Jeff VanderMeer – Borne

Holla die Waldfee. »Borne« zu lesen, glich einem Kraftakt. Der Roman hat meinen Kopf zum Schwirren gebracht, meine Gedankenkraft herausgefordert. Sich die Dinge vorzustellen, die Autor Jeff VanderMeer entwirft, das war gleichzeitig aufregend und anstrengend, das alles zu imaginieren, was dort geschrieben gesteht, eine Herausforderung.

Die Geschichte von »Borne« spielt vor einer post-apokalyptischen Kulisse, eine nahe Zukunft, in einer zerstörten Stadt, in einer zerstörten Welt. Den Niedergang haben die Menschen selbst zu verantworten. Kriege, Seuchen, steigender Meeresspiegel, Flüchtlingsströme, zerfallende Staaten und schließlich der Zusammenbruch von allem. Dazu die schleichende Ausbreitung von Biotech. Lebende Organismen, modifizierte Lebewesen, manipulierte Lebensformen, die schließlich unkontrollierbar wurden, sich verselbstständigten und der Welt ein neues Gesicht gaben.

 

Mord und Borne

Es ist kaum nachzuerzählen, was Jeff VanderMeer sich hier alles erdacht hat, es sind schillernde, bizarre Wesen, Symbiosen aus bekannten Bausteinen der Natur, neu zusammengesetzt zu Dingen, die grotesk und wunderschön sind, von einer faszinierenden Bedrohlichkeit, von einer hässlichen Verderbheit. Die Gefahr und Tod ebenso bringen können wie Heilung und Rettung. Es ist ohne Zweifel ein Fest, VanderMeer dabei zuzuschauen, wie er hier wütet und was dabei alles entsteht.

So zum Beispiel Mord, ein Bär monumentalen Ausmaßes. Liegend immer noch mehr als drei Stockwerke hoch, auf seinen Hinterbeinen aufgerichtet so groß, dass er die Sonne verdunkelt. Ein King-Kong-artiges Geschöpf, ganz ohne jede Vermenschlichung. Wie fast alles Biotech, fast alle künstlichen Tiere, ist Mord ein Produkt der Firma, ein Biotech-Unternehmen, das in die Stadt kam, als diese schon dem Zerfall geweiht war. Jetzt terrorisiert dieses außer Kontrolle geratene Experiment die Stadt. Des Fliegens mächtig, ist Mord für die Bewohner der Stadt ein gottgleiches Ungeheuer, allein auf seinem Olymp.

Oder auch Borne. Als die Sammlerin Rachel Borne findet, ist es nicht mehr als ein faustgroßes, Seeanemonen-artiges Etwas, von einem dunklen Violett, mit dem Geruch nach Salzlake und einem smaragdgrünem Leuchten. Es klebt im Pelz des schlafenden Mord, an den sich Rachel immer wieder heranschleicht, um in seinem dichten, verdreckten Fell nach Fundstücken zu suchen, die ihr Überleben wieder ein paar Tage sichern werden.

 

Rachel und Wick

Gemeinsam mit ihrem Partner Wick haust sie seit einigen Jahren in einem Unterschlupf in den Balcony Cliffs. Sie sammelt Nahrung und Trinkwasser, außerdem Rohmaterial für die Drogen, die Wick aus entsorgtem Biotech produziert. Kleine Erinnerungskäfer, die, ins Ohr gesteckt, Bilder von besseren, längst vergangenen Zeiten heraufbeschwören. Rachel nimmt Borne mit in ihre Unterkunft, übergibt ihn aber nicht Wick zur Weiterverarbeitung. Sie hält Borne zunächst für eine Pflanze, ein Gewächs, bis Borne beginnt zu wachsen, sich im Raum zu bewegen, mit ihr spricht.

Bis seine Entwicklung so weit voranschreitet, dass er lernt, versteht, denkt. Anfängt, seine Form zu verändern, sich in ein vasenförmiges Geschöpf verwandelt, sich wie ein Teppich über Böden und Decken ausbreiten kann. Borne ist etwas. Und Rachel zieht ihn groß, ist ihm Elternteil und Freundin, erzieht ihn, will ihn lehren, was das Leben und das Menschsein ausmacht. Doch Borne hat auch seine eigene Natur.

 

Biotech

Die Welt, die Jeff VanderMeer hier beschreibt, ist lebensfeindlich und zerstörerisch. Die Umwelt ist verseucht und verschmutzt, die Flüsse und der Regen vergiftet. Es gibt keine funktionierende Gesellschaft, nur versprengte Gruppen von Überlebenden, überall verstümmelte Leichen. Das Szenario dieser post-apokalyptischen Umgebung ist das einzig Vertraute in diesem Roman, alles andere, die modifizierten Lebensformen, die Überreste fehlgeschlagener Experimente der Firma, vergiftete und teil-mutierte Kinder, das alles hat meine Vorstellungskraft aufs Äußerste gefordert, macht »Borne« zu einem beeindruckenden Gedankenabenteuer.

