September 2017 at 21:53
    Permalink

    Ich möchte hier jedes Wort unterschreiben. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher. ✌
    Liebe Grüße
    Petzi

    Reply

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