Frank Heller – Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

Lauter interessante literarische Fundstücke im Moment und so aus dieses hier: »Die Diagnosen des Dr. Zimmertür« von Frank Heller. Erstmals 1927 in deutscher Übersetzung erschienen, ein Jahr zuvor im Original, sind die Kriminalgeschichten von dem schwedischen Autor gleich aus mehreren Gründen ein spannendes Lektüreobjekt.

Denn da wäre nicht nur der Reiz der vergangenen Zeit und ein possierlicher Hobbydetektiv, sondern auch die Geschichte des Autors selbst, die ich relativ amüsiert im Anhang des Buches gefunden habe.

 

Schwedische Gardinen? Au contraire!

Frank Heller, irgendwo auf dem Land im Süden Schwedens 1886 geboren und 1947 in Malmö verstorben, hieß mit bürgerlichem Namen Martin Gunnar Serner und gilt als der erste schwedische Krimi-Bestseller-Autor. Bedenkt man den Erfolg und die Präsenz skandinavischer Krimiautoren und -autorinnen auf dem heutigen Markt, ist das schon irgendwie interessant.

Und Frank Hellers Ermittler kommt auch noch ganz ohne Alkoholproblem und Schwermut aus. Ja sowas. Nicht, dass man in den vorliegenden Kriminalgeschichten nicht trinken würde, aber eben mit deutlich mehr Frohsinn.

Doch zurück zur Biografie des Kriminalschriftstellers. Frank Heller machte sich nämlich selbst des Bankbetrugs schuldig und floh daraufhin nach Frankreich, wo er schließlich sein erbeutetes Vermögen im Spielcasino von Monte Carlo verlor. Eine klasse Anekdote!

Nicht der Bankbetrug, das gehört sich freilich nicht, aber die Ironie ist schön. Und wird noch besser, da er eben jene Lebenserfahrung in der Romanfigur Filip Collin verarbeiten konnte, die ihn schließlich in den finanziellen Zustand versetzte, seine Schuld begleichen und Straffreiheit erlangen zu können. Heureka!

 

Ein Psychiater in Amsterdam

Und so widmete sich Frank Heller weiter dem Schreiben und erdachte den für den vorliegenden Band titelgebenden Dr. Joseph Zimmertür. Der jüdische Psychoanalytiker aus Amsterdam wird des öfteren zum Hobbydetektiv und so viel Krux inzwischen auch in der Figur des Hobbyermittlers liegen mag, so souverän setzte Frank Heller diesen Figurentypus vor gut 90 Jahren um.

Dr. Jospeh Zimmertür hat ein feines Gespür für menschliche Befindlichkeiten und zu einer Zeit, in der die Psychologie von nicht wenigen noch als Scharlatanerei und Humbug abgetan wurde, wirkt seine Beobachtungs- und Kombinationsgabe auf manch einen fast wie Zauberei, wie ein Kunststück. Aber der Doktor ist kein Zirkuspferd, sondern ein kluger, belesener und findiger Herr, der es versteht, seine Mitmenschen etwas weniger vorschnell zu beurteilen als es die Mehrheit tut.

Das stellt er in »Die Diagnosen des Dr. Zimmertür« in insgesamt sieben Erzählungen unter Beweis und wird von seinem Autor in Kriminalgeschichten verwickelt, die erfreulich glaubwürdig erscheinen, da der Doktor seinen Fällen zumeist in seinem Sprechzimmer, oft aber auch in seiner angestammten Weinstube begegnet und sie damit nicht überkonstruiert wirken. Außerdem übertreibt es der Schalk nicht mit seinen Späßen und so findet sich in den Geschichten ein gutes Gleichgewicht aus Amüsement und Seriösität.

 

Die Requisiten, bitte!

Denn lustig und unterhaltsam ist es schon, wenn Dr. Zimmertür einer Einladung folgend in einer Villa an der niederländischen Nordseeküste sein Wochenende verbringt und dabei einen Trickbetrüger mit Wünschelrute entlarvt. Ernster werden dann die Angelegenheiten, wenn es, zurück in Amsterdam, um den Konflikt zwischen einem Schriftsteller und seinem Verleger geht, um Pyromanie und Schizophrenie, um den Justizminister oder einen Diamantenraub.

Requisiten und Personal wechseln beständig, ob Antiquitätenhändler oder Kellner, ob Meteoritengestein oder Brillenglas, die Ödipussage oder Spinoza, langweilig wird es nicht, aber auch zu keinem Zeitpunkt überladen.

Deshalb empfand ich die Kriminalgeschichten auch als sehr stimmig, hier passte einfach alles zusammen. Jede Erzählung wirkte wie ein kleines Theaterstück, das sehr gut ausgestattet war. Die Figuren waren nicht überzeichnet, aber wirkungsvoll, die Ideen und Szenerien abwechslungsreich, aber nicht an den Haaren herbeigezogen. Und sprachlich war alles in einem charmant eleganten Ton gehalten, fast ein bisschen tänzelnd, nicht zu schnöselig.

Zudem, und damit steht und fällt doch irgendwie eine Kurzgeschichte, waren die Erzählungen perfekt pointiert. Die Länge, der Plot, die Auflösung, das alles saß auf Maß und machte deshalb einfach unglaublich Spaß beim Lesen.

 

Fazit: »Die Diagnosen des Dr. Zimmertür« sind gelungene, weil pointierte Kurzgeschichten, sie sind gelungene, weil souverän inszenierte Hobbydetektivgeschichten und sie sind trotz der vielen Jahre, die sie inzwischen zählen, keineswegs altbacken, sondern smart und flink und sehr unterhaltsam. Dr. Zimmertür ist etwas für Kurzgeschichtenskeptiker und für Kurzgeschichtenliebhaber. Und ein echter Schatz für Krimifans.

 

 


© Walde+Graf
Frank Heller – Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

Deutsche Erstausgabe 1927 im Verlag Grethlein & Co, Leipzig, Zürich

Februar 2018 im Walde+Graf Verlag

Hardcover | 192 Seiten | 20,00 EUR

Genre: Kriminalgeschichten

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Deutschland im 19. Jahrhundert

 

 

 

2 Kommentare zu “Frank Heller – Die Diagnosen des Dr. Zimmertür

  • 24. August 2018 at 16:42
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    Oh, ich wusste gar nicht, dass Walde & Graf wieder am Start ist. Habe diesen Verlag damals noch vor der Fusion mit Metrolit für mich entdeckt. Und jetzt grabst du hier so etwas aus. Das muss ich ja kaufen, verflucht. 😀

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    • 24. August 2018 at 17:03
      Permalink

      Ja, mit teilweise extrem interessanten Ausgaben! Ich habe mir da auch noch eine illustrierte Ausgabe von Borcherts “Draußen vor der Tür” auf meine Wunschliste gepackt und bin sehr gespannt, was uns da noch erwarten wird. Hoffentlich erwarten wird. Ich war ja großer Fan der Metrolit-Reihe, so so schade, dass die es nicht geschafft hat. 🙁 Aber der Doktor Zimmertür hier ist gerade für uns Krimi- und Sammlerfreaks echt genial, ergänzt halt das “goldene Zeitalter” perfekt und ist irgendwie auch noch mal eine andere Facette. I like! 😀

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