Ernst Dronke – Polizeigeschichten

Ein interessantes historisches Fundstück sind die »Polizeigeschichten« von Ernst Dronke aus dem Jahr 1846. Neu aufgelegt vom Verlag Walde+Graf findet man in diesem sehr sorgfältig aufgemachten Buch insgesamt sieben Erzählungen, die weitgehend auf wahren Fällen beruhen und von Dronke hier in Novellenform wiedergegeben wurden.

 

Sozial-Novellen

Jetzt sollte man nicht der vorschnellen Vermutung unterliegen, hier wären Kriminalgeschichten versammelt, denn das sind diese Novellen per se nicht. Es geht in den Erzählungen nicht um künstlich erzeugte Spannungsmomente (wohl aber tauchen recht schwülstige, dramatische Erzählelemente auf, aber dazu später mehr) oder gar um die Aufklärung von Verbrechen. Es geht sehr vordergründig um die Kritik an den sozialen Umständen einer Zeit und den Blick auf Motive, Beweggründe und Folgen von sozialer Ungerechtigkeit bezogen auf das Entstehen eines verbrecherischen Verhaltens.

Ernst Dronke, geboren 1822 in Koblenz, verstorben 1891 in Liverpool, war Journalist und Schriftsteller. Er setzte seine Stimme in jungen Jahren politisch aktiv ein, was ihm für die ein Jahr nach den »Polizeigeschichten« erschienene Sozialreportage »Berlin« (1847) zwei Jahre Festungshaft einbrachte und eine Flucht nach Brüssel nach sich zog.

Dort lernte Dronke auch Friedrich Engels kennen, später auch Karl Marx und war zu Zeiten der Märzrevolution 1848 enger Wegbegleiter der beiden. Erst in seinem englischen Exil entfremdete er sich zunehmend von ihnen. Er zog sich später ganz aus der Politik und Publizistik zurück und war als selbsttändiger Kaufmann und weiter in einer Minengesellschaft tätig.

 

Mittel zur Kritik

Wirft man einen Blick auf sein Elternhaus, findet man in seinem Vater einen Pädagogen. Ernst Dronke selbst besuchte zunächst das Gymnasium, später die Universität und promovierte schließlich als Journalist. Seine Sozial-Novellen sind ihm Mittel zur Kritik an den gesellschaftlichen Umständen, an sozialer Ungleichheit, an Machtmissbrauch und Willkür im Staatsapparat.

In den »Polizeigeschichten« erzählt er so unter anderem von dem Fall (gerne doppeldeutig zu verstehen) des Tischlers Fritz Schenk, der nach einem Unfall gesundheitliche Einbußen hinnehmen muss, die sich alsbald auch auf seine Leistungsfähigkeit und seine Arbeitskraft auswirken, der seine Anstellung verliert und dem Armut, Hunger und der Verlust von Heim und Herd drohen. Von einem jungen Ehepaar, das keine gemeinsame Heimat findet. Einer jungen Mutter, die sich prostituiert. Einem jungen Mann, der unschuldig in Polizeigewahrsam gerät. Von einem Racheakt, der extreme Ausmaße annimmt. Von insgesamt sieben Fällen erzählt Dronke hier, alle kritisieren Ungleichheit und Machtwillkür, die herrschende Politik und hinterfragen die Rechtmäßigkeit von bestimmten Verhalten.

 

Aus erzählerischer Sicht

Ich konnte mich insgesamt nur mit zwei Geschichten (wer es ebenfalls liest: »Armuth und Verbrechen« und «Polizeiliche Ehescheidung«) wirklich anfreunden. Die restlichen Erzählungen, es tut mir leid, erschienen mir einfach derart redundant und gebetsmühlenartig darauf bedacht, immer wieder und wieder ihre Kernaussage von Unterdrückung, Machtmissbrauch und Willkür im Staatsapparat wiederzukäuen, dass mir bei aller Liebe zum Thema wirklich der Geduldsfaden dünn wurde.

Dronke nutzt sein Erzählen nicht (nehmen wir die beiden eben genannten Novellen davon aus), um den Leser zu einer Selbsteinschätzung der Situation kommen zu lassen. Er diktiert in den Novellen wenig subtil seinen politischen Standpunkt, legt den Akteuren Dialoge in den Mund, die überdeutlich die Absichten dieser Gesprächsführung hervorheben. Und wiederholt diese auch beständig. Das ist erzählerisch zugleich schade und stumpfsinnig. Ich finde es wenig sympathisch, wenn mir als Leser abgesprochen wird, aus der dargelegten Situation eigene Schlüsse ziehen zu können. So sehr Ernst Dronkes Kritik gerechtfertigt ist, so gering ist hier sein Erzählgeschick.

Zudem bedient er sich stilistisch sehr simpler und »publikumswirksamer« Elemente, um die Geschichten noch dramatischer zu gestalten. Das wird mitunter gar ein wenig schwülstig, ein wenig theatralisch. Was angesichts der prekären Notlagen, in denen sich die Betroffenen befinden, überhaupt nicht nötig wäre.

 

Aus historischer Sicht

Gleichzeitig ist der historische Wert und der Erkenntnisgewinn dieser Sammlung extrem großartig! Und aus dieser Sicht ist die Lektüre spannend, einblickreich und interessant und ein Dokument, das sich lohnt. Sei es, weil man geschichtlich, gesellschaftlich, politisch oder kriminalhistorisch interessiert ist.

Und mehr noch, weil diese Novellen die Möglichkeit bieten, heutige gesellschaftliche und politische Konflikte zu reflektieren. Ein Buch, das zum Diskutieren anregt und vermutlich war das auch das vorrangige Anliegen Ernst Dronkes.

Vielleicht ist dies sogar eine sehr sehr frühe und noch ungare Vorform dessen, was heute dank erzählstarker Autoren zum Noir und Polar gereift ist.

 


© Walde+Graf
Ernst Dronke – Polizeigeschichten

Erstausgabe 1846 im Verlag Carl B. Lorck, Leipzig

März 2018 im Walde+Graf Verlag

Hardcover | 192 Seiten | 18,00 EUR

Genre: Sozial-Novellen/True Crime

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Deutschland im 19. Jahrhundert

 

 

 

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