Kriminell Gelesenes im Juni 20.18

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Gast-Kolumne »Kriminell Gelesenes« schreibt der Berliner Thriller-Autor Martin Krist hier regelmäßig über seine aktuelle Lektüre. Und auch am Ende dieses Monats zieht er Bilanz. Was war im Mail sein Lieblingsbuch – oder welches Buch hätte er lieber nicht gelesen?

Dieses Mal mit: Bill Clinton und James Patterson – The President Is Missing


© Droemer Knaur

Bill Clinton/James Patterson – The President Is Missing

Also gut: Es ist ein Roman von James Patterson. Bekanntlich mehr Marke als Autor, eine Schreibfabrik, für deren Ideen eine Heerschar mal mehr, mal weniger bekannter Autorinnen und Autoren inzwischen in die Tasten haut: David Ellis, Candice Fox, Maxine Paetro, Michael Ledwidge. Und neuerdings Bill Clinton. Ja genau, der Bill Clinton. Der einzige Grund, weshalb ich mich noch einmal bequeme, einen Roman von und mit James Patterson zu rezensieren.

Wer jetzt in »The President Is Missing« genau was geschrieben hat, und ob überhaupt, lässt sich freilich nur erahnen. Möglich, dass Jonathan Duncan, US-Präsident und fiktiver Held, tatsächlich der Phantasie Clintons entsprungen ist. Vor allem zu Beginn schimmern Stolz und eine Trotzigkeit zwischen den Zeilen, die ausgerechnet ihm, den Affären-belasteten Präsidenten, zuzutrauen sind: »Ich sitze ihnen allein gegenüber. Keine Berater, keine Anwälte, keine Notizen. Das amerikanische Volk wird mich nicht zu sehen bekommen, wie ich mich, die Hand über dem Mikrofon, im Flüsterton mit einem Anwalt berate, bevor ich sie wegziehe und meinen Gegnern erkläre: Das ist mir entfallen, Herr Abgeordneter. Ich habe es nicht nötig, mich zu verstecken. Ich sollte hier nicht sitzen, und ganz bestimmt will ich hier nicht sitzen, aber was soll ich machen? Da bin ich nun mal, nur ich. Der Präsident der Vereinigten Staaten stellt sich den Fragen einer pöbelnden Meute.«
Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Wer sich deshalb aber mehr Einblicke ins Weiße Haus erhofft, wird rasch enttäuscht: Weil ein Cyberangriff die amerikanische Infrastruktur und Verteidigung lahmzulegen droht, mutiert Duncan – wie weiland Harrison Ford in »Air Force One«– zum lupenreinen Action-Präsidenten. Und natürlich sind die Russen die Bösen.

Das wiederum klingt mehr nach einer Geschichte von James Patterson. So fällt am Ende dann auch der Thriller aus: kurzweilig, zumindest wenn man in Sachen Realismus anderthalb Auge zudrückt. Mindestens.

 

Bill Clinton/James Patterson – The President Is Missing | Droemer 2018 | Euro 22,99

 

 

© Text verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

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