Kriminell Gelesenes im Dezember

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Kolumne »Kriminell Gelesenes« stellt der Autor Martin Krist regelmäßig zum Monatsende seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Dieses Mal mit dabei: Mechtild Borrmann, Michael Connelly, Robert Harris und Paul Mendelson.


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© Droemer

Mechtild Borrmann – Trümmerkind

Es gibt sie noch, die Geschichten, die von der ersten Zeile an packen und nicht mehr loslassen. In ihrem neuen Roman erzählt Mechthild Borrmann gleich drei davon.

1945: Vor den heranrückenden Rotarmisten muss die Familie Anquist ihren Gutshof in der Uckermark verlassen. 1947: Auf der Suche nach Habseligkeiten, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen kann, findet Hanno inmitten der Kriegstrümmer Hamburgs erst eine Frauenleiche, dann einen kleinen Jungen, den Hannos Mutter fortan in ihre Obhut nimmt. 1992: Anne will mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter erfahren, die einst nach dem Krieg von der Uckermark über Hamburg bis nach Köln floh.

Drei verschiedene Zeitebenen, die sich Seite um Seite aufeinander zu bewegen, ohne dass man erahnt, wie sie zusammenhängen. Schlußendlich ergeben sie ein vielschichtiges Stück Zeitgeschichte, ein tragisches Drama, einen spannenden Krimi.
Mein Highlight im Dezember.

Mechtild Borrmann – Trümmerkind | erschienen bei Droemer | Euro 19,99

 

 

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© Droemer

Michael Connelly – Scharfschuss

Michael Connelly ist ein vorzüglicher Rechercheur, daran lässt er keinen Zweifel, weshalb sich seine ausführlichen Erklärungen zur LAPD-Arbeit, den Behörden, der Streetgangs und kalifornischen Begebenheiten phasenweise wie eine True-Crime-Doku lesen. Seine eigentliche, wohlgemerkt fiktive Kriminalgeschichte bremst er dadurch immer wieder aus.

Vor zehn Jahren wurde in Los Angeles ein Marchiachi-Spieler angeschossen. Jetzt ist er an den Spätfolgen der Schussverletzung gestorben, was einem Mord gleichkommt. Harry Bosch von der Cold Case-Unit soll den Fall übernehmen.
Der berühmte Detective, der längst auch in TV-Serie ermittelt, ist das zweite Problem: Ständig verliert sich Connelly in dem Bemühen, seiner Figur Privatleben einzuhauchen, in überflüssige Dialoge.

»Wie geht’s, wie steht’s?« »Alles klar. Und selbst?« »Danke.« »Na dann.« »Wir sehen uns.« »Klar.«

Klar, auf der Mattscheibe mag solcherlei Geplänkel nicht stören, in einem Roman verlangt es – in Zusammenspiel mit Connellys akribischen Erklärungen – einiges an Geduld ab. Liest man darüber hinweg, erhält man, immerhin, einen soliden Kriminalfall. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Michael Connelly – Scharfschuss | erschienen bei Droemer | Euro 22,99

 

 

© Heyne

Robert Harris – Konklave

Das muss man auch erst einmal schaffen: Einen Thriller schreiben über 118 Kardinäle, die sich über mehrere Tage hinweg zur Papstwahl in die Sixtinische Kapelle einschließen. Dabei passiert nur wenig? Weitgefehlt!

Natürlich ist die Wahl des neuen Heiligen Vaters alles andere als Gottes Wunsch, in Wahrheit auch nur ein Spiel um Macht – mit Postenschieberei, Bestechung und bitterbösen Intrigen. Oder wie einer der Kardinäle zwischenzeitlich konstatiert: »Wir sind alle nur Menschen. Wir dienen einem Ideal, aber wir können das Ideal nicht immer leben.«

In zuverlässiger Regelmäßigkeit schreibt Robert Harris seine Romane. Egal welcher Zeitepoche und welchen Themas er sich dabei annimmt, seine Geschichten sind ebenso zuverlässige Page-Turner. Das mag abgedroschen klingen, doch nur wenigen Autoren gelingt es wie Harris, Wissen und Spannung derart gekonnt miteinander zu verknüpfen.