So fasziniert und staunend ich VanderMeer in seinen Beschreibungen auch gefolgt bin, hat die Handlung selbst aber relativ wenige Peaks. Ich hatte durchweg den Eindruck, dass die Spannung immer dann anstieg, wenn eine neue Mutation, eine neue Erscheinungsform beschrieben wird, da rührt die Geschichte auf und belebt sich. Ansonsten aber gibt es wenig Druck, ein eher gleichbleibendes, teilweise schon fast monotones Spannungslevel. Aus der Sicht von Rachel erzählt, bleibt es mehr ein Bericht, geprägt von der Welt, in der sie lebt.

 

Fazit: »Borne« ist ein beeindruckendes Gedankenabenteuer, ein Leseerlebnis, das ich ob der Bilder und der Beschreibungen um keinen Preis missen möchte. Aber auch eines, das ich mir gleichzeitig packender, pointierter hätte vorstellen können. »Borne« lebt nicht gerade von seinem griffigen Plot, es ist vielmehr das Staunen und das Nachdenken, das hier dominiert.

 

In Zahlen: Stil: 4/5 | Idee: 4/5 | Umsetzung: 3/5 | Figuren: 3/5 | Plot-Entwicklung: 2/5 | Tempo: 3/5 | Tiefe: 4/5 | Komplexität: 5/5 | Lesespaß: 3/5

 


© Kunstmann Verlag
Jeff VanderMeer – Borne

Originalausgabe »Borne« (2017)

übersetzt aus dem Englischen von Michael Kellner

September 2017 im Kunstmann Verlag

Hardcover | 367 Seiten | 22,00 EUR

Genre: Science-Fiction, Post-Apokalypse

Reihe: Einzelband

Schauplatz: eine namenlose, zerstörte Stadt

 

 
Weitere Besprechungen zu »Borne« u.a. bei:

DieZukunft.de: » ›Borne‹ erweitert das postapokalyptische, ja das gesamte fantastische Sujet auf kreative Weise und muss in der Hinsicht als mind-blowing bezeichnet werden.«

 

Weitere Besprechungen zu Romanen von Jeff VanderMeer auf diesem Blog:

(keine)

 

4 Kommentare zu “Jeff VanderMeer – Borne

  • 23. September 2017 at 19:33
    Permalink

    Hey Philly,

    ich hab, ehrlich gesagt, so meine Probleme mit Jeff VanderMeer. Seine Southern Reach-Trilogie verlangt mir einiges ab, vor allem Geduld. Aber „Borne“ klingt wirklich interessant. Vielleicht sollte ich erst dieses hier lesen, als mich gleich an eine Trilogie zu wagen, denn so wie du das Buch beschreibst, sind auch die anderen.
    Es gibt Dinge, die ich kennen, aber das meiste ist für mich vollkommen neu und kaum vorstellbar.
    Danke für die tolle Rezension!

    LG
    Tilly

    Reply
    • 23. September 2017 at 21:59
      Permalink

      Hey Tilly! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar, freut mich sehr!

      Ich kann das gut verstehen, Geduld brauchte „Borne“ auch, ich habe öfter mal längere Pausen gemacht, nach zwei Stunden lesen und rund 80 Seiten rauchte schon gut der Kopf. 🙂

      Ich fand das Vorstellen selbst ungewöhnlich anspruchsvoll, es ist schon spannend, wie sehr man gewohnte Bilder einfach abruft und wie schwer es ist, sich wirklich neue Dinge „from scratch“ vor dem inneren Auge zusammenzureimen. Aber nachträglich auch absolut lohnend. Es wäre vermutlich leichtgängiger, wenn der Spannungsbogen ein bisschen straffer gewesen wäre. Aber der Roman verzichtet irgendwie auf Gefälligkeiten und Sentimentalitäten, was ich schon wieder cool finde. Ich bin mal gespannt, wie es mir mit der Southern-Reach-Trilogie gehen wird, Band 1 habe ich schon hier. 🙂

      Liebe Grüße!

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  • 24. September 2017 at 13:05
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    Also dieses Utopische in der Natur erinnert schon stark an seine Trilogie. Wobei sich dort mehr auf die Natur (Pfanzen, Mikroben, etc) konzentriert wird. Mehr dazu, wenn ich – wie gesagt – Band 3 durch hab (ist geordert 😀 )
    Ich werd also dieses Buch definitiv im Auge behalten, da er seinem Stil wohl doch sehr treu bleibt und auch wenn er anstrengend ist und man eigentlich drei Mal überlegen muss WAS hab ich DA gerade gelesen ???!! Fasziniert er irgendwie 🙂

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    • 24. September 2017 at 21:19
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      Ich bin auch wirklich gespannt auf den Auftakt von Southern Reach, mal schauen, wie es da mit der Dramaturgie so ausschaut.

      Genau das trifft es, WAS habe ich da gerade gelesen, wie genau soll das passieren/aussehen? Sehr cool, von dieser Warte aus echt bereichernde Literatur!

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