Im Gespräch mit Jutta Maria Herrmann

Schuld bist du-Textzeile

Seit gut einem Monat ist der neue Roman der Autorin Jutta Maria Herrmann erhältlich. Nach ihrem Debüt »Hotline« aus dem Jahr 2014 begeistert nun »Schuld bist du« Leser und Leserinnen und behandelt ein Thema, das immer wieder interessante Stoffe für Spannungsromane liefert.

Jutta Maria Herrmann sprach mit mir in diesem Interview über Psychothriller im Allgemeinen und im Speziellen, über die Herausforderung der Ich-Perspektive und über Erinnerungen an den Deutschunterricht.


Portrait Autorin Jutta Maria Herrmann rote Jacke
Autorin Jutta Maria Herrmann
© sarahkoska.PHOTOGRAPHY

Was für einen Roman wolltest Du mit »Schuld bist du« schreiben?

»Einen ›Psychothriller‹. Nachdem mir bei ›Hotline‹ häufig vorgeworfen wurde, das sei kein richtiger Psychothriller, dachte ich mir: okay. Allerdings wollte ich ein Thema mit hineinpacken, das mich interessiert. Und wie ein Mensch mit Schuld umgeht, was das mit einem macht, wie sehr das einen Menschen belastet, das hat mich schon immer sehr beschäftigt.«

Was genau daran?

»Es ist etwas schwer zu antworten, ohne zu viel von der Handlung zu verraten, aber ich versuche es. Schuld ist für mich ein sehr mächtiges Gefühl. Ich habe mich als Kind oft schuldig gefühlt, die Gründe sind nicht so wichtig. Ich weiß deshalb, wie schwer es ist mit Schuldgefühlen zu leben. Selbst wenn es nur ›Kleinigkeiten‹ sind. Und was macht es mit dir, wenn du quasi versehentlich jemand anderem Schaden zugefügt hast? Ein Gericht mag dich z. B. freisprechen von der Schuld, aber kannst du dich selbst so ohne Weiteres freisprechen? Und wenn nicht, was sind die Folgen, wie verändert dich das?«

Was macht für dich den größten Unterschied zwischen deinem Erstling »Hotline« und deinem neuen Roman »Schuld bist du« aus?

»Bei ›Schuld bist du‹ ist der Thrill sehr im Vordergrund, etwas abgemildert vielleicht durch den zweiten Handlungsstrang der Ich-Erzählerin. In diesem Strang waren mir die Figuren sehr wichtig. Im ersten Strang dagegen lag der Akzent mehr auf der Action, den Wendungen und den Cliffhangern. ›Hotline‹ dagegen ist ruhiger, besinnt sich mehr auf die Figuren und deren Schicksal und Leben. Berlin und mein alte Heimat Kreuzberg haben auch eine größere Rolle gespielt.«

Inzwischen lebst Du ja mit deinem Mann Thomas Nommensen etwas außerhalb der Großstadt am Rande von Berlin. Vermisst Du den Trubel von Kreuzberg oder genießt Du eher die Ruhe?

»Beides. Ich genieße die Ruhe. Den Trubel und die Hektik der Großstadt muss ich nicht mehr haben. Allerdings fehlt mir hier manchmal schon das besondere Flair von Kreuzberg, die Wrangelstraße mit den vielen bunten Läden von Deutschen und Türken, dem lebhaften Treiben, den Gerüchen. Ach ja, und die Oranienstraße, eine Weile schon fast zweite Heimat. Wenn ich an die Zeit denke, werde ich immer noch ein bisschen wehmütig. Leider ist »mein« Kreuzberg mittlerweile fest in Touristenhänden und hat nicht mehr so viel mit dem Kreuzberg, wie ich es kenne, zu tun.«

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In Bezug auf die Kritik, »Hotline« sei kein richtiger Psychothriller, was glaubst Du, was erwarten Leser/innen von einem Psychothriller?