Robert Harris – Konklave | erschienen bei Heyne | Euro 21,99

 

 

© Rowohlt

Paul Mendelson – Die Straße ins Dunkel

»Sie wirken beinahe gut gelaunt, Vaughn.«

»Sie kennen mich, Sir. Der Tod belebt mich«, antwortet Colonel Vaughn de Vries, Ermittler bei der Special Crimes Unit, einer Sondereinheit des South African Police Service in Kapstadt, der auf die Leiche von Taryn Holt schaut, eine Milliardärin, Kunstmäzenin und Frau mit zweifelhaftem Liebesleben. Sie wurde in ihrem Schlafzimmer erschossen, ihre Leiche einem anzüglichen Gemälde nachempfunden. Die vermeintliche Beziehungstat entpuppt sich schon bald als ein politischer Mord.

Nichts hat sich in Südafrika verändert seit dem Ende der Rassentrennung. Auch bei der neuen, schwarzen Staatsführung dreht sich alles nur um Einfluß und Macht. Einer wie De Vries ist ihr dabei ein Dorn im Auge, versoffen, alt, weiß, aber erfüllt von der Gewissheit: »Hautfarbe ist nicht böse. Der Feind ist der Räuber, der Vergewaltiger, der Mörder, der Terrorist: Das sind die Leute an die De Vries jeden Tag denkt, wenn er sich auf seine Schicht vorbereitet.«

Ein vielschichtiger Thriller, der anders als Mendelsons austauschbares Debüt (zur Rezension) dichter an Land und Leute ist.

Paul Mendelson – Die Straße ins Dunkel | erschienen bei Rowohlt Polaris | Euro 16,99

 

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

8 Kommentare zu “Kriminell Gelesenes im Dezember

  • 30. Dezember 2016 at 17:55
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    Konklave habe ich auch gelesen bzw. gehört – und weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll 🙂 Es war nicht schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut – jedenfalls für mich weit enfernt von einem Thriller.Meins war es definitv nicht 🙁

    LG und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!

    Tina

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  • 30. Dezember 2016 at 19:12
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    Wieder eine richtig gute Rezension für „Trümmerkind“! Da warte ich tatsächlich nur noch auf das Taschenbuch, dann wird es gelesen. Obwohl ich erst durch die diversen positiven Rezensionen auf das Buch gestoßen bin, anfangs interessierte es mich gar nicht.

    „Konklave“ möchte ich auch lesen. Von Harris habe ich bisher noch nichts gelesen, aber er spricht immer wieder Ereignisse an, über die ich gerne lesen würde. Irgendeins seiner Bücher steht auch schon im Regal, das habe ich auf einem Bücherflohmarkt in sehr gutem Zustand erstanden.

    Viele Grüße und einen guten Rutsch!
    Sandra

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    • 30. Dezember 2016 at 21:36
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      „Trümmerkind“ hat wirklich Eindruck hinterlassen, ich kann mich ja Miss Marple und Martin Krist nur anschließen und ich drücke die Daumen, dass die Taschenbuchausgabe nicht allzu lange auf sich warten lässt. 😉

      Hab einen guten Start in das neue Buchjahr, Sandra, und viele liebe Grüße!

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  • 1. Januar 2017 at 15:03
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    „Die Straße ins Dunkel“ werd ich wohl dann doch mal näher anschauen. Jetzt wär meine Frage: Muss/sollte man Band 1 lesen umd Band 2 zu verstehen?

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    • 3. Januar 2017 at 9:27
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      Ich habe gerade mal nachgefragt, man kann die Bücher unabhängig voneinander lesen!

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