»Ich glaube, dass die meisten Leser/innen (es sind meiner Erfahrung nach tatsächlich fast ausschließlich Frauen, die Psychothriller lesen) etwas in der Art erwarten wie es z. B. Sebastian Fitzek oder Arno Strobel schreiben. Blut, Rätsel, unerklärliche und unvorstellbare Situationen. Sie wollen in ihrer eigenen ›Psyche‹ verunsichert, erschreckt werden. Um es mal so auszudrücken.«

Und »Hotline« ging da anders ran?

»Zum Teil. Der Klappentext zu ›Hotline‹, den so viele bemängelt haben, ist von mir. Ich wollte ihn auch genauso, ich wollte nicht mit einem vergrabenen Baby die Spannung erzeugen. Mir war z. B. auch klar, dass die ›Täterin‹ sehr schnell von den Lesern enttarnt werden würde. Die Spannung sollte dadurch entstehen, dass man nicht weiß, was diese Frau vorhat, was sie plant. Und da kam dann natürlich zum Ende hin schon diese ›unvorstellbare‹ Situation zum Tragen. Aber sie hat nur einen kleinen Teil des Romans ausgemacht. Ich habe ja auch die Geschichte von Ricks verschwundener Schwester Marie mit verwoben. Was ja eigentlich auch nicht so richtig zu einem Psychothriller passt.«

Was ist für dich ein (guter) Psychothriller?

»Ich überlege gerade, wann ich den letzten ›guten‹ Psychothriller gelesen habe … Patricia Highsmith, die verehre ich sehr. Unerreicht bislang. Und da gibt es noch andere richtig gute, Celia Fremlin, Joan Aiken, Margaret Millar, alle bei Diogenes erschienen. Aber alle nicht zeitgenössisch. Als Psychodrama könnte ich noch ›Motel Terminal‹ nennen, das Buch hat für mich alle Elemente, die auch ein guter Psychothriller braucht. ›Trigger‹ von Wulf Dorn war ein guter Psychothriller, wenn man die Logik außen vor lässt und ›Die Therapie‹ von Sebastian Fitzek fand ich auch ziemlich gut. Sein erster und für mich sein bester Roman.«

Welche Elemente sind dir wichtig, wenn Du einen Psychothriller schreibst, und worauf verzichtest Du lieber?

»Das Element des Bedrohlichen, das langsam in das ›normale Leben‹, in den Alltag, eindringt. Ohne dass man zu fassen bekommt, woher die Bedrohung nun wirklich kommt. Das können z. B. ein Stalker, unerklärliche Vorfälle oder ähnliches sein. Was ich selber total spannend finde, eine Gruppe von Menschen auf engem Raum in eine Situation zu bringen, der sie nicht entkommen können. Jeder reagiert anders, wie agieren die Figuren untereinander, was für Konflikte entstehen, welche Aggressionen etc. Gewaltorgien dagegen finde ich eher abstoßend, das muss nicht sein.«

Stichwort Serienkiller …?

»Ein Reizwort für mich, mittlerweile. Es gibt einfach zu viele davon. Ich bin sie – ehrlich gesagt – ziemlich leid. Diese Killer, die aus welchen Gründen auch immer Frauen, Kinder, Hunde und was weiß ich noch alles immer bestialischer zerstückeln, zerhacken, zur Explosion bringen, häuten etc. Ach nee, das langweilt mich langsam wirklich sehr.«

Bild Schuld bist du von Jutta Maria Herrmann

Dann kann man in deinem nächsten Roman mit einem anderen Täterprofil rechnen?

»Oh ja. Der Roman wird auch wieder ganz anders. Berlin spielt dieses Mal nur eine Nebenrolle. Und es gibt nur eine Perspektive, eine Ich-Erzählerin. Und es geht auf keinen Fall um einen Serienkiller.«

Eine anspruchsvolle Erzählperspektive …

»Ja. Ich liebe diese Perspektive und lese sie auch sehr gerne. Aber es ist gar nicht so einfach, sie zu schreiben, stelle ich gerade fest.«

Auf welche Herausforderungen triffst Du für dich?

»Man hat nur eine Sicht der Dinge. Und man kann die Orte nicht wechseln. Auch das Gegenüber kann nur aus der Sicht des ›Ichs‹ wahrgenommen werden. Da muss man aufpassen, dass man nicht plötzlich versehentlich die Perspektive wechselt.«

Wie erarbeitest Du dir generell deine Stoffe?

»Ich habe eine Grundidee (bei beiden Romanen waren es Zeitungsartikel) und diese Idee setzt sich in meinem Kopf fest. Ich denke dann ständig darüber nach, wie ich daraus eine Geschichte machen könnte: auf dem Weg zur S-Bahn, beim Bügeln, beim Spazierengehen, im Gespräch mit Thomas, meinem Mann, der ja auch Krimis schreibt. Ich habe tatsächlich die Geschichte schon grob im Kopf, bevor ich mich hinsetze und den Plot zu Papier bringe. Allerdings auch nur sehr vage umrissen. Alles andere entwickle ich – aus dem Bauch heraus – erst beim Schreiben. Sehr zum Leidwesen meiner Lektorin. Aber ich kann nicht anders. Ich konnte schon in der Schule meine Aufsätze nur so schreiben. Die wimmelten auch immer vor Rechtschreibfehlern, denn zum Korrekturlesen reichte mir die Zeit nicht.«

Das dann sehr zum Leidwesen deiner Lehrer und Lehrerinnen?

»Ja, meine Deutschnote war dementsprechend.«

Mochtest du den Deutschunterricht in der Schule?

»Nein, nicht besonders. Der lief nach Schema F ab. Und ich hatte immer andere Gedanken und Interpretationsansätze als mein Deutschlehrer. Der mochte mich gar nicht.«

Was waren für dich prägende Lektüreerinnerungen?

»Sobald ich lesen konnte, habe ich alles verschlungen, was mir in die Finger kam: angefangen mit Enid Blyton über den gesamten Karl May (als Winnetou starb, wollte ich auch nicht mehr leben) bis hin zu den Göttersagen. Ich habe die Groschenromane meiner Oma gelesen, die Westernheftchen meines Onkels, das – dank des Abos beim Bertelsmann-Club – gut gefüllte Bücherregal meiner Eltern, in dem Literaten wie Mann, Böll, Frisch in schöner Eintracht neben Konsalik, Simmel und anderer sog. Trivialliteratur standen. Dieses ›Querbeet-Lesen‹ habe ich mir bis heute erhalten. Ich fühle mich als Leserin in vielen Genres wohl. Wenn es gut geschrieben ist. Die Sprache, der Stil ist mir dabei schon wichtig. Sonst macht mir das Lesen keinen Spaß.«

Bücher Schuld bist du und Hotline
»Schuld bist du« (2016) und »Hotline« (2014) von Jutta Maria Herrmann

 

 

Dieses Interview führten Jutta Maria Herrmann und Katja Rittig Ende Juni 2016.

4 Kommentare zu “Im Gespräch mit Jutta Maria Herrmann

  • 2. Juli 2016 at 15:08
    Permalink

    Danke dir für dieses interessante Interview! Als Fan beider Bücher freue ich mich schon auf das zukünftige und bin gespannt, was daraus wird!
    Liebe Grüße
    Martina

    Reply
  • 2. Juli 2016 at 20:55
    Permalink

    Nach dem Buch hatte ich heut u.a. Ausschau gehalten und es lag nicht in der thalia aus… muss ich s doch mal bei meiner Buchdealerin ordenr. Hatte ja der Autorin versprochen, dem nächsten Buch eine weitere Chance zu geben 😀

    Finds schön, das du auch auf das Erstlingswerk eingegangen bist. Und ja ich gehöre zu denen, denen das Buch nicht so gefallen hat, da mir die Spannung fehlte. Und nochmal ja, ich wusste wer die Täterin ist, aber ihre Beweggründe haben mich irgendwie nicht gereizt. Lag wohl an der Figur selbst. Passiert halt manchmal 😉

    Leser erwarten bei Psychothrillern Blut?
    Mh, ich nicht wirklich. Dafür hab ich die kleinen bösen Büchlein *g*
    Sobald das kleine "Pscho" davor steht, erwartet man eher diese genannte Spannung mit ihren überraschenden Wendungen.
    Aber wie wir schon gelernt haben: Auf Genre-Angaben kann man sich eh nicht verlassen -.-

    Reply
